Süddeutsche Zeitung

Chilly Gonzales' Essay "Enya":Hach, schön

Auch wenn man ihre Musik danach immer noch nicht ertragen kann: Chilly Gonzales' Essay über die irische New-Age-Königin Enya ist ein großes kleines Buch über Pop - und den Autor selbst.

Von Jens-Christian Rabe

Für jeden, der auch nur eine ungefähre Ahnung hat, wer Chilly Gonzales ist, ist es erst mal ein Schock. Hat der cleverste Showman des Indie-Pop, hat der Mann, der grundsätzlich in Bademantel und Pantoffeln am Flügel sitzt, auch wenn er mit einem Streichquartett auftritt, der mit Daft Punk und Drake Hits aufgenommen hat und dem es einst gelang, das Wort "Minderwertigkeitskomplex" in einem Rap-Song unterzubringen - hat dieser Mann wirklich ein Buch über Enya geschrieben? Die Königin des New-Age-Bombast-Kitschpop? Fachfrau für Schlaflieder mit einer Überdosis Pathos, zu denen in den Neunzigern zweitklassige deutsche Mittelgewichtsboxer bei ihrem letzten Kampf einliefen, den sie dann sang- und klanglos verloren? Ja, genau das hat er getan.

Und er meint es auch noch ernst: "Wenn ich Enya höre, denke ich, alles wird gut. Ich stelle mir dann vor, ich bin ein Baby und werde von einer irischen Märchenprinzessin in den Schlaf gesungen." Aber eins nach dem anderen.

Der junge Chilly Gonzales, der im Berlin der Neunziger als Komplize von Indie-Pop-Oberhipstern wie Feist, Peaches, Mocky und Jamie Lidell bekannt wurde, war ein begnadeter ironischer Schwindler und Spieler: "You snooze, you lose". "Enya" ist so nun etwas wie der Brief zur Verwandlung des 1972 als Jason Charles Beck in Montreal geborenen kanadischen Musikers. Seit mindestens zehn Jahren führt er ja genau genommen keine supersmarten Pop-Travestien mehr auf, sondern zart elegische, satiehaft minimalistische Piano-Schwelgereien. Zuletzt sogar auf einem Weihnachtsalbum mit Coverversionen von "Stille Nacht", "Jingle Bells" und "O Tannenbaum". Fahrstuhlmusik mit Geschmack für ein kulturaffines, mittelaltes, urbanes Publikum, das ihn schon liebte, als er noch schwitzend rappte, aber doch froh ist, dass Gonzales-Konzerte jetzt in wohltemperierten Philharmonie-Sälen stattfinden. Klimper, klimper, hach, schön, oh, 22 Uhr, dann gehen wir jetzt aber mal schlafen, gell.

Als er damit begann, 2004 auf seinem bis heute erfolgreichsten Album "Solo Piano", schien das noch als lässiger Witz gemeint zu sein. Nach dem Motto: "Hört mal, wenn es sein muss, bringe ich euch sogar dazu, seichtes Pianogeklimper supercool zu finden." Und so war es ja auch. In "Enya", das im Grunde auch eine große Autobiografie en miniature ist, bekennt sich der ausgebildete Jazz-Pianist nun rührend zerknirscht schuldig, seinen eigenen "uncoolen" Musikgeschmack früh verleugnet und Musik missbraucht zu haben, "um Leute zu beeindrucken, anstatt mit ihnen in Verbindung zu treten". Womit Enya ins Spiel kommt.

Der Trick ist, dass Gonzales nicht einfach Enya-Fan ist, sondern leidenschaftlicher Popmusik-Analytiker. Man sehe nur seine brillanten "Pop Music Masterclass"-Videos an, in denen er für den WDR seit einiger Zeit in unregelmäßigen Abständen so unterhaltsam wie erhellend den Zauber von Superhits wie Queens "Bohemian Rhapsody", Billie Eilishs "Bad Guy" oder Taylor Swifts "Shake It Off" entschlüsselt. Im Buch geht es etwa in diesem Sinne, mit Schlenkern zu Nina Simone und den Opernsängerinnen des 18. und 19. Jahrhunderts, um Fluch und Segen von Vibrato im Gesang. Oder um den Mut, Songs mit simplen Melodien "ohne Ego" zu erfinden - und um die Kunst, solche Songs dann durch Akkordbegleitung in andere Versionen ihrer selbst zu verwandeln, ohne dass sie sich tatsächlich ändern.

Und so ist "Enya", auch wenn man Enyas Musik hinterher noch immer nicht ertragen kann, vor allem auch der beste Essay über Pop als Musik, Kunst und Ware, der in der jüngeren Vergangenheit erschienen ist. Mit anderen Worten: Der jüngere, coole Chilly Gonzales ist nicht ganz verschwunden aus dem älteren. Als es sein musste, brachte der es fertig, dass man ein Buch über Enya von ihm gut findet.

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