Süddeutsche Zeitung

Ungewöhnliches Mittel gegen Alkoholsucht:"Ohne Cannabis wäre ich schon lange tot"

Karl Huber hat den Alkoholentzug durch Kiffen geschafft - mit staatlicher Genehmigung.

Karl Hubers Leben zerfällt in zwei Hälften. Zwei Hälften, die er auf die schlichte Formel bringt: "Alkohol ist ein Rauschgift, Cannabis ein Rauschmittel." Die letzten zwei Silben unterstreicht er mit der Stimme. Denn um den Rausch geht es Huber nicht. Nicht mehr. Das Cannabis, dessen Dämpfe er sich mit staatlicher Genehmigung in die Lungen zieht, ist für ihn Mittel zum Zweck. Der Zweck: Wegbleiben vom Alkohol.

Karl Huber sitzt im Schneidersitz auf dem Sofa und zündet einen Joint an. Ein kleiner Mann, große blaue Augen und große Ohren, Stoppeln auf Schädel und Wangen. Zuvor hat er mit der Andacht eines Priesters bei der Gabenbereitung einen Filter aus einer Zigarettenpackung gedreht, hat zwei Zigaretten über der Flamme der Feuerzeugs geröstet (um die Giftstoffe soweit möglich auszuräuchern), hat den vor Trockenheit knisternden Tabak auf das ebenfalls knisternde Paper rieseln lassen. Hat das Wichtigste sozusagen als Krönung obenauf gesetzt, gedreht und die Spitze des kleinen Pakets mit einer schraubstockartigen Drehung verschlossen. Shorty, wie ihn seine Kiffer-Freunde heute nennen, ist nicht zufrieden mit seinem Werk, wohl aber mit dessen Wirkung im Anschluss.

Die Wurzeln von Shorty liegen im wahrsten Sinne seines Namens in der anderen Hälfte seines Lebens, als er noch der Huber-Karli war und Alkohol die einzige Konstante. Von Anfang an. Die Mama arbeitet in einer Wirtschaft und trinkt, auch als sie schwanger ist mit Karl. Als kleiner Bub trinkt er, was sie ihm von ihrer Halben übrig lässt. Mit drei diagnostizieren die Ärzte Kleinwuchs, bei 1,47 Metern hört er ganz auf zu wachsen. Der Vater stirbt früh. Als Karl Huber 14 ist, stirbt die Mutter an Krebs, kurz darauf kommt der Onkel, zu dem Karl und seine Geschwister hätten ziehen sollen, bei einem Autofunfall ums Leben.

Mit jedem Schluck geht es abwärts

"Nach dem Tod von der Mama war mir alles egal. Das war die schlimmste Zeit meines Lebens", sagt Huber. Mit Kumpels zieht er jeden Tag durch die Kneipen, um mehr als die Noagerl zu trinken. Mit jedem Schluck, der die Kehle hinabrinnt, geht es auch mit Karl Huber abwärts. Zu jung für so viel Tod in seinem Leben. Zu klein, um sich nicht größer machen zu wollen. "Wenn einer eine Bemerkung über meine Größe gemacht hat, sind die Fetzen geflogen." Auf seinem Körper Narben, er zeigt auf weiße Linien an der linken Schläfe, auf der rechten Halsseite: Weißbiergläser. Wer betrunken ist, ist aggressiver - insbesondere bei zuvor unterdrückten Gefühlen, das ist durch Studien belegt. Bei fast einem Drittel der Gewalttaten spielt Alkohol eine Rolle.

Als Karl Huber 16 ist, wird er zum ersten Mal strafffällig, es bleibt nicht bei dem einen Mal: Körperverletzung, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Fahren ohne Fahrerlaubnis, Trunkenheit im Straßenverkehr. Unfälle, bei denen er sich den Schädel zertrümmert. Gefängnisaufenthalte, raus auf Bewährung, dann wieder Geld- und Haftstrafen. Es klingt wie eine Litanei, als habe er es schon oft erzählt. Oder auf Polizeirevieren und in Gerichtsälen schon oft vorgelesen bekommen. Drei Lehren fängt Huber an und bricht sie wieder ab, danach nur noch Gelegenheitsjobs.

Als Karl Huber 30 ist, hat er kein Dach mehr über dem Kopf, muss Sozialhilfe beantragen und bei seinem Bruder einziehen. Seine Dosis bis dahin: 15 Bier tagsüber, abends Schnaps, Longdrinks. "Ein Alkoholiker isst fast nix, putzt nicht, kriegt nichts mehr auf die Reihe", sagt Huber. Zu dieser Zeit wiegt er nur noch 44 Kilo, ist fast zwei Jahre lang krankgeschrieben, die Leberwerte "fürchterlich". "Ich war so viel vor einer Leberzirrhose." Mit Daumen und Zeigefinger zeigt er einen Abstand an, der kaum mehr zu erkennen ist. Der Bruder und ein Cousin reden über seine Beerdigung.

