Süddeutsche Zeitung

Berlinale-Enthüllungen:Unter Verschluss

  • Am Dienstagabend war bekannt geworden, dass Alfred Bauer, der erste Leiter der Berlinale, während der NS-Zeit in der Reichsfilmintendanz Karriere machte.
  • Dies ergab eine Recherche der Zeit.
  • Das Festival distanzierte sich, eine geplante Alfred-Bauer-Biographie wurde zurückgezogen - allerdings ohne sie einer Überprüfung zugänglich zu machen.

Von Tobias Kniebe

Eine Recherche der Zeit über die Vergangenheit des ersten Berlinale-Chefs Alfred Bauer im Nationalsozialismus zeigt weiter Wirkung. Am Mittwochabend hatte die Berlinale-Leitung erklärt, in diesem Jahr die Vergabe des Silbernen Bären für "neue Perspektiven in der Filmkunst", der Alfred Bauers Namen trägt, auszusetzen.

Zugleich gab das Festival seine Absicht bekannt, die Festivalgeschichte "mit externer fachwissenschaftlicher Unterstützung" aufzuarbeiten. Dies erscheint dringend geboten - offenbar konnte Bauer, der die Berlinale von 1951 bis 1976 führte, seine genaue Tätigkeit in der NS-Zeit weitgehend verschweigen und verharmlosen. Auch die vorhandenen Quellen in Bundes- und Landesarchiven wurden bisher offenbar so ungenügend ausgewertet, dass seine Mitgliedschaft in SA, NSDAP und vor allem seine herausgehobene Position in der Reichsfilmintendanz unter Joseph Goebbels auch mehr als 30 Jahre nach Bauers Tod kaum bekannt waren.

"Ungeschicklichkeiten bei der Darstellung" in einer Alfred-Bauer-Biografie

Zwar hatte die mit der Berlinale eng verbundene Deutsche Kinemathek für Februar die Publikation einer neuen, wissenschaftlich fundierten Alfred-Bauer-Biografie geplant - auch dieser wirft die Zeit nach Lektüre der Fahnen aber vor, wichtige Dokumente unvollständig oder verharmlosend darzustellen. Am Mittwoch zog die Kinemathek die Veröffentlichung, die aus der Feder ihres fest angestellten wissenschaftlichen Redakteurs Rolf Aurich stammt, daraufhin zurück. "Unser Autor hat Alfred Bauers Tätigkeit im Nationalsozialismus im Wesentlichen so geschildert, wie sie jetzt bekannt geworden ist. An zwei Stellen sind ihm allerdings Ungeschicklichkeiten bei der Darstellung seiner Quellen unterlaufen, nicht ideale Lösungen, die wir jetzt überarbeiten und mit neuen Quellen ergänzen wollen", sagt Rainer Rother, der Künstlerische Direktor der Kinemathek.

Die Vorwürfe der Zeit, dass auch diese aktuelle Publikation Bauers früherer Selbstdarstellung über "weite Strecken" folge, die Lügen über seine Funktion in der Reichsfilmintendanz auslasse, Daten seiner angeblichen Austritte aus NDSAP und SA ungeprüft übernehme und ein Schreiben der Gauleitung Mainfranken über Bauer ("ein eifriger SA-Mann") selektiv verharmlosend zitiere, weist Rother zurück. Zugleich lehnt er es jedoch ab, die jetzt zurückgezogene Publikation einer Überprüfung zugänglich zu machen - der Schutz des eigenen Autors habe Vorrang. Womit die von der Zeit gestellte Frage, ob hier Alfred Bauer vor dem Blick der Gegenwart geschützt werden sollte oder die Gegenwart der Berlinale vor Alfred Bauer, weiterhin im Raum steht.

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Quelle:
SZ vom 31.01.2020/tmh
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