Süddeutsche Zeitung

Geburt:Wehen im Wasser

Lesezeit: 2 min

Einem neuen Überblicksartikel zufolge kann es Vorteile haben, wenn Frauen während der Geburt in die Badewanne steigen.

Von Berit Uhlmann

In den meisten Kreißsälen ist die Wanne längst Standard. Dass es werdenden Müttern gut tun kann, das Angebot zumindest zeitweise zu nutzen, legt nun ein im Fachblatt BMJ Open erschienener Überblicksartikel nahe. Die Forscherinnen um die Hebammenwissenschaftlerin Ethel Burns von der Oxford Brookes University haben insgesamt 36 Studien mit knapp 160 000 Teilnehmerinnen ausgewertet. Die Frauen in der Auswertung waren soweit bekannt gesund und ließen keine Geburtskomplikationen erwarten.

Der Auswertung zufolge hatten die Mütter, die die drei Geburtsphasen teilweise oder komplett im warmen Wasser verbrachten, weniger Schmerzen als jene, die eine Standardgeburt erlebten. Die Zahl der Periduralanästhesien, vielen Müttern unter der Abkürzung PDA bekannt, war bei den Badenden um etwa 70 Prozent reduziert. Auch die Schmerzmitteleinnahme war um etwa zwei Drittel niedriger als bei der herkömmlichen Geburt. Zugleich wurden bei den Frauen, die Zeit in der Wanne verbrachten, etwa 80 Prozent weniger Dammschnitte durchgeführt. In den meisten Studien erlitten die badenden Gebärenden auch weniger Dammrisse. Die Zufriedenheit mit der Geburt war bei ihnen etwa doppelt so hoch wie bei der üblichen Niederkunft.

Eine Reihe anderer Indikatoren, darunter die Zahl von Notfallkaiserschnitten, blieb von dem Wannenbad der Mütter unbeeinflusst. Auch auf den Zustand der Babys hatte die Wassergeburt kaum Auswirkungen. Der Apgar-Index, mit dem unmittelbar nach der Geburt Atmung, Puls, Muskel-Grundtonus, Aussehen und Reflexe des Kindes bewertet werden, war bei den Säuglingen der Badenden nicht anders als bei denen der übrigen Frauen. Und die Quote diverser kindlicher Komplikationen, wie etwa die von Atemproblemen, war in beiden Gruppen gleich.

Die Wannengeburt birgt auch Risiken

Als Risiko einer Wassergeburt identifizierte das Team die Möglichkeit, dass die Nabelschnur reißt. Dies geschehe vermutlich, wenn an der Nabelschnur gezogen wird, um das Neugeborene aus dem Wasser zu heben. Der Riss könne zu Blutverlusten führen, sei jedoch sehr selten und in der Regel gut behandelbar, schreiben die Autorinnen.

Die Forscherinnen zogen das Fazit, dass die Gebärwanne eine technologisch einfache und alles in allem sichere Möglichkeit sei, das Wohlbefinden der Frauen zu erhöhen. Allerdings sind nicht alle in die Auswertung eingeschlossenen Studien von hoher wissenschaftlicher Güte. Teilweise fehlten nähere Angaben zu den Müttern, zu der Zeit, die sie im Wasser verbrachten, sowie den weiteren Umständen und Praktiken während der Geburt. Dies erschwert die Vergleichbarkeit der Gruppen und könnte die Ergebnisse verzerren.

Wissenschaftler des besonders streng arbeitenden Cochrane-Netzwerks waren 2018 ebenfalls zu dem Schluss gekommen, dass das Bad wahrscheinlich zu weniger PDAs führt. Abgesehen davon sahen die Autoren weder weitere Vorteile noch Nachteile, wenn die Wehen im Wasser verbracht wurden. Das Team hatte insgesamt 15 Studien ausgewertet, bei denen die Gebärenden per Zufallsprinzip entweder ins Wasser stiegen oder nicht. Die Evidenz der Untersuchungen bezeichneten sie als moderat bis niedrig.

In der Leitlinie, nach der sich Ärzte in Deutschland richten, wird das warme Bad als mögliches Mittel gegen den Wehenschmerz empfohlen. Deren Autorinnen und Autoren raten jedoch nicht pauschal dazu, alle Geburtsphasen im Wasser zu verbringen, da es derzeit weder genug Evidenz dafür noch dagegen gebe. Häuser, die die Wassergeburt anbieten, sollten in jedem Fall bestimmte Vorsichtsmaßnahmen beachten, heißt es in der Leitlinie. Dazu gehören klare Hygienestandards und ein Notfallplan für plötzliche Komplikationen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5615743
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.