Süddeutsche Zeitung

Vorwürfe gegen Stiftung Organtransplantation:"Man kam sich vor wie bei Scientology"

In diesem Jahr wurden so wenig Organe gespendet wie schon lange nicht mehr. Insider machen dafür auch die zuständige Stiftung Organtransplantation verantwortlich. Die demotiviere ihre Mitarbeiter durch Kontrollwut, Geldverschwendung und Fehlplanung.

Christina Berndt

Eigentlich sollte es bergauf gehen mit der Organspende. Das hatten viele Ärzte und Kranke gehofft, als Frank-Walter Steinmeier im August 2010 seiner Ehefrau eine seiner Nieren abtrat. Der Mangel an Spenderorganen war anschließend ein großes Thema in den Medien. Doch die Hoffnungen wurden enttäuscht: Die Zahlen sind so schlecht wie seit Jahren nicht mehr. Nur 1861 Organe von Toten wurden im ersten Halbjahr 2011 verpflanzt - im Vergleich mit 2010 ein Minus von zwölf Prozent.

In einem anonymen Brief an den Gesundheitsminister machten Mitte Oktober Menschen mit guten Kenntnissen im Transplantgeschehen einen Schuldigen an dem Desaster aus: Verantwortlich für den Rückgang der Spendezahlen sei ausgerechnet die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) - jene Stiftung also, deren ureigenstes Ziel es ist, die Organspende in Deutschland voranzutreiben, so die Autoren.

Die DSO organisiert alle Schritte im komplizierten Prozess der Organspende. Dazu schickt sie Ärzte oder Krankenschwestern, sogenannte Koordinatoren, in jene Kliniken, in denen ein potentieller Organspender stirbt. Eine Novelle des Transplantationsgesetzes, wie sie derzeit diskutiert wird, werde nichts nützen, solange nicht an den Strukturen der DSO gerüttelt werde.

Deren zwei Vorstände nämlich verschwendeten Kassengelder, statt sie in die Organspende zu investieren, pflegten einen Führungsstil nach Gutsherrenart, setzten falsche strukturelle Prioritäten und demotivierten ihre Mitarbeiter durch Kontrollwut, heißt es in dem anonymen Brief. "Viele engagierte, langjährige Mitarbeiter haben die DSO bereits verlassen. Das bleibt natürlich nicht ohne Wirkung auf die Organspende."

Das anonyme Schreiben hat die Politik aufgeschreckt. "Die Vorwürfe geben Anlass, für eine umgehende Aufklärung Sorge zu tragen", fordert das Gesundheitsministerium die zuständige Stiftungsaufsicht auf. Auch der Spitzenverband der Krankenkassen forderte, den Anschuldigungen nachzugehen.

Die DSO-Spitze will sich zu den Vorwürfen nicht äußern. Ursächlich für den Einbruch der Spendezahlen könne vieles sein: weniger Hirntote, Personalmangel auf den Intensivstationen, womöglich auch Patientenverfügungen. "Eine Auseinandersetzung mit anonym vorgetragenen und einer sachlichen Grundlage entbehrenden Vorwürfen verbietet sich", so die DSO in einer Stellungnahme.

Der Brief sei aus guten Gründen anonym, verteidigen sich die Autoren: "Ein offener Dialog wäre uns lieber, doch ein Großteil der Mitarbeiter (der DSO) lebt unter ständiger Angst." Sie würden "regelmäßig vom Vorstand eingeschüchtert. Bei kritischen Äußerungen werden Abmahnungen oder Kündigungen ausgesprochen. Auch bei erkrankten Mitarbeitern kennt der Vorstand keine Gnade."

Der Süddeutschen Zeitung liegen mehrere Berichte vor, wonach die DSO-Führung massiv Druck auf ihre Mitarbeiter ausübt. "Kritiker werden seit Jahren mundtot gemacht", sagte ein früherer Transplantationskoordinator, der wie viele Zeugen anonym bleiben will - manche aus Angst, andere, weil sie sich vertraglich zum Schweigen verpflichtet haben."Man kam sich vor wie bei Scientology", so der Ex-Koordinator weiter. Kollegen hätten Unterlagen in Bahnhofsschließfächern deponiert, fühlten sich überwacht und ausspioniert.

