Süddeutsche Zeitung

Plagiatsvorwurf gegen Ursula von der Leyen:"Sieht nicht gut für sie aus"

Lesezeit: 4 min

Sebastian Sattler forscht zu Wissenschaftsbetrug. Im Gespräch erklärt er, ob Ursula von der Leyen ihren Titel behalten sollte und warum medizinische Doktorarbeiten oft ein sehr geringes Niveau haben.

Interview von Matthias Kohlmaier

Sebastian Sattler lehrt und forscht am Institut für Soziologie und Sozialpsychologie der Universität Köln, mit dem Thema Wissenschaftsbetrug beschäftigt er sich seit mehr als zehn Jahren. Aktuell ist von ihm in der Fachzeitschrift Studies in Higher Education ein Artikel zum Thema Präventions- und Erkennungsstrategien von Lehrenden gegenüber Betrug bei Studierenden erschienen.

SZ.de: Herr Sattler, Sie haben sich die von VroniPlag Wiki monierten Stellen in Ursula von der Leyens Dissertation angesehen. Was halten Sie davon?

Sebastian Sattler: Hier wurden ganze Absätze und auch Grafiken ohne Quellenangabe übernommen oder aus anderen Quellen ohne entsprechende Referenz übersetzt und erscheinen damit als geistiges Eigentum der Autorin. Damit macht sich Frau von der Leyen zumindest mehr als verdächtig, wenigstens in Teilen plagiiert zu haben.

Würden Sie der Autorin Absicht unterstellen?

Vorsatz oder grobe Fahrlässigkeit sind in jedem Fall maßgeblich für die Bewertung, ob es sich um ein Plagiat handelt. Ob Ursula von der Leyen wirklich mit Absicht oder grob fahrlässig Dinge abgeschrieben hat, ohne deren Quellen korrekt zu benennen, das kann nur sie selbst beantworten. Die Faktenlage sieht nach einem ersten Eindruck nicht gut für sie aus. Natürlich gibt es in wissenschaftlichen Arbeiten immer wieder Fälle, wo versehentlich schlampig gearbeitet wird und mal eine Quellenangabe einfach vergessen wird. Bei Frau von der Leyens Arbeit sind es aber sehr viele Stellen, auch relativ zur Länge der Arbeit.

Sie lehren selbst an einer Universität und korrigieren Hausarbeiten. Wie würden Sie urteilen, wenn ein Student eine wissenschaftlich ähnlich unsaubere Arbeit bei Ihnen einreichen würde, wie es die von Ursula von der Leyen ist?

Ich würde zunächst ein Gespräch suchen, um etwas über einen möglichen Vorsatz herauszufinden. Ist dieser gegeben, würde ein Studierender aufgrund der Fülle an problematischen Stellen definitiv durchfallen und müsste noch mal antreten.

Wo endet in der Wissenschaft noch akzeptables schlampiges Arbeiten und wo beginnt das Plagiat?

Das ist eine sehr komplizierte Frage. Die Auffassungen können von Fach zu Fach und von Land zu Land variieren. Manche sagen, das Problem begänne erst bei zehn Prozent unzulänglich übernommener Textstellen. Andere sprechen sogar von fünf oder sieben aufeinanderfolgenden Wörtern, die ohne Quellenangabe übernommen wurden. Gerecht werden solche quantitativen Definitionen dem Problem aber nicht immer, da es ja auch Ideenplagiate gibt, die viel schwieriger nachzuweisen sind.

Welche Möglichkeiten hat ein Korrektor an der Universität, wenn ihm Plagiate in einer Hausarbeit auffallen?

Die Arbeit sollte als nicht bestanden gewertet werden, wenn die Unsauberkeiten deutlich über einige fehlende Anführungszeichen hinausgehen. Auch Verfahren, bei denen Bußgelder drohen, können eingeleitet werden. Es ist mir allerdings nicht bekannt, dass dies regelmäßig passiert. Wenn es um sehr wenige Stellen geht, kann die Arbeit mit einer schlechteren Note abgestraft werden. Ich fände es jedoch falsch, wenn manch ein Korrektor Plagiate ignoriert oder sehr großzügig damit ist. Wenn ein Studierender während einer Klausur als Betrüger entlarvt wird, hat er schließlich auch nicht bestanden. Gerade bei Plagiatsfällen in Hausarbeiten oder auch schulischen Arbeiten sollte die Schwelle, ab der die Arbeit nicht mehr als bestanden bewertet wird, sehr niedrig liegen, um ein Signal zu setzen, dass dieses Verhalten inakzeptabel ist.

Prüfer gehen nicht jedem Plagiatsverdacht nach

Annette Schavan hat zuletzt ihren Doktortitel verloren, nachdem sie des Plagiats überführt wurde. Wäre das bei Ursula von der Leyen auch die logische Konsequenz?

Das muss die Kommission der Medizinischen Hochschule Hannover entscheiden, die sich jetzt mit der Dissertation befasst. Ich denke, dass die Arbeit und der damit erworbene Titel nicht einfach akzeptiert bleiben dürfen, wenn klar ist, dass die Verfasserin vorsätzlich getäuscht hat. Sobald ein Plagiat in einer Arbeit erkannt wurde, muss das in der Wissenschaft deutlich kommuniziert und die Arbeit entsprechend gelabelt werden. Es dient dem wissenschaftlichen Fortschritt nicht, wenn solche Dissertationen weiterhin in Bibliotheken stehen und von anderen Forschern als reguläre Quellen verwendet werden.

Für eine Doktorarbeit wie die von Ursula von der Leyen gibt es einen Betreuer und zwei Korrektoren. Warum fallen Plagiate dennoch so häufig niemandem auf?

Nur weil sie nicht moniert werden, muss das nicht heißen, dass sie niemandem aufgefallen sind - ohne dies im Fall von der Leyen unterstellen zu wollen. Leider scheuen einige Prüfer an den Universitäten den Aufwand, jedem Plagiatsverdacht nachzugehen. Definitiv beschäftigen sich diejenigen, die Studenten auf wissenschaftliche Arbeiten vorbereiten und sie dann auch bewerten sollen, noch viel zu wenig mit Plagiatsprüfung und -prävention. An vielen Hochschulen fehlt auch die institutionelle Unterstützung - und der Faktor Zeit sowie Leistungsdruck spielen natürlich eine Rolle. Manche Betreuer sind für so viele Doktoranden verantwortlich, dass eine umfängliche Betreuung der Arbeit und später eine gründliche Begutachtung der Arbeit nicht stattfinden. Da lautet die Einschätzung des Zweitgutachters gerne mal: "Ich schließe mich dem Gutachten meines Kollegen an." Ziemlich unwahrscheinlich, dass die Arbeit bei so einem Ein-Satz-Gutachten wirklich aufmerksam gelesen wurde. Problematisch sind auch sogenannte Gefälligkeitsgutachten, wo beide Augen vor Schwächen der Arbeit - inklusive Plagiate - zugedrückt werden, um die Anwärter von Titeln durchzuwinken.

Gerade Doktorarbeiten im Fach Medizin haben seit langem einen schlechten Ruf. Zu Recht?

Ein medizinisches Studium ist meist so aufgebaut, dass extrem viel Wissen in wenig Zeit aufgenommen und reproduziert werden soll. Wie wissenschaftliches Arbeiten funktioniert, das lernen Medizinstudenten zwar auch kurz. Dies geht unter all dem Auswendiglernen aber schnell verloren. Dass die Dissertationen dann in vielen Fällen wenig taugen, ist kein Wunder.

In der Medizin ist die Bearbeitungszeit und Länge von Doktorarbeiten auch meist deutlich geringer als in anderen Disziplinen.

Im Durchschnitt ist das definitiv so. Dissertationen in der Medizin würden in anderen Disziplinen oft gerade einmal den Ansprüchen einer Bachelorarbeit genügen. Die Standards sind relativ gering. Eine durchschnittliche medizinische Doktorarbeit dürfte daher meist nicht als Indikator dafür taugen, dass der Verfasser wissenschaftlich arbeiten kann, was eigentlich ein Ziel einer solchen Arbeit ist. Häufig haben wir es hier nur mit kurzen Literaturüberblicken zu tun und wenig tiefgründigen Auswertungen einiger Krankenhausdaten.

Die vergleichsweise dürftigen Arbeiten könnten damit zu tun haben, dass Mediziner aus den falschen Gründen promovieren.

Einigen Promovenden geht es mit Sicherheit nicht darum, eine gute Arbeit zu schreiben, sondern darum, den Titel "Dr. med." zu bekommen. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das sehr traurig. Denn eigentlich soll es einem Forscher ja um den Erkenntnisgewinn gehen und nicht um eine bloße Namensverlängerung aus Status- und Profitinteressen.

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