"Ohne Cannabis wäre ich schon lange tot"

Ein Weckruf war das aber nicht. Insgesamt war der heute 51-Jährige 35 Mal zur Entgiftung, auch danach noch. Menschen, deren Leben sich verändert hat, die sich selbst verändert haben, berichten oft von einem Wendepunkt, ab dem alles anders wurde. Bei Karl Huber gab es keinen glatten Schnitt. Die beiden Hälften seines Leben brechen knirschend auseinander wie ein Stück Holz, dessen Splitter noch ineinander verschränkt bleiben.

"Mein Leben war immer ein Kampf", sagt er. Er hat ihn gewonnen. Mit Hilfe von etwas, das andere verteufeln wie Huber inzwischen den Alkohol. Karl Huber hat den Entzug mit Kiffen geschafft. Cannabis gegen Alkoholsucht, ärztlich bescheinigt und offiziell genehmigt, durch etliche Dokumente, die er mit Klarsichtfolien in Leitz-Ordnern abgeheftet hat. "Ohne Cannabis wäre ich schon lange tot", sagt er. Als Karl Huber 30 ist, fängt er an, regelmäßig zu kiffen. Und es verändert sich etwas. "Ich hatte kein Verlangen nach Bier, ich war entspannt. Nein zu sagen ist von Tag zu Tag leichter geworden, fast so normal wie Zähneputzen." Shorty ist stolz, kein "Wrack" mehr zu sein, "das morgens zum Kühlschrank torkelt", um das erste Bier gegen das Zittern hinunterzuwürgen. Eigene Wohnung, neuer Job, vier Jahre lang trocken.

Der Alkohol kommt wieder, wenn das Cannabis fehlt. Zum Beispiel nach Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz. Der Pegel, der den Alkoholgehalt von Karl Hubers Leben misst, sinkt. Aber es dauert, bis es, bis er trocken wird. Immerhin, seit mehr als zehn Jahren ist "nichts mehr passiert mit der Polizei". Es passiert auch sonst wenig in Karl Hubers Leben und für ein Leben wie seines ist das eine erfreuliche Bilanz. Es ist jetzt so stabil wie sein Kreislauf. Der sei in den Phasen ohne Alkohol früher immer "rauf und runter" gegangen. Was ihm geblieben ist, sind eine leichte Fettleber vom Saufen, chronische Kopfschmerzen von den Unfällen, Schlafstörungen, depressive Verstimmungen. Auch da hilft ihm Cannabis. Aber vor allem: kein "Saufdruck" mehr.

Kiffen mit staatlicher Genehmigung

Huber zündet den Joint, den er hat ausgehen lassen, noch einmal an. In der Falz einer Broschüre des Hanfverbands, aus der er vorher die Füllung in die Tüte hat rieseln lassen, liegen Blüten- und Tabakreste. Drum herum auf dem Couchtisch sein Instrumentarium: Vaporizer, Pfeife, Feuerzeug, Zigaretten für den Tabak, Papers.

Als Karl Huber 50 ist, hat er wieder einen Rückfall, den bislang letzten. Da beschließt Shorty, einen weiteren Kampf aufzunehmen. "Meine Medizin", sagt er, habe er sich jahrelang illegal besorgen müssen. Er will das nicht mehr. Er schickt einen Antrag für die "Erlaubnis zu medizinischen Cannabistherapien (nach § 3 Abs. 2 BtMG)" und eine ärztliche Bescheinigung an die Bundesopiumstelle des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Abgelehnt. Huber argumentiert in persönlichen Stellungnahmen: "Ohne Cannabis ist keine dauerhafte Alkoholentwöhnung möglich, da der Suchtdruck noch vorhanden ist." Auch sein Arzt interveniert. Von mangelnden weiteren Therapieoptionen ist die Rede, nach mehr als 20 Jahren Abhängigkeit.

Im April 2015 der erlösende Bescheid: Huber bekommt die mit dem Bundesadler abgestempelte Erlaubnis, darf seit nun mehr einem halben Jahr legal kiffen. Damit ist er einer von etwa 400 Menschen bundesweit, denen eine solche medizinisch begleitete Selbsttherapie genehmigt wurde. Es gibt keine Studien, die die Wirksamkeit von Cannabis gegen Alkoholismus belegen - anders als etwa gegen die Spastiken von Multiple-Sklerose-Patienten, wo die Forschungslage besser ist. Es gibt Studien, die Hinweise auf Zusammenhänge liefern, etwa dahingehend dass Studienteilnehmer während einer Cannabis-Abstinenz mehr rauchen und trinken oder Cannabis als sicherere Alternative zum Alkohol empfinden. Es gibt Patientenumfragen und Fallberichte. Und es gibt Leute wie Karl Huber.

"Medizinal-Cannabisblüten" aus dem Tresor

Morgens zündet er sich als erstes ein "Tütchen" an. Was andere sich heimlich besorgen, dafür geht Huber einfach in die Apotheke. Wobei es so einfach nicht ist. Manchmal ist sein Marihuana nicht lieferbar. Wenn doch, holt der Apotheker einen Ordner: Lieferschein ausfüllen, Betäubungsmittelnummern eintragen, "Bewegungen und Bestände" in einer Tabelle auflisten, Betäubungsmittelabgabebeleg für den Patienten. Erst dann verschwindet der Apotheker in seinem Hinterzimmer und holt die "Medizinal-Cannabisblüten" aus seinem Tresor.

Alle sechs Monate will das BfArM einen Bericht über Verbrauch und Bestand. Aber übrig bleibt nie etwas. Bis zu 100 Gramm braucht Shorty im Monat, Tagesbedarf zwei bis drei Gramm. Fünf Gramm kosten 78,25 Euro, macht 1565 Euro, rechnet er vor. Utopisch für einen Hartz-IV-Empfänger. Manchmal legen Freunde zusammen, damit er zur Apotheke kann.

Als Karl Huber 51 ist, ist er ohne Arbeit, aber voller Hoffnung. Er will sich selbständig machen. Eine Stelle auf dem regulären Arbeitsmarkt findet er in seinem Alter und mit seiner Geschichte nicht mehr. Jahrelang macht er nur Ein-Euro-Jobs. Zu schade ist er sich nicht für Dreckarbeit, Abfallentsorgung, Hausmeisterei, aber was Festes wird nie daraus. Jetzt ist er Kompagnon eines Start-Ups, CBD Global. Die Firma will Hanfprodukte wie Tropfen, Cremes oder Öle vertreiben, in Apotheken, Growshops, Drogerien. "Vielleicht verdiene ich damit mal gutes Geld", sagt Huber. Er setzt auf eine Legalisierung in den kommenden zwei Jahren, zumindest für medizinisches Cannabis.

Das Teufelszeug und der Exorzist

"Wissen Sie, was der indianische Name für Cannabis übersetzt heißt?", fragt Huber und antwortet selbst: "Die Hand Gottes", sagt er mit heiligem Ernst. Shorty hat Cannabis, den Exorzisten, statt dem Alkohol, dem "Teufelszeug", auf den Altar seines Lebens gestellt. Er mokiert sich über die Wiesn als das "größte Rauschgiftfest der Welt", das aber legal sei. Über die Besoffenen unten in der Pilskneipe im Erdgeschoss. Huber will über ihnen stehen, er will über sich selbst stehen, er will über sich hinausgewachsen sein. "Was ich früher gemacht habe, tut mir alles sehr leid. Es war wie bei Jekyll und Hyde - im Suff ist man ein Arschloch."

Er berichtet von therapeutischen Möglichkeiten, unterschätzten Wirkungen, zitiert Bücher und Studien. Er zählt an den Fingern die Argumente ab, wenn er etwas sagt, das ihm wichtig ist, zieht er die dicken Brauen hoch. Er zieht oft die Augenbrauen hoch. Karl Huber ist vom Bekehrten zum Missionar geworden. Seine Mission: Er will anderen helfen, denen Cannabis helfen kann. Natürlich gebe es auch Missbrauch, natürlich lebe es sich am besten "ohne alles", aber wenn man jemanden heilen könne, ohne Chemie, warum denn nicht?

Also trägt er Pullis mit Hanfblättern vom "Cannabis XXL Festival 2015". Also zündet er sich vor Polizisten einen Joint an und wartet darauf, dass er seine mehrfach gefaltete Erlaubnis mit einer Hanfverbandsbroschüre aus dem Geldbeutel ziehen kann. Also engagiert er sich ehrenamtlich im Hanfverband. "Bei mir weiß jeder, dass ich kiffe, ich hab nur solche T-Shirts an." "Hanfrebellen" steht darauf, es ist wie ein Untertitel für sein neues Leben. Auf den großflächig tätowierten Armen wächst zwischen Totenköpfen und dschungelartigen Schlingpflanzen auch ein Hanfblatt. "Das hab ich schon draufmachen lassen, bevor ich gekifft habe - vielleicht eine Vorahnung."

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