Süddeutsche Zeitung

Organspende-Skandal:Eine Leber für Jordanien

Erst Göttingen, nun Regensburg: Auch bei Transplantationen im dortigen Universitätsklinikum gab es Ungereimtheiten. Hintergrund ist die Kooperation mit einer Privatklinik in Amman, über die jordanische Patienten offenbar mit Organen versorgt wurden - unter Federführung des beschuldigten Göttinger Arztes.

Christina Berndt

Jahrelang hatte der Leberchirurg unter seinem Professor in Regensburg gearbeitet. Jetzt sah er eine Chance, selbst Chef zu werden, denn am Universitätsklinikum Göttingen war die Leitung der Transplantationschirurgie zu besetzen. Das Klinikum Göttingen bat den Kandidaten, bei seinen früheren Arbeitgebern Auskünfte über ihn einholen zu dürfen. Der Arzt bekam nur den besten Leumund. So wechselte er im Jahr 2008 nach Göttingen - und begann dort bald, so werfen es ihm Ermittler jetzt vor, Krankenakten zu fälschen und Patienten Spenderlebern zu verschaffen, die dafür gar nicht an der Reihe waren.

Der wohl größte Transplantationsskandal in der Geschichte der Republik nahm seinen Lauf, in dessen Folge der Oberarzt seine Tätigkeit für das Klinikum beendete. Gegenüber dem Klinikum hat er jede Verantwortung abgestritten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Bestechlichkeit gegen ihn.

Doch jetzt stellt sich heraus, dass die Geschehnisse mit mehr Offenheit und Aufmerksamkeit wohl zu verhindern gewesen wären, denn der Oberarzt war schon während seiner Zeit in Regensburg auffällig: Es gab Ungereimtheiten im Rahmen einer Kooperation mit einer jordanischen Privatklinik, und diese waren nach SZ-Informationen umfassender als bisher bekannt.

Seit 2004 kooperierten die Regensburger Transplantationschirurgen unter Federführung des mutmaßlichen Organ-Betrügers von Göttingen mit dem Jordan Hospital in Amman. Dort sollten Schwerstkranke von lebenden Spendern ein Stück Leber erhalten. Nur eine solche Lebendspende konnte Menschen dort helfen, denn eine postmortale Organspende, wie sie in Deutschland üblich ist, gibt es in Jordanien praktisch nicht.

Das Programm sollte nach Regensburger Darstellung vor allem Entwicklungshilfe sein, brachte aber ein Problem mit sich: Was ist, wenn bei der Operation etwas schief geht? In etwa einem von hundert Fällen kommt es auch bei kerngesunden Spendern zu lebensgefährlichen Komplikationen, zudem wächst das Leberstück beim Empfänger nicht immer an. In beiden Fällen ist dann eine weitere Organspende nötig. Woher aber sollen in einem Land Organe kommen, in dem es gar keine postmortalen Organspenden gibt?

Ethische Richtlinen nicht eingehalten

Die Regensburger Chirurgen wussten sich offenbar mit einem Trick zu helfen: Von den sechs Patienten, die sie 2004 und 2005 in Amman operierten, wurden vier auf die Regensburger Warteliste für postmortale Organspenden gesetzt, obwohl dies eigentlich nicht zulässig ist. Denn auf die Warteliste gehört gemäß den Richtlinien nur, wer in Deutschland eine Lebendspende erhält, hier wohnt oder hierzulande so schwer krank geworden ist, dass er nicht mehr nach Hause reisen kann. Dies bekräftigte die bei der Bundesärztekammer ansässige Prüfungskommission für Zwischenfälle bei Transplantationen in einem Bericht über diese Vorfälle: Medizinische und ethische Richtlinien seien nicht eingehalten worden.

Erstaunlich ist auch, dass drei der vier Warteliste-Patienten sogar als Einwohner Regensburgs geführt wurden. Ihr Wohnsitz: "Franz-Josef-Strauß-Allee 11" - die Anschrift des Universitätsklinikums. Eine solche Meldung als Ortsansässiger kann dem Klinikum nutzen. Denn es hält so die Zahl der ausländischen Patienten niedrig, die mit einer Leber der europäischen Vermittlungsstelle Eurotransplant versorgt werden. Ein Kodex verlangt von deutschen Transplantationszentren, nicht mehr als fünf Prozent der Organe an Menschen mit Wohnsitz im Ausland zu verpflanzen.

Die Eurotransplant-Listung dieser Patienten sei ein "Dokumentationsfehler" gewesen, sagt Hans Schlitt, Direktor der Regensburger Chirurgie. "Die Patienten sollten eigentlich in Regensburg transplantiert werden." Deshalb seien sie auf die Warteliste für eine postmortale Spende gesetzt worden, wie es das Gesetz verlangt. So soll in Deutschland sichergestellt werden, dass die Lebendspende nur erfolgt, wenn Patienten nicht rechtzeitig ein Organ von einem Hirntoten erhalten.

Wegen ihres sich rapide verschlechternden Gesundheitszustands seien die vier aber nicht mehr transportfähig gewesen oder sie hätten sich die Reise - anders als zunächst gedacht - nicht leisten können; deshalb seien sie in Jordanien operiert worden. "Sie schon vorab zu listen, war retrospektiv betrachtet sicher ein Fehler", so Schlitt.

Verstoß gegen die Transplantationsrichtlinien

Auf jeden Fall war der Fehler nützlich, als im Frühjahr 2005 bei einer jordanischen Patientin das Leberstück versagte, das ihr zuvor von Hans Schlitt und seinem Oberarzt in Amman transplantiert worden war. Die Empfängerin geriet in Lebensgefahr, weil eine Vene des Organs verletzt worden war. Da waren die beiden Chirurgen schon abgereist.

Die jordanischen Ärzte versuchten verzweifelt und vergebens, die gespendete Leber zu retten. Da aber die Patientin aufgrund der falschen Angaben auf der Regensburger Warteliste stand, bekam sie die Leber eines in Wien verstorbenen Mannes zugeteilt. Der Oberarzt setzte das Organ am 3. April ein - allerdings ohne Erfolg; die Frau starb noch am selben Tag.

Es war dieser Vorfall, durch den die Prüfer auf die Regensburg-Jordanien-Verbindung aufmerksam geworden waren. Die Überführung der Leber nach Jordanien sei ein klarer Verstoß gegen die Transplantationsrichtlinien gewesen, urteilte die Prüfungskommission. Ihr Bericht lässt sogar vermuten, dass es durchaus zum Konzept der bayrisch-jordanischen Zusammenarbeit gehörte, im Notfall eine Leber über Eurotransplant zu besorgen.

Schlitt hingegen führt an, er habe in dieser lebensbedrohlichen Situation lediglich auf das Drängen seines Oberarztes reagiert und ihm nahegelegt, bei Eurotransplant anzufragen, "ob nun ausnahmsweise doch ein Eurotransplant-Organ genommen werden kann". Schließlich hätte die Frau eine solche Leber ja tatsächlich erhalten dürfen, wenn sie - wie ursprünglich geplant - in Regensburg statt in Amman operiert worden wäre. Der Oberarzt habe Eurotransplant dann entgegen der Absprache über den Aufenthaltsort der Patientin getäuscht.

Trotz allem kann Schlitt zwar nicht billigen, aber "psychologisch" nachvollziehen, was sein ehemaliger Mitarbeiter getan hat. "Die Patientin war 43 Jahre alt. Es ist immer eine schwierige Situation, wenn es um Leben und Tod eines jungen Menschen geht." Bis heute preist er die fachlichen Qualitäten des Mannes. Dieser sei ein exzellenter Chirurg, der sich immer "extrem für seine Patienten eingesetzt" habe, so Schlitt. Er sei "sehr überrascht", dass sein früherer Mitarbeiter in Göttingen kriminell gehandelt haben soll. Auch nach dessen Wechsel publizierten sie noch einige wissenschaftliche Arbeiten zusammen.

Operationen aus finanziellen Gründen?

Dass die Kooperation mit Amman wirklich der Ausbildung der jordanischen Ärzte diente, zieht der Prüfungsbericht ebenfalls in Zweifel. Die Regensburger Ärzte hätten kein Konzept für eine solche Ausbildung darlegen können, heißt es darin. Die ersten Patienten operierten der Professor und der Oberarzt allein. Aus finanziellen Gründen? Jede Transplantation wurde nach Angaben der Regensburger Universitätsklinik mit 5000 Dollar vergütet, 75 Prozent davon hätten die Chirurgen bekommen, den Rest das Klinikum.

Die Prüfungskommission sah auch ethische Ansprüche nicht erfüllt. Es sei nicht sicher, ob sich die Regensburger davon überzeugt haben, dass in Jordanien alles mit rechten Dingen zuging, etwa die Spender ihren Leberlappen freiwillig und ohne finanziellen Anreiz abgaben. Im Fall der verstorbenen Patientin gab es laut Bericht widersprüchliche Aussagen dazu, ob die Spenderin nun die Schwester oder die Tochter der Empfängerin gewesen war.

Sicher sei aber, dass die Regeln für Lebendspenden in Jordanien auch damals schon strenger gewesen seien als in Deutschland. "Dort dürfen nur Verwandte ersten Grades spenden und nur im Ausnahmefall auch Verwandte zweiten Grades, während hierzulande eine besondere persönliche Verbundenheit ausreicht", sagt Schlitt.

Die Konsequenzen, die aus den Vorfällen gezogen wurden, waren übersichtlich. Als formal Verantwortlicher für die Vorgänge in seiner Abteilung hat Hans Schlitt auf die Präsidentschaft in der Deutschen Transplantationsgesellschaft verzichtet, für die er auserkoren war. Das Klinikum Regensburg erarbeitete Richtlinien für Organtransplantationen im Ausland, so eine Sprecherin. Weiteren Handlungsbedarf hätte es nicht gegeben, der Fall sei ja ausführlich untersucht worden.

Das Wissenschaftsministerium sorgte dafür, so teilte es mit, dass "das Lebertransplantationsprogramm zwischen Regensburg und Amman" mehr als zwei Jahre nach der Verschleppung der Leber "durch eine Kooperationsvereinbarung institutionalisiert" wurde, die es bis dahin nicht gab. Und der Leitende Oberstaatsanwalt in Regensburg stellte sämtliche Ermittlungen ein - äußerte aber zugleich, er habe "große Sorge mit Hinblick auf den Sachverhalt".

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Quelle:
SZ vom 26.07.2012/sebi
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