Süddeutsche Zeitung

Guttenberg und die Folgen:Der Zorn der Doktoranden

An Verteidigungsminister Guttenberg perlt Kritik ab. An anderen geht die Plagiatsdebatte nicht so spurlos vorüber. Die wahren Leidtragenden der Affäre sitzen in den Universitäten. Denn sie müssen Spott ertragen - und Glaubwürdigkeit als Tugend vermitteln. Das Image der Doktorarbeit ist angekratzt. Der Zorn in den Fakultäten ist groß.

Der Doktortitel ist weg, die Karriere möglicherweise gerettet. Also alles gut im Fall Guttenberg? Mitnichten, werden Doktoranden, Studenten und Professoren in Deutschland sagen. Während der Verteidigungsminister versucht, zum Tagesgeschäft zurückzukehren, kämpft der wissenschaftliche Betrieb mit den Folgen der Plagiats-Debatte.

Kurz und schmerzlos sollte es werden - für alle Beteiligten. Indem Karl-Theodor zu Guttenberg den Dr. vor seinem Namen schon gestrichen hatte, bevor die Universität Bayreuth über die Zukunft seines Doktorgrades überhaupt entschieden hatte, gab er einen Weg vor, den seine ehemalige Hochschule dankbar einschlug. Der Titel wurde aberkannt, die Frage, ob es sich bei der Arbeit aber um vorsätzliche Täuschung handelt, blieb vorerst unbeantwortet.

Ob der Schaden von der Wissenschaft damit tatsächlich abgewendet wurde, bleibt jedoch zweifelhaft. Am wissenschafltichen Betrieb geht die Plagiatsdebatte nicht spurlos vorüber. "Viele Doktoranden fürchten eine Entwertung der Promotion, denn Menschen außerhalb der Wissenschaft fragen sich natürlich, wie konnte das passieren? Wie kann es sein, dass diese Arbeit überhaupt angenommen wurde? Und wie kann es sein, dass sie dann auch noch mit summa cum laude bewertet wurde?" sorgt sich Norman Weiss, Vorsitzender des Promovierenden-Netzwerks Thesis. Auf eine Erklärung der Universität Bayreuth wartet er bislang vergebens.

Auch der Münchner Jura-Professor Volker Rieble räumt ein, dass die wissenschaftliche Arbeit unter der aktuellen Diskussion leidet: "Ich möchte im Moment nicht jemand sein wollen, der seinen Doktortitel oder sein Diplom an der Uni Bayreuth erworben hat. Da ist der Spott groß. Und Summa-cum-laude-Doktoranden werden ebenso verhöhnt", sagt er.

Aber auch seine Studenten zeigen sich angesichts der Debatte tief verunsichert. "Ich bekomme derzeit viele E-Mails mit Fragen zur richtigen Zitierweise", sagt Rieble. Mehr Aufmerksamkeit auf der einen Seite, aber auch mangelnde Glaubwürdigkeit auf der anderen: "Wie will man jetzt als Tutor den Erstsemester-Studenten glaubhaft vermitteln, wie wichtig korrekte Fußnoten sind?" fragt sich Tobias Dillschnitter, Geschäftsführer der Studierendenvertretung der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Nicht ganz unschuldig?

Die Leidtragenden sind die Studenten, die ihre Arbeiten mühevoll korrekt erstellen und am Ende substanzielle Inhalte vorweisen.Gerade Doktoranden, die unter wirtschaftlich schwierigen Bedingungen über Jahre an ihrer Arbeit feilen, reagieren verärgert auf den Fall Guttenberg, sagt Thesis-Vorsitzender Weiss, denn sie steckten tatsächlich mühevolle Kleinstarbeit in ihre Dissertation. Trotzdem müssten sie jetzt damit rechnen, dass ihr akademischer Grad durch Guttenbergs Plagiate an Ansehen verliert - ebenso wie der gesamte wissenschaftliche Betrieb.

