Süddeutsche Zeitung

Frankfurter Buchmesse:Was ist das Buch ohne die Menschen?

Dank der Digitalisierung kommt die Branche gut durch die Pandemie. Ohne die reale Welt aber verliert das Buch seine Rolle als Leitmedium der Gesellschaft.

Von Felix Stephan

Als Peter Handke im vergangenen Jahr der Literaturnobelpreis verliehen wurde, setzte das bei der Frankfurter Buchmesse eine besondere Kette von Ereignissen in Gang: Der aus Višegrad stammende Schriftsteller Saša Stanišić nutzte seine Dankesrede bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises, um gegen die Entscheidung der Akademie öffentlich Einspruch einzulegen, und brach damit eine Debatte vom Zaun, bei der wie bei einer russischen Matrjoschka-Figur immer eine neue Ebene sichtbar wurde, sobald man die darüberliegende abgetragen hatte.

Zuerst ging es also um die Frage, ob es angemessen sei, die eigene Preisverleihung für Kritik an einem anderen Schriftsteller zu nutzen. Daran schloss sich direkt die Folgefrage an, was Handke über Serbien eigentlich noch einmal genau geschrieben hatte. Und was dieser Text mit der slowenischen Herkunft des Autors und der Rolle der Deutschen im Kosovokrieg zu tun hatte. Und auf einmal drehte sich das Gespräch um Hans-Dietrich Genscher; und darum, warum es überhaupt erst einen in Deutschland zu Ruhm und Erfolg gekommenen bosnischen Bürgerkriegsflüchtling wie Saša Stanišić brauchte, um in Deutschland eine Debatte loszutreten, auf welche die Deutschen ohne Migrationshintergrund auch gern hätten selbst kommen können.

Plötzlich redete sich die halbe Bundesrepublik die Köpfe heiß über Literatur und Politik und Verantwortung und das Verhältnis zwischen diesen dreien, als habe irgendwo ein unsichtbarer, aber sehr einflussreicher Deutschlehrer eine Erörterungsaufgabe gestellt.

Während der Frankfurter Buchmesse kommt es in Deutschland immer wieder zu so einem rapiden Anstieg des medialen Debattenniveaus - und auch deshalb ist die Stille in dieser Woche so gespenstisch. Dass die Messe in ihrer rein digitalen Ausführung über keinerlei Debattenkraft verfügt, hat nicht zuletzt mit der eigenwilligen Doppelrolle ihres Gegenstandes zu tun, des Buchs. Einerseits sind Bücher einfach Waren, die hergestellt und verkauft werden und an deren Zirkulation Abertausende Arbeitsplätze hängen. Andererseits steht aber eben auch etwas drin. Und eine demokratische Gesellschaft, die sich über ihr Telos immer wieder aufs Neue verständigen muss, weil ihr Zweck nicht einfach so gegeben ist, erarbeitet ihren Sinn in öffentlichen Debatten, die in der Regel von Texten ausgehen. Diese Arbeitsweise der Öffentlichkeit findet im Grunde rund um die Uhr statt, aber sie konzentriert und steigert sich während der Frankfurter Buchmesse, weil dort das Schlüsselmedium dieser Debatte so verdichtet auftritt wie an keinem anderen Ort der Welt.

In der ohrenbetäubenden Stille, die gerade von der Messe ausgeht, tritt die Doppelrolle des Buches dieser Tage grell hervor. Um die Geschäfte zu retten, hat die Frankfurter Buchmesse alle Hebel in Bewegung gesetzt, um ihrer Rolle als Handels- und Vermarktungsplattform auch unter pandemischen Bedingungen gerecht zu werden. Es gibt eine digitale Plattform für den Rechtehandel, digitale Fachkonferenzen, digitale Formate, in denen Verlage Aufmerksamkeit und Reichweite für ihre neuen Titel herstellen können.

Und die Zahlen deuten darauf hin, dass die Branche auch ohne Publikumsverkehr eigentlich ganz gut leben kann: Am Anfang der Pandemie sind die Umsätze zwar wie überall sonst erst einmal eingebrochen. In den Monaten von Mai bis September aber liegen sie teilweise deutlich über Vorjahresniveau. Und die deutschen Verlage haben in dieser Zeit sogar 13 Prozent mehr Kinder- und Jugendbücher verkauft als im Vorjahreszeitraum.

Die Leute nutzen die kontaktlose Zeit zum Lesen

Die Frankfurter Buchmesse ist traditionell der Startschuss für die Weihnachtssaison, in der die Buchbranche im Schnitt 36 Prozent ihres Jahresumsatzes generiert. Und wenn man jetzt mit Verlegern spricht, stößt man auf eine gewisse Zuversicht. Die wichtigsten Lizenzgeschäfte hat man, wie schon vor der Pandemie, in den Wochen vor der Buchmesse bei Kurzausflügen nach New York abgeschlossen, die Lager leeren sich fast wie gewohnt, die Leute nutzen die kontaktlose Zeit zum Lesen.

Die literarische Welt scheint auch ohne die eigentliche Welt gut zurechtzukommen. Für ausgeglichene Bilanzen, das ist die zwiespältige Erkenntnis der vergangenen Monate, braucht es im Zweifel keinen Dissens, keine Kritiker, keine Debatten. Betrachtet man das Buch ausschließlich als Ware, ist eine Buchmesse, die rein digital stattfindet, vielleicht sogar die effizientere Variante. Digitale Veranstaltungen erlauben größere Reichweiten, eine zielgenauere Vermarktung, eine exakte Analyse des Kosten-Nutzen-Verhältnisses. Mit modernen Datenanalyse-Tools können Verlage genau auswerten, welche Zielgruppen sie mit dem Geld erreichen, das sie ausgeben, während physische Stände auf der Buchmesse teuer sind, der wirtschaftliche Nutzen aber kaum messbar ist. In der Jahresbilanz taucht ein eigener Buchmessestand nur auf der Ausgabenseite auf.

Der Preis für diese tabellarische Scheingewissheit besteht allerdings darin, dass das Buch seine Rolle als Leitmedium gesellschaftlicher Selbstverständigung einbüßt und sich die Buchbranche von der Öffentlichkeit entkoppelt. Wie das aussieht, führt der US-amerikanische Buchmarkt vor: Die Geschäfte laufen, internationale Megabestseller wie zuletzt Michelle Obamas Autobiografie machen Aktionäre glücklich, spektakuläre Übernahmen bringen hochprofitable Verlagskonzerne hervor. Debatten aber gehen von Büchern nur noch aus, wenn es investigative Coups zu vermelden gibt (Bob Woodward) oder hohe Vorschüsse an weiße Autorinnen gezahlt werden, die nicht-weiße Autorinnen für ein sehr ähnliches Projekt nicht bekommen haben (Kate Elizabeth Russell). Mit einem kontinentaleuropäischen Verständnis von Öffentlichkeit, von kritischem Geist und intellektuellem Bewusstsein hat das nicht besonders viel zu tun.

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Quelle:
SZ vom 17.10.2020/khil
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