Süddeutsche Zeitung

Coronapandemie:Babyflaute oder Babyboom?

Eine US-Studie prognostiziert steigende Geburtenzahlen ab dem Sommer. Feststellen lässt sich bereits jetzt, dass die Pandemie sich sehr unterschiedlich auf die Familienplanungen in den Ländern auswirkte.

Von Berit Uhlmann

All die Einschränkungen, die halben und die ganzen Lockdowns der Corona-Pandemie sind eine so einschneidende Erfahrung, von der viele Menschen noch ihren Kindern erzählen werden. Und vielleicht - so wurde anfangs gerne vermutet - würden diese Kinder ihre Existenz überhaupt nur den unvergleichlichen Pandemiemonaten verdanken. Vielleicht würden diese langen Zeiten erzwungener Zweisamkeit in einen Babyboom münden. In den folgenden, zunehmend mit Frustration gefüllten Monaten verlor diese Vorstellung zwar mehr und mehr Plausibilität. Doch tatsächlich ist die Frage, wie die Pandemie sich auf die Geburtenrate auswirkt, noch nicht abschließend beantwortet.

In Deutschland scheint der Lockdown keine Auswirkungen gehabt zu haben

Einiges spricht allerdings dafür, dass die Lage von Ort zu Ort unterschiedlich ist - und sich womöglich schnell ändern kann. So haben Ärzte des Klinikums der US-amerikanischen Universität Michigan knapp 30000 Schwangerschaften in ihren Akten ausgewertet und die in den kommenden Monaten zu erwartenden Geburten prognostiziert. Nach der im Fachblatt Jama Network Open publizierten Studie kamen in den Monaten nach dem Frühjahrs-Lockdown insgesamt 14 Prozent weniger Schwangere zur Vorsorge oder Geburt in das Klinikum. Doch das Bild ändert sich bereits: "Die Geburtenraten sanken früh in der Pandemie, aber wir erwarten in Kürze einen dramatischen Aufschwung", sagt Studienautorin und Gynäkologin Molly Stout: "Wir sehen bereits die Anzeichen eines Sommer-Babybooms."

Diese Beobachtung muss sich erst noch bestätigen. Doch ein Absinken der Geburtenzahlen im Winter wurde auch anderswo beobachtet. Nach der landesweiten Statistik der USA wurden im Dezember 2020 insgesamt acht Prozent weniger Kinder geboren als im selben Monat des Vorjahres.

Für Europa ergeben die bislang ermittelten oder geschätzten Zahlen dagegen ein gemischtes Bild. So verzeichneten die beiden vom Coronavirus hart getroffenen Staaten Spanien und Frankreich im Dezember und Januar historisch niedrige Geburtenzahlen. In Spanien kamen in den beiden Monaten 20 Prozent weniger Babys zur Welt als im Vorjahreszeitraum. In Frankreich sanken die Zahlen zwischenzeitlich um bis zu 13 Prozent, doch im März lagen sie wieder auf dem Vorjahresniveau, im April sogar darüber.

In Norwegen, Schweden und den Niederlanden wurden im Dezember 2020 etwa gleich viele Kinder geboren wie ein Jahr zuvor. Auch für Deutschland sieht das Statistische Bundesamt keine spürbaren Auswirkungen des Frühjahrs-Lockdowns. Zwischen Dezember 2020 und Februar 2021 nahm die Zahl der Geburten um knapp ein Prozent im Vergleich zum selben Zeitraum des Vorjahres zu - ein Wert, der sich im Rahmen der natürlichen Schwankungen bewegt.

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Es gibt durchaus einige Faktoren, die einen Babyboom in der Pandemie begünstigen könnten. Vielleicht ist es nicht so sehr die vielbeschworene Langeweile, sondern eher, dass Paare sich in Krisenzeiten weniger um Verhütung kümmern können. Einige Familien könnten auch den Wunsch gehabt haben, den belastenden Geschehnissen etwas Positives entgegenzusetzen, wie beispielsweise eine Erhebung aus Italien früh in der Pandemie ergab.

Doch es gibt eben auch eine ganze Reihe potenzieller Gründe für eine Babyflaute. Zum einen hatten Paare mit unerfülltem Kinderwunsch zum Teil weniger Zugang zu Behandlungen. Zum anderen deuten Umfragen darauf hin, dass gesundheitliche und finanzielle Sorgen, dass der Stress und Frust des Alltags eher gegen Familienzuwachs sprechen. Schließlich verhindern lange Zeiten des eingeschränkten Soziallebens auch, dass Singles Partner finden und so Familien gründen. Es scheint derzeit, dass diese Gründe zumindest in schwer betroffenen Ländern überwogen.

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