Süddeutsche Zeitung

Private und gesetzliche Krankenversicherungen:"Man fühlt sich wie ein Mensch zweiter Klasse"

Lange Wartezeiten, teure Extra-Leistungen und dubiose Abrechnungen: Privat und gesetzlich Versicherte berichten der SZ über ihre Erlebnisse. Auch ein Arzt meldet sich zu Wort.

Protokolliert von Franziska Dürmeier

Gegen Ende des Quartals bekommen Kassenpatienten schwerer einen Arzttermin, weil das Budget für Behandlungen oft aufgebraucht ist. Auch ganz grundsätzlich sind Privatversicherte in Arztpraxen meist eher willkommen als Kassenpatienten. Die SZ hat ihre Leser gefragt, welche Erfahrungen sie gemacht haben:

"Ich rief bei der Frauenärztin meiner Schwester an, welche privatversichert ist, um für eine Routine-Untersuchung eine kompetente Ärztin zu finden. Am Telefon wurde ich nach meiner Versicherung gefragt und antwortete wahrheitsgemäß mit der Techniker Krankenkasse, mir wurde dann mitgeteilt, dass keine neuen Patienten mehr aufgenommen werden. Unglaublich. Ein weiteres Mal rief ich bei unserem Hausarzt an, meine Schwester und ich sind dort Patienten, wir haben den gleichen Nachnamen. Am Telefon wurde ich gebeten, sofort vorbeizukommen. Dort angekommen, waren alle total beirrt, weil ich mein Kärtchen auf den Tresen legte, sie dachten die andere Schwester kommt. Man fühlt sich wie ein Mensch zweiter Klasse. Obwohl ich von meinem Lohn mehr für die Krankenversicherung zahlen muss als ein Privatpatient." (Siv N. , 31 Jahre)

"Sportunfall und der Verdacht: Kreuzbandriss. Der Orthopäde sagt, ich brauche ein MRT, um dies zu bestätigen und wünscht mir viel Glück bei der Suche. Ich rufe alle radiologischen Praxen im Umkreis von 50 Kilometern an. Mindestwartezeit: sechs Wochen. Die erste Frage am Telefon war immer: Kasse oder privat. Nach 30 Anrufen habe ich nach ähnlicher Auskunft gefragt, welche Rolle die erste Frage spielt. Als Privatpatient hätte ich am nächsten Tag einen Termin haben können." (Kamil J., 39 Jahre)

"Ich, Kassenpatientin, empfahl meiner Schwägerin, Privatpatientin, meinen Gynäkologen. Sie bestätigte nach dem ersten Besuch seine Gründlichkeit und Freundlichkeit, beschwerte sich aber über 20 Minuten Wartezeit. Ich habe in der Praxis zwischen 60 und 200 Minuten Wartezeit. Ich kenne das von Hausärzten, Augenärzten usw., sie kennt das gar nicht." (Petra, 63 Jahre)

"Ich erlebe regelmäßig, dass der Facharzt meiner Tochter kein Rezept für ihr täglich benötigtes Kortisonspray und ihr Notfallspray austellt, sondern uns an den Hausarzt verweist. Wenn ich Glück habe und wir liegen in der ersten Hälfte des Quartals, dann stellt der Hausarzt das Rezept netterweise aus. Liegen wir später im Quartal, sind wir Opfer des Budget-Pingpongs: Wir werden an den Facharzt zurück verwiesen und können schauen, wo wir die Medikamente herbekommen. Von dort geht es nämlich an den Hausarzt und weiter hin und her. Termine mache ich nur noch im ersten Drittel des Quartals und hoffe, dass sonst nichts passiert." (Andrea K., 48 Jahre)

"Anfang Dezember 2017 hatte ich akute, starke Schmerzen im Nacken und konnte den Kopf nicht mehr richtig bewegen. Zwei Orthopäden-Praxen schickten mich direkt weg, obwohl ich bereit war, stundenlang zu warten. (Auch die Praxis, in der ich schon einmal war.) Erst die Hausärztin hat mich dann behandelt." (Ruth C., 39 Jahre)

"Ich stand schon mehrmals vor dem Problem, dass ich ein (Folge-)Rezept für Krankengymnastik haben wollte, mir aber dann gesagt wurde, das ginge jetzt, circa vier Wochen vor Quartalsende, nicht mehr, ich solle mich Anfang des Folgequartals wieder melden. Das ärgert mich, da ich die Gymnastik gerne ohne Unterbrechung weitergeführt hätte, was dann aber nicht machbar war." (Sabine K., 50 Jahre)

"Termin beim Augenarzt, lange Schlange vor dem Tresen. Plötzlich stürmt ein Mann herein, eindeutig in Panik, ein Handtuch aufs linke Auge gepresst. Anscheinend ein Notfall, und natürlich machen wir Wartenden uns darauf gefasst, dass der Mann sofort behandelt wird - Notfälle gehen vor, das war lange Zeit Konsens. Doch was macht die Sprechstundenhilfe? 'Wir können leider keine Patienten mehr annehmen', sagt sie, nachdem sie erfahren hat, dass der Mann gesetzlich versichert ist, und schickt ihn weiter zum nächsten Arzt. - Tja, so läuft das, wenn es nur noch ums Geld geht. Der Augenarzt, dem ich (Privatpatientin) inzwischen den Rücken gekehrt habe, hat, wie er immer gern erzählt hat, schließlich diverse kostspielige Hobbys und eine anspruchsvolle Gattin." (Ina Z., 62 Jahre)

Dass darüber hinaus bei Privatpatienten oft mehr Leistungen abgerechnet werden als bei Kassenpatienten, kann auch dieser Leser erzählen:

"Wegen einer neuen Brille ging ich im November zu meinem Optiker. Dieser riet mir wegen der Änderung der Sehstärke zum Vorjahr, einen Augenarzt aufzusuchen und den Augeninnendruck messen zu lassen. Also rief ich einen Augenarzt an und bat um Termin. Gespräch in etwa: 'Hallo, brauche wegen einer neuen Brille einen Termin bei Ihnen noch dieses Jahr.' Praxis: 'Dieses Jahr geht es leider nicht mehr. Erst wieder ab Januar.' Ich: 'Das ist mir zu spät. Haben Sie keinen Termin im Dezember frei?' Praxis: 'Sind Sie privat versichert?' Ich: 'Ja, warum?' Praxis: 'Dann können Sie nächsten Dienstag oder....kommen.' Als ich am Dienstag zum Termin kam, war ich der einzige Patient in der Praxis. Sowohl bei Ankunft, während der Untersuchung als auch am Schluss. Ich wies auf die Untersuchung des Augeninnendrucks auf Anraten des Optikers hin. Mehr nicht. Nach einem kurzen Vorgespräch mit dem Augenarzt ließ man mich in mehrere Geräte schauen. Nach drei Wochen das böse Erwachen. Es kam eine Privatrechnung über 299 Euro für die Prüfung des Augeninnendrucks, aber auch für andere Untersuchungen, die ich gar nicht wollte. Ich dachte, die anderen Untersuchungen unterstützen nur die gewünschte Untersuchung. So wurde auch die Hornhautverkrümmung untersucht, Makula und Durchblutung der Augen, die Schiefstellung der Augen und anderes. Laut Optiker zahlen Kassenpatienten etwa 50 Euro für eine Augeninnendruckmessung. Diese wird von der Kasse übernommen. Der Augenarzt hat sich wahrscheinlich über meinen Besuch gefreut und seine ganzen Geräte genutzt. Einmal und nie wieder." (Anonym)

Wechsel der Krankenversicherung: "Heute bereue ich das sehr"

Dieser Kassenpatient machte Erfahrungen mit aufdringlichen Angeboten von Zusatzleistungen:

"Ich bin Kassenpatient und hatte kürzlich einen Augenarzttermin bei einer Ärztin, die ich bereits früher einmal aufgesucht hatte und zu der ich einmal Vertrauen hatte und die mich immer sorgsam untersucht hatte. Vor kurzem war die Praxis jedoch einem Augenzentrum angeschlossen worden, das massiv in der Presse beworben wird. Die Helferin drückte mir ein Blatt in die Hand, auf dem drei verschiedene Vorsorgeuntersuchungen angeboten wurden. Alle als IGEL-Leistungen. Vorsorge 1 kostete 50 Euro für eine Augendruckmessung, Vorsorge 2 war für 98 Euro und das dritte Paket für 130 Euro zu haben. Ich wollte mal ausprobieren, was passiert, wenn man keine der Optionen bucht und setzte mich ins Wartezimmer. Ich wartete ziemlich lange. Viele Patienten, die nach mir eingetroffen waren, wurden vor mir behandelt. So konnte ich mir den Bildschirm ansehen, der die Vorsorgepakete noch einmal detailliert erklärte. Außerdem pries er Botox-Behandlungen an. Jede Mitarbeiterin und auch die Augenärztin selbst sprachen mich penetrant auf die diversen Vorsorgepakete an und rieten mir dazu, sie entweder heute oder doch wenigstens in naher Zukunft zu buchen. Ich stellte mir vor, wie es einer Rentnerin mit einer Mini-Rente wohl geht, wenn sie einen beträchtlichen Teil ihrer Rente für ein Luxus-Vorsorgepaket, dessen Nutzen die Krankenkasse bezweifelt, aufwenden muss. So eine Behandlung stört das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient massiv." (Anonym)

Sehr zufrieden zeigt sich hingegen diese gesetzlich versicherte Leserin - und lobt das Solidaritätsprinzip:

"Ich bin gesetzlich versichert und liebe es. Oft liest man nervige, deprimierende, enttäuschende Geschichten über die gesetzliche Versicherung. Aber ich kann das nicht teilen - ich weiß, dass das wohl nicht die Regel ist. Ich habe drei verschiedene Autoimmunerkrankungen, und das zu diagnostizieren war verflucht schwierig. Aber ich habe bei allen Fachärzten, die ich im Laufe der Zeit aufsuchen musste oder wollte, ziemlich schnell einen Termin bekommen, ziemlich gute Behandlungen und ein ziemlich gutes Gefühl. Auch 'normale' Arztbesuche konnte ich immer problemlos organisieren. Vielleicht hab ich einfach Glück. Aber das glaube ich nicht. Trotzdem muss ich manchmal lachen, wenn ich in der Apotheke meine Medikamente hole. 'Meine Krankenkasse hasst mich bestimmt!' - denn für mich zahlen bestimmt zig Leute pro Monat mit, bei meinen teuren Behandlungen und Medikamenten. Aber dafür haben wir Krankenkassen. Das ist das Solidaritätsprinzip. Ich liebe es. Denn man weiß nie, was einem im Leben erwartet. Und die wenigsten Leute suchen sich einen Motorradunfall, Autoimmunerkrankungen oder MS aus. Danke dafür!" (Jana B., 23 Jahre)

Privatversicherte erleiden nachweislich mehr Doppeltuntersuchungen und fragwürdige Behandlungen. Zudem kann die Versicherung ganz schön teuer werden. Das können diese drei Leser bestätigen:

"Ich habe mich mit Anfang 20 selbständig gemacht. Damals wurde ich falsch von der gesetzlichen Krankenkasse beraten und habe mich dann für die private Krankenkasse entschieden. Heute bereue ich das sehr und würde gerne zurück wechseln, aber es gibt keine realistische Möglichkeit dazu, ohne meine Selbständigkeit aufzugeben. Bei den Ärzten frage ich mich mittlerweile oft, ob sie Untersuchung X auch bei einem Kassenpatienten gemacht hätten. Wenn ich mich mit Freunden austausche, ist es schon auffällig, dass sie (meist Kassenpatienten) in vergleichbaren Krankheitsfällen immer wesentlich weniger behandelt und untersucht wurden. Dabei habe ich aber nicht das Gefühl, dass die zusätzlichen Untersuchungen Sinn ergäben, sondern es scheint mir ein einfacher Weg für höhere Abrechnungen zu sein." (Nina G., 35 Jahre)

"In die PKV einzutreten war die größte Fehlentscheidung meines Lebens. Sie fiel aufgrund besonderer Lebensumstände. Vorteile habe ich als Privatpatient gegenüber gesetzlich Versicherten nie gehabt. Wohl deswegen, weil ich fast immer Hausärzte genommen habe, bei denen das Wohl der Patienten ihr Handeln bestimmte. Bei Fachärzten wurden die Krankheiten behandelt, bei meinen (wenigen) Hausärzten wurde ich behandelt. Mit dem Eintritt ins Rentenalter begann die finanzielle Überraschung. Nein, der Versicherungsbeitrag wurde nicht erhöht, im Gegenteil, der wurde sogar etwas niedriger. Aber der hohe Arbeitgeberanteil fiel weg. Stattdessen bekam ich gerade mal 90 Euro von der Rentenversicherung für meine PKV. Das hatte ich nicht gewusst und brachte mich in die Nähe der Armutsgrenze. Durch eine Änderung des Vertrages konnte ich die Härten abmildern und zahle jetzt nur noch knapp 400 Euro monatlich statt über 800 Euro. Dafür habe ich einen Eigenanteil von 2000 Euro jährlich. Sollte ich mal über Silvester ins Krankenhaus kommen, hätte ich also 4000 Euro hinzulegen. Folge des hohen Eigenanteils ist, dass ich Arztbesuche vermeide. Eine äußerst schmerzhafte Rippenprellung - oder war es ein Bruch? - habe ich per Google auskuriert. Ebenso eine jetzt von vor Weihnachten bis nach Silvester aufgetretene Nasen- und Stirnhöhlenentzündung. Ibuprofen gegen die blöden Kopf- und Augenschmerzen hatte ich noch aus den Beständen meiner Frau, die gesetzlich versichert ist und sich niemals Gedanken gemacht hat, ob sie zum Arzt geht oder nicht. Nach einer nicht zu umgehenden vorsorglichen Darm- und Magenspiegelung sollten weitere Untersuchungen im Krankenhaus erfolgen. Mein toller Hausarzt hat mich davor bewahrt, da ich nicht die geringsten Symptome für deren Notwendigkeit zeigte. Dass ich nicht zu umgehende Behandlungen möglichst bündele, um sie in einem einzigen Kalenderjahr abzuwickeln, ist ja wohl klar. So, als eine Augenoperation notwendig wurde. Leider wurde deren Notwendigkeit erst spät im Jahr festgestellt, so dass mir für weitere längst überfällige Behandlungen kaum Zeit bis zum Jahresende blieb. In diesem Fall erwiesen sich die Fachärzte als äußerst hilfreich und boten mir die Rückdatierung ihrer Rechnungen an. Eine Bürgerversicherung würde diese Tricksereien mit meiner Gesundheit entbehrlich machen und mir vielleicht sogar ein paar Lebensjahre wegen nicht verschleppter Krankheiten bescheren." (Heinz R., 71 Jahre)

"Ich, weiblich, 30 Jahre, kurzzeitig Kopfschmerzen, leider privat versichert, daher überwiesen zum Neurologen. Die Kopfschmerzen waren schon wieder vergangen, aber nach ausführlicher Anamnese, vollständiger neurologischer Untersuchung, zusätzlich EEG (Hirnstrommessung), Messung von Nervenleitgeschwindigkeiten, Ultraschall- und Duplexuntersuchung aller möglichen hirnversorgenden Gefäße ohne Auffälligkeiten (ärztlicher Zeitaufwand insgesamt circa 1,5 Stunden). Darauf am Folgetag Termin für Kernspin vom Kopf erhalten. Auch unauffällig. Aber Kopfschmerzen hatte ich zu dem Zeitpunkt ja eh schon nicht mehr." (X. X., 30 Jahre)

"Deshalb habe ich den Job an den Nagel gehängt"

Doch wie sehen ein Arzt und eine Arzthelferin das Dilemma, das viele Patienten aufzeichnen? Zwei Leser berichten:

"Das Problem liegt darin, dass mehr Patienten zu behandeln sind, als von der kassenärztlichen Vereinigung sanktioniert wird, mit geringerem Verdienst und, wenn es noch mehr werden, mit finanziellen Strafen geahndet wird. Privatpatienten dagegen werden direkt mit den privaten Kassen abgerechnet und es kommt zu keinen Strafen. Ein niedergelassener Arzt ist ein freier Unternehmer, der für alles aufkommen muss. Ein Bäcker, der ab dem 101. Brötchen für die Brötchen bezahlen muss, würde auch nur 100 Brötchen backen, ist doch klar. Sollte die Bürgerversicherung kommen, werden die Praxen noch schneller sterben und am Monatsende hätten alle Patienten ein Problem. Schafft die kassenärztliche Vereinigung ab, die schon lange nicht mehr den Zweck erfüllt, für den sie ursprünglich eingerichtet wurde. Leistung muss sich lohnen und darf nicht bestraft werden. Schafft endlich die Bürokratie und den Regulierungswahn ab, das verprellt den Nachwuchs. Deshalb sind viele Ärzte hier, die nicht richtig Deutsch können. Der ärztliche Beruf ist zu einem bürokratischen Monster verkommen und nur noch am Rand mit dem befasst, was ihn eigentlich ausmacht. Das muss geändert werden." (Horst N., 52 Jahre, Krankenhausarzt)

"Ich habe eine Ausbildung zur Medizinischen Fachangstellten gemacht. Nicht mein Traumjob, aber im Dorf und mit 15 Jahren muss man nehmen, was da ist. Ich habe in einer großen Praxis von zwei Ärzten gelernt. Termine wurden zwischen 8 und 18 Uhr vergeben, jeden Werktag, mit zweistündiger Mittagspause, zu der es jedoch selten kam. Das lag an der mangelhaften Zeitplanung, auf die die Ärzte jedoch bestanden: 8 Patienten pro Arzt pro Stunde, das heißt pro Patient sind 7,5 Minuten Zeit. Und das für Untersuchungen, Ultraschall, Röntgen, Spritzen, Infusionen, alles was eben in unserer Praxis gemacht wurde. Es ist nicht schwer zu erraten, dass das zeitlich nicht funktioniert. Dieser organisatorischen Schwäche war geschuldet, dass Kassenpatienten auch mit Termin teilweise mehr als zwei Stunden warten mussten. Privatpatienten hingegen, egal ob mit Termin oder ohne Termin, wurden vorgezogen. Um das vor den Kassenpatienten 'geheim' zu halten, gab es einen extra 'Wartebereich' für Privatversicherte - die jedoch nie warten mussten, da sie immer und jederzeit sofort drankamen, auch wenn währenddessen Normalversicherte bereits sehr lange warteten. Generell wurde den Privatpatienten mehr Wert verliehen, sie brachten ja schließlich das nennenswerte Geld ein - er/sie wurde gründlicher und mit weniger Zeitdruck untersucht - dies schlug sich selbstverständlich auf die Wartezeit der Kassenpatienten nieder, denn ob Kasse oder Privat: jeder bekam in der Termintheorie nur 7,5 Minuten. Ab einem gewissen Zeitpunkt wurde bei jedem Kassenpatienten nur noch das Notwendigste gemacht, da die Krankenkassen nur einen Pauschalbetrag bezahlen, der nun mal die erbrachten Leistungen oft nicht aufwiegen konnte. Wir ArzthelferInnen waren dafür da, den (verständlichen) Groll und den Frust der Kassenpatienten abzufangen und gleichzeitig den Privatpatienten den roten Teppich auszurollen - als Mensch, der auch nur das geringste bisschen Gerechtigkeitssinn hat, eine selbst Groll und Frust auslösende Aufgabe, die man neben den vielseitigen Tätigkeiten auf sich nehmen musste. Diese totgeschwiegene Zweiklassengesellschaft ist einer der Gründe, weswegen ich den Job an den Nagel gehängt habe. Ich bin mir aber sicher, dass es auch für die Ärzte eine Belastung ist - für diejenigen, die den Beruf als Berufung ansehen oder angesehen haben und feststellen mussten, dass das System ihnen im Weg steht und sie letztendlich zu der Frage zwingt: Wähle ich Geld oder Gerechtigkeit?" (Sarah S., 28 Jahre)

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