Ein Bote stellte die Kündigung in der Nacht zu

Besonders deutlich wird der Führungsstil der DSO-Spitze am Fall einer Krankenschwester, die sich jahrelang als Koordinatorin in Nordrhein-Westfalen für die Organspende einsetzte. Eines Tages aber horchte sie auf: In ihren Augen war gegen Recht und Gesetz verstoßen worden. In Düsseldorf waren einem Spender Organe entnommen worden, obwohl der Hirntod "formal juristisch nicht korrekt" diagnostiziert worden war, wie DSO-Mitarbeiter in einer Sitzung feststellten. Zum Zeitpunkt der Organentnahme hatte laut Aktenlage nur ein Neurologe den Hirntod des Spenders festgestellt; der Gesetzgeber verlangt aber zwei unabhängige Untersuchungen. Dies soll sicherstellen, dass der Spender wirklich hirntot ist.

Die DSO löste das Problem unkonventionell: Sie entschied kurzerhand, die Organe sollten trotzdem entnommen werden. Später räumte sie in einem Anwaltschreiben ein, dass nur ein Protokoll vorlag. "Die Beteiligten waren sich aber sicher, dass das zweite Protokoll existent war", so die DSO, "es konnte zum Zeitpunkt der Organentnahme nur nicht aufgefunden werden, weil es aus Versehen in eine andere Akte geraten war."

Der Krankenschwester ließ der Fall keine Ruhe. Sie forderte Qualitätssicherungsmaßnahmen, die korrekte Abläufe garantieren, und schaltete auch die Kontrollgremien ein: den Stiftungsrat und die bei der Bundesärztekammer ansässige Überwachungskommission. Dem DSO-Vorstand und den verantwortlichen Ärzten in Düsseldorf passierte nichts; die Krankenschwester aber verlor ihren Job. Kurz vor Mitternacht klingelte ein Bote sie aus dem Bett, um ihr eine fristlose Kündigung zuzustellen.

Kontrolle auf Schritt und Tritt

Mitarbeiter höheren Ranges fühlten sich häufig gemobbt, bevor sie die DSO schließlich resigniert verließen. So wurde der langjährige geschäftsführende Arzt der Region Baden-Württemberg, Werner Lauchart, regelmäßig und aus kleinsten Anlässen in die 200 Kilometer entfernte Zentrale zitiert, wie Vertraute berichten. Zwei Jahre vor seiner Pensionierung schied Lauchart im Juli aus - "aus gesundheitlichen Gründen", wie die DSO mitteilte.

Die DSO kontrolliert ihre Leute inzwischen auf Schritt und Tritt", berichtet ein Ex-Mitarbeiter. Außendienstmitarbeiter müssten selbst für Stadtfahrten Dienstreiseanträge stellen. "Gerade auf so einem sensiblen und psychisch belastenden Feld wie der Organspende kann man seine Mitarbeiter aber nicht kontrollieren, man muss sie motivieren", sagt Gundolf Gubernatis, ehemaliger geschäftsführender Arzt der Region Nord, der ebenfalls nach Auseinandersetzungen mit dem Vorstand die DSO verlassen hat.

Denn es liegt vor allem am persönlichen Engagement der Koordinatoren und der übergeordneten geschäftsführenden Ärzte, ob Kliniken bereit sind, Organspender zu melden. Für die Kliniken bedeutet die Organentnahme vor allem Aufwand - schon allein, weil sie dafür Personal und OP-Säle zur Verfügung stellen müssen. "Wenn die Ärzte in den Kliniken nicht vom Nutzen der Transplantationsmedizin überzeugt sind, können sie den potentiellen Spender auch einfach sterben lassen, ohne sich um seine Organe zu bemühen", sagt Gubernatis.

Goldene Füller und Tagungen im Fünf-Sterne-Hotel

Die Vorwürfe in dem anonymen Brief richten sich nicht nur gegen den Führungsstil des DSO-Vorstands, sondern auch gegen sein Finanzgebaren. An der Organspende selbst werde gespart, während die DSO-Spitze ihren Sitz vom gemächlichen Neu-Isenburg in ein schickes Hochhaus am Frankfurter Mainufer verlegt, goldene Montblanc-Füller anschafft und im Fünf-Sterne-Hotel tagt.

Wichtige Strukturen seien zum Nachteil der Organspende verändert worden, beklagt ein ehemaliger Mitarbeiter: "In Nordrhein-Westfalen wurden alle kleinen Büros zugemacht; da sitzen jetzt alle Koordinatoren in Essen und sind nach Aachen oder Bielefeld stundenlang unterwegs." So ein Weg kann sich leicht einmal zu lang anfühlen. "Die DSO setzt manche Ressourcen nicht optimal ein, das ist sicher nicht von der Hand zu weisen", sagt auch Hans Schlitt, Direktor der Chirurgischen Uniklinik Regensburg. So hat die DSO mehrere Millionen Euro in das Projekt der Inhousekoordinatoren gesteckt: In bislang 112 Kliniken hat sie Ärzten diesen Titel verliehen, damit diese potentielle Spender direkt an die DSO melden. So sollte die Zahl der Organspenden steigen. Doch die Rechnung geht nicht auf, wie einem Bericht des Deutschen Krankenhaus-Instituts zu entnehmen ist. Der Titel des Inhousekoordinators allein ändert nichts an der Zahl der gemeldeten Spender. "Die Kliniken fühlen sich eher noch gegängelt und kontrolliert", sagt ein DSO-Mitarbeiter.

Schon wenn die Kliniken mehr Unterstützung von der DSO bekämen, wären sie wohl häufiger bereit, den Aufwand der Organentnahme auf sich zu nehmen. Das zeigt sich in der DSO-Region Nord-Ost, zu der Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern gehören. Die Spendezahlen hier nahmen immer eine Spitzenposition ein. Das lag gewiss an der traditionell hohen Spendebereitschaft in der Gegend, aber auch am unkonventionellen Stil des langjährigen geschäftsführenden Arztes Claus Wesslau.

Wesslau habe den Krankenhäusern üblicherweise Leistungen angeboten, die eigentlich als besondere Hilfe vorgesehen waren, erläutert Dietmar Mauer von der Uniklinik Homburg/Saar, früher geschäftsführender Arzt der DSO-Region Mitte. Üblicherweise schickt die DSO einen Koordinator in eine Klinik mit einem potentiellen Spender. Nur wenn die Situation besonders schwierig ist, werden zwei Koordinatoren ausgesandt - etwa wenn ein Gespräch mit einem Vater ansteht, dessen Kind ertrunken ist. "Solche Gespräche sind auch für die Koordinatoren sehr belastend", sagt Mauer.

"Es nützt doch nichts, die Krankenhäuser unter Druck zu setzen"

Wesslau aber hat oft zwei Koordinatoren geschickt, um die Kliniken zu entlasten. "Und wenn drei Koordinatoren bezahlt werden müssen - die Hauptsache ist doch, dass die Spende zustandekommen kann", sagt er. Der DSO-Vorstand aber lehnte dies immer ab. Denn laut Gesetz muss das Krankenhaus die Ärzte und Schwestern für die Organentnahme bereitstellen. "Aber es nützt doch nichts, die Krankenhäuser unter Druck zu setzen", sagt Wesslau, "das geht nur nach hinten los."

Nach Wesslaus Pensionierung Ende 2010 hat die DSO-Spitze seine personalintensiven Maßnahmen jedenfalls eingestellt. Seither sind die Spendezahlen in der Region Nord-Ost stark gefallen. Von Januar bis November 2011 gab es dort nur noch 119 Spender, während es in den Vergleichszeiträumen der Jahre 2005 bis 2010 durchschnittlich 141 gewesen waren - ein Minus von 15 Prozent.

Das Beispiel zeige, wie wichtig es sei, dass die DSO-Ärzte in den Regionen ihre eigenen Prioritäten setzen können, sagt Dietmar Mauer: "Die Kliniken müssen bedarfsadaptiert unterstützt werden." Eine weitere Zentralisierung sei kontraproduktiv. Doch eben die betreibt der DSO-Vorstand, wie das Berliner Sozialforschungsinstitut IGES im Jahr 2009 in seinem Bericht zur Situation der Transplantationsmedizin feststellte: Darin heißt es, es sei "eine Zunahme von durch die DSO-Zentrale angeordneter Bürokratie zu erkennen, die die Kapazitäten der DSO-Mitarbeiter binde und deren Handlungsfähigkeit im eigentlichen Aufgabenfeld einschränke." Eine stärkere Regionalisierung sei "dringend erforderlich".

Auch für Claus Wesslau ist klar, was zu tun ist: "Die DSO muss auf den Prüfstand", fordert er. "Es muss von Ministeriumsseite neu darüber nachgedacht werden, ob die DSO mit ihren Strukturen so zukunftsfähig ist." Vor allem fehle es an Kontrolle über die DSO, moniert der Gesundheitsrechtler Heinrich Lang von der Universität Greifswald: "Die ohnehin nur rudimentären Aufsichtsmöglichkeiten werden nicht genutzt." Selbst Gesetzesverstöße würden nicht geahndet. Gefordert sei daher, was immer gefordert ist, wenn sich Misstrauen und Verdacht etabliert haben: Kontrolle und Transparenz.

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Quelle:
SZ vom 13.12.2011/beu
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