Der sei an dieser Entwicklung selbst aber nicht ganz unschulidg, sagt Rechtsprofessor Rieble. "Die Wissenschaft erleidet keinen Schaden, den sie nicht verdient. Wir legen an Doktoranden Maßstäbe an, denen nicht einmal die Professoren selbst entsprechen. Es kommt nicht selten vor, dass der Assistent eine Arbeit für seinen Professor schreibt und als Autor überhaupt nicht genannt wird. Das kommt nur heraus, wenn der Assistent seinerseits plagiiert hat."

Der positive Effekt

Rieble hofft deshalb neben allem Spott für die Wissenschaft auch auf einen positiven Effekt der Debatte. "Vielleicht kommt es zu einem Umdenken. In der Wirtschaft gibt es die Anti-Korruptions-Kommission, vielleicht ist in der Wissenschaft auch eine Anti-Plagiats-Kommission denkbar", sagt er.

Wer jedoch auch jetzt schon ohne fremde Hilfe und nach allen Vorschriften an seiner Dissertation feilt, dem bleibt momentan nur der Zorn. Nicht zuletzt deshalb zeigt sich Weiss enttäuscht von der knappen Erklärung der Universtität Bayreuth: "Sie hat es sich vordergründig sehr einfach gemacht. Sie hat zwar festgestellt, daß die Arbeit nicht mal ansatzweise wissenschaftliche Kriterien erfüllt, die Frage nach Vorsatz oder Versehen aber offengelassen. Es wäre schön gewesen, wenn betont worden wäre, dass es sich bei diesem Vergehen nicht um eine Lappalie handelt", sagt er. Eine Dissertation so einzureichen, sei eine große wissenschaftliche Ehrverletzung, die nicht einfach als Kleinigkeit abgetan werden könne.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) hatte das Vorgehen der Universität Bayreuth zuvor begrüßt. Die Erklärung zeige, dass die Wissenschaft "souverän" sei und "die Selbstregulierungskräfte" wirksam seien, sagte Schavan im Deutschlandradio Kultur.

Auch der Münchner Jura-Professor Volker Rieble attestiert der Hochschule korrektes Vorgehen: "Die Uni Bayreuth hat alles richtig gemacht. Sie agiert in diesem Fall als Verwaltungsbehörde. In dem Verfahren ging es ausschließlich darum, zu entscheiden, ob Guttenberg der Doktortitel aberkannt wird oder nicht."

Angesichts der Kritik aus der Opposition erklärte Universitätspräsident Rüdiger Bormann jedoch bereits, dass die Kommission zur Selbstkontrolle in der Wissenschaft sich weiterhin mit dem wissenschaftlichen Fehlverhalten Guttenbergs auseinandersetzte und untersuche, "ob es Hinweise auf eine Täuschung gibt". Die Beweisführung sei "sehr komplex und strittig", daher könne sich der Prozess lange hinziehen. Thesis-Vorsitzender Weiss hofft trotzdem auf ein eindeutiges Ergebnis.

Den Schaden, den das wissenschaftliche Ansehen bisher erlitten hat, wird aber wohl auch deren Ergebnis nicht so schnell retten können. "Das Image der Doktorarbeit ist angekratzt, auch wenn sich die Wissenschaft auf lange Sicht auch von diesem Skandal wieder erholen wird", sagt Weiss. Denn wissenschaftliche Skandale gab es schon viele, oftmals wesentlich schwerwiegender als der Fall Guttenberg. Das Interessse der Öffentlichkeit blieb mangels Popularität der Hauptakteure jedoch meistens relativ gering.

Wie tiefgreifend die Folgen der Debatte für Guttenberg selbst sein werden, ist momentan noch nicht abzusehen. Für das Jurastudium an der Universität Bayreuth soll er nun offenbar aber nicht mehr werben. Aufgrund der Aberkennung des Doktorgrades werde der Imagefilm, in dem der Verteidigungsminister das Studium in Bayreuth als lohnenswert anpreist, "derzeit überarbeitet", heißt es auf der Internetseite der Jura-Fakultät. Auch ein Foto Guttenbergs auf der Homepage der Universität wurde am Donnerstag entfernt. Bormann ließ allerdings offen, ob Guttenberg künftig noch als Werbeträger fungieren wird. Das müsse man sich in Ruhe durch den Kopf gehen lassen, sagte er.

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