Süddeutsche Zeitung

Männer in Erziehungsberufen:Allein unter Frauen

Die Bezahlung ist mager, das Ansehen auch: Wenn Männer Erzieher werden oder Grundschullehrer, müssen sie von dem Beruf überzeugt sein. So wie Maximilian Funk, der Grundschul-Lehramt studiert - und sich nur noch einen anderen Job vorstellen kann.

Verena Wolff

Wenn Maximilian Funk in seine Seminare an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt kommt, ist eines sicher: Er ist allein unter Frauen. Der 22-Jährige studiert Lehramt für Grundschule - und genau so, wie es das Klischee will, sieht die Geschlechterverteilung in den Hörsälen aus: "Wir sind ungefähr 70 Mädels und fünf männliche Kommilitonen", sagt er.

Dem jungen Mann macht das nichts, er kennt diese Situation schon aus der Schule: "Da war ich auch in einigen Kursen der Quotenmann." Und er ist sich sicher, dass sich die Situation während seines Berufslebens nicht ändern wird, denn "es gibt inzwischen schon Grundschulen, in denen kein einziger männlicher Lehrer mehr im Kollegium ist".

Funk, der in drei Semestern sein erstes Staatsexamen absolvieren will, kann sich keinen schöneren Beruf vorstellen, als Lehrer an einer Grundschule zu sein. "Nach dem Abitur hatte ich keine konkreten Pläne und habe meinen Zivildienst im Kinderdorf Marienstein der Caritas abgeleistet", erzählt er. Die Arbeit mit den Kindern habe ihm viel Spaß gemacht - und so entschied sich Funk, Lehrer in einer Grundschule zu werden.

"Die Alternative wäre für mich Erzieher gewesen: Aber da dauert die Ausbildung fünf Jahre, und der Verdienst ist deutlich geringer als der eines Lehrers", sagt er. Ausschlaggebend für die Wahl des Studiums sei der Beamtenstatus gewesen.

Weniger als drei Prozent aller Erzieher in Kindergärten und anderen Betreuungseinrichtungen wie Kitas, Schulkindergärten, Horten oder Krippen sind Männer. Auch in den Grundschulen geht die Anzahl der Lehrer stetig zurück - die Lehrerinnen sind dort deutlich in der Überzahl. Ihr Anteil liegt bei 87 Prozent. Von den insgesamt 673.000 Lehrern an allgemeinbildenden Schulen sind 70 Prozent Frauen.

Das Problem sei historisch gewachsen, sagt Norbert Hocke, Leiter des Vorstandbereichs Jugendhilfe und Sozialarbeit bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Berlin. Zunächst hätten sich Ordensschwestern, dann die höheren Töchter um die Erziehung gekümmert - "so ist Pädagoge ein Frauenberuf geworden". Und als solcher - wie bei den Erziehern - schlecht bezahlt und oft despektierlich abgetan. Noch immer sei die Meinung verbreitet, dass Erziehen und Bilden jeder könne. Aber weder Erzieher noch Primarlehrer seien Berufe "zwischen Schulabschluss und Heirat", die auf die eigenen Kinder vorbereiteten. "Es muss insgesamt zu einer Aufwertung der pädagogischen Arbeit kommen", sagt Hocke.

Die Bezahlung ist ein Problem

Denn die Fachleute sind sich einig: Gerade in den ersten vier Klassenstufen sind Männer im Lehramt als Rollenbilder und Bezugspersonen von entscheidender Bedeutung. "Kinder sollten immer beide Rollenmuster kennenlernen, auch bei der Konfliktbewältigung und der Austragung von Streit", sagt Klaus Wenzel, Präsident des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes (BLLV). Relativ viele Kinder erlebten schon zu Hause keine männliche Bezugsperson, weil die Mütter alleinerziehend seien. "Und in der Grundschule muss ein Kind sehr viel Glück haben, eine männliche Bezugsperson zu finden - oft ist da nur der Hausmeister."

Ein Versuch, mehr Männer in Kitas zu bringen, ist die Akademisierung der Ausbildung. So bieten zahlreiche Fachhochschulen und Universitäten inzwischen Studiengänge als Alternative an: Die Fächer heißen "Frühkindliche Bildung und Erziehung", "Bildung und Erziehung im Kindesalter" oder "Early Education" und schließen mit dem Bachelor ab. Bisher lief die Erzieherausbildung in Deutschland ausschließlich außeruniversitär - im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern.

Ein weiteres Problem ist die Bezahlung, denn nach Expertenmeinung bekommen Erzieher und Grundschullehrer zu wenig Geld. "Ein Grundschullehrer kriegt das gleiche Geld wie der Lehrer in einer Hauptschule, hat aber eine höhere Lehrverpflichtung", sagt Wenzel. Eine ganze Besoldungsstufe trennt Grundschul- und Gymnasiallehrkräfte. Auch das sei in anderen Ländern anders, betont Wenzel: "In Finnland etwa verdient die Erzieherin so viel wie ein Oberstudienrat."

Das Bundesfamilienministerium hat vor allem die frühkindliche Bildung im Blick und will "Mehr Männer in Kitas" bringen, so der Name seiner Initiative: Mit 13 Millionen Euro werden 16 Modellprojekte in 1300 Kindertagesstätten aus 13 Bundesländern gefördert, zudem gibt es Aktionen in Schulen, Praktika und viele Informationsveranstaltungen für junge Leute.

Der perfekte Beruf

Maximilian Funk ist nach wie vor begeistert von der Wahl seines Fachs - zumal sein Studium sehr praxisorientiert ist, wie er sagt: "Ich habe in fünf Semestern bereits vier Praktika an Grundschulen gemacht." Für ihn sei das der richtige Weg, weil sich so die Theorie aus der Hochschule immer gleich im Klassenzimmer anwenden lasse. "Nach jedem Praktikum bin ich darin bestärkt, dass ich das Richtige studiere."

Zwar habe er sich zu Beginn der Studienzeit oft Sprüche von Freunden und Bekannten anhören müssen. "Doch sie merken jetzt, dass Grundschul-Lehramt mehr ist, als eins und eins zusammenrechnen", sagt er. Die Freunde erkennten immer stärker an, was er mache.

Es gehört schon einiges an Überzeugung dazu, sich als Mann in das Studium zu stürzen", sagt Funk. Und man muss mutig genug sein, gesellschaftliche Konventionen aufzubrechen: "Es liegt noch immer am Rollenverständnis, dass wir so wenig Männer in der Erziehung und Bildung der Kinder sehen: Ein gestandenes Mannsbild wird halt Jurist oder Ingenieur oder Manager", sagt BLLV-Präsident Wenzel.

Funk jedenfalls gefällt die Arbeit mit den Kindern. "Lehrer ist ein kreativer Beruf, manchmal zum Beispiel muss man fast wie ein Schauspieler sein, um den Kindern etwas zu vermitteln." Außerdem ziehe er die Arbeit mit den jüngeren Kindern der mit Pubertierenden in der Mittelstufe deutlich vor: "Die Kleinen hängen sich viel mehr rein und wollen alles wissen." Auch die soziale Komponente sei deutlich stärker, denn als Grundschullehrer sei man automatisch Klassenleiter. "Da sieht man die Kinder nicht nur zwei Stunden in der Woche, sondern jeden Tag."

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Quelle:
SZ vom 11.08.2012/wolf
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