Süddeutsche Zeitung

Coronavirus:Im Wirrwarr der Regeln

Eine fortlaufende Befragung zeigt, dass immer weniger Menschen wissen, welche Einschränkungen gerade gelten. Und obwohl viele härtere Maßnahmen wollen, reduzieren sie ihre Kontakte kaum.

Von Christina Kunkel

Ausgangssperren, Testpflicht, Modellprojekte: Im Laufe der Pandemie ist ein schier unendliches, sich häufig änderndes Repertoire an Maßnahmen entstanden, mit dem das Infektionsgeschehen eingedämmt werden soll. Doch bei all den vielen Regeln, dem Öffnen und Schließen bei unterschiedlichen Indizenzwerten, wird eines oft aus dem Blick verloren: Wie gut wissen die Menschen überhaupt darüber Bescheid, was sie eigentlich gerade dürfen oder nicht? Und selbst wenn sie es wissen: Wie verhalten sie sich nach einem Jahr Pandemie? Denn eines scheint klar zu sein: Egal wie sinnvoll eine Maßnahme aus wissenschaftlicher oder politischer Sicht sein mag, sie kann nur wirken, wenn genug Menschen sie kennen und auch befolgen.

Einen guten Einblick, wie gut die Kommunikation in Sachen Corona-Maßnahmen funktioniert, liefert die Cosmo-Studie der Universität Erfurt, in der regelmäßig rund tausend Menschen befragt werden. Die neueste Auswertung verbinden die Studienautoren um die Psychologin Cornelia Betsch mit einem Policy Brief. Darin empfehlen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Maßnahmen zu vereinheitlichen. Aber sie fordern auch, Regeln besser zu erklären und die Menschen mit klaren Zielen zum Durchhalten zu motivieren.

Über die Hälfte der Befragten wünscht sich schnellstmöglich einen harten Lockdown

In der Cosmo-Studie steigt der Anteil derer, die sich schärfere Maßnahmen wünschen. Zu einem ähnlichen Stimmungsbild war zuletzt auch eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur gekommen. Über die Hälfte der Befragten (56 Prozent) wünscht sich laut der Cosmo-Analyse schnellstmöglich einen harten Lockdown. Fanden Anfang März noch 23 Prozent, dass die Maßnahmen nicht weit genug gehen, sind es einen Monat später bereits 42 Prozent.

Was sich in den neuesten Erhebungen aber auch zeigt: Mittlerweile gibt ein Viertel aller Befragten an, nicht zu wissen, welche Regeln gerade für ihn oder sie gelten. Mitte Februar hatten das dagegen nur 13 Prozent gesagt. Die Forscher schließen daraus: "Wer die Übersicht verliert, welche Regelungen aktuell gelten, hält sich weniger an AHA+L, meidet weniger Gespräche und Gedränge, und nur knapp die Hälfte der Personen meidet geschlossene Räume."

Überhaupt zeigt die Studie, dass trotz steigender Infektionszahlen und der Wahrnehmung, dass die dritte Welle weiter an Fahrt aufnehmen wird, das Schutzverhalten der Menschen nicht dementsprechend zunimmt. Die Studienautoren sehen darin starke Gewöhnungseffekte. Sie vermuten aber auch, dass die Verschärfung des Lockdowns erneut dazu führen würde, dass sich die Menschen besser schützen.

Das wichtigste Instrument in der Pandemiebekämpfung, das Reduzieren von Kontakten, wird von etwa einem Drittel der Befragten konsequent beherzigt. 31 Prozent geben an, in den vergangenen vier Wochen keine haushaltsfremden Freunde oder Bekannten getroffen zu haben. Genauso groß ist jedoch die Gruppe derer, die mindestens einmal pro Woche Kontakt mit Freunden haben. 69 Prozent der Befragten denken jedoch, dass eine drastische Reduktion der Kontakte helfen kann, die Pandemie einzudämmen. Ob bei den eigenen Kontakten Schutzmaßnahmen eingehalten werden, wurde nicht abgefragt, aber aus früheren Befragungen geht den Wissenschaftlern zufolge hervor, dass im Kontakt mit Angehörigen und Freunden eher ein geringes Risiko gesehen und weniger Schutzverhalten gezeigt wird.

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