Süddeutsche Zeitung

Dienstreise:"Für 25 Euro kriegen Sie kein Hotelzimmer"

Klassenfahrten und Schulausflüge sind für Lehrer keine privaten Spaßveranstaltungen - und doch zahlen viele drauf. Warum werden die Kosten nur selten komplett übernommen?

Eine Woche war Walter Lambert vergangenes Frühjahr in Frankreich, 80 Euro hat er für die Übernachtungen bezahlt. Klingt nach einem Schnäppchen, aber Lambert sieht das anders - er war schließlich auf Dienstreise. Lambert ist Französischlehrer an einem Gymnasium in Trