Süddeutsche Zeitung

Familiendrama "Blackbird" im Kino:Mutter will es so

"Blackbird" zeigt Susan Sarandon als todkranke Matriarchin, die von ihrer Familie Abschied nimmt.

Von Fritz Göttler

Diesmal pressiert es mit Weihnachten. Also ziehen die Männer schon an Thanksgiving los, um einen schönen Tannenbaum zu schneiden, er wird geschmückt, und abends gibt es ein Festessen am großen Familientisch, Geschenke inklusive.

Lily hat das alles so bestimmt, die mater familias, sie hat die Mitglieder der Familie in das Haus an der amerikanischen Ostküste geladen, für ein allerletztes Wochenende. Lily, überzeugend verkörpert von Susan Sarandon, ist unheilbar krank. Sie hat ALS, und es häufen sich die Momente, da sie die Kontrolle verliert über ihren Körper. Die linke Hand ist verkrampft, das Aufstehen und das Ankleiden morgens sind mühsam, ganz langsam nur kommt sie die Treppe hinunter, sie ermüdet schnell. Wenn ihr ein Glas aus der kraftlosen Hand gleitet und klirrend am Boden zerschellt, erstarrt die ganze Familie.

Alle sind gekommen an diesem Wochenende, die zwei Töchter und ihre Lebenspartner, ein Enkel, auch Lilys beste Freundin, die quasi Teil der Familie ist. Bald wird es klar, Lily denkt daran, ihr Leben selbst zu beenden, den Zustand von Hilflosigkeit und Abhängigkeit, der ihr droht, sich zu ersparen. Ein mit Bedacht inszeniertes Ritual. Ihr Mann war Arzt, hat sie instruiert, und er wird, während sie das tödliche Mittel nimmt, das Haus verlassen und einen Spaziergang machen, um nicht wegen Beihilfe vor Gericht zu kommen.

Roger Michell wurde weltbekannt durch die romantische Komödie "Notting Hill" mit Julia Roberts und Hugh Grant, seine Inszenierung ist hier so kühl wie das Haus, in dem das Wochenende spielt, mit seinem geradlinigen Design, den hellen Räumen, Kunst an den Wänden, der weiten Küche, wo alle zusammen das Essen bereiten. Ein Raum, in dem das Leben sich feiern lässt, aber erst im Moment des nahenden Todes entwickelt er seine ganze Würde.

Die großbürgerliche Liberalität berührt die Grenze zur Parodie

Blackbird ist das amerikanische Remake des Films "Silent Heart" von Bille August, Christian Torpe hat sein Drehbuch dafür auf die amerikanische Gesellschaft umgeschrieben, ihm die psychische Enge genommen, die bedrückende Dramatik. So ist "Blackbird" Teil eines uramerikanischen Genres geworden in dem es um weitläufige Familientreffen geht, traditionell, meistens an Thanksgiving, mit diversen familiären Konflikten und Geheimnissen. Kate Winslet ist Jennifer, die ältere Tochter, die Kleider schlabbern ein wenig um ihren Körper, ihre Brille signalisiert Strenge, sie ist genau das, was man im Englischen bitchy nennt. Mia Wasikowska ist die jüngere Tochter, sie ist zerbrechlich und unsicher, was ihre Liebe zu ihrer Freundin Chris angeht und den Tod, den ihre Mutter ankündigt. Du bist bereit dafür, sagt sie ihr, ich bin es noch nicht.

Familienleben im Kino ist reines Theater, gerade das macht seine filmische Schönheit aus. Die einzelnen Leute sind in sich gekehrt und hoffen auf ein Stichwort, das ihre Rolle ins Rampenlicht rücken wird. Die großbürgerliche Liberalität, die hier angelegt ist, wandelt immer an der Grenze zur Parodie. Es ist angesagt, heißt es einmal, eine Lesbe in der Familie zu haben.

Zum Höhepunkt des Weihnachtsabends gibt es einen Joint, der von einem zum nächsten weitergereicht wird. Guter, starker Stoff. Ein alter Mythos wird lebendiger von Jahr zu Jahr: Inzwischen erzählt jeder aus unserer Generation, er sei in Woodstock gewesen, bildlich gesprochen.

Regie: Roger Michell. Buch: Christian Torpe. Kamera: Mike Eley. Musik: Peter Gregson. Mit: Susan Sarandon, Kate Winslet, Mia Wasikowska, Sam Neill, Rainn Wilson, Bex Taylor-Klaus. Leonine, 97 Minuten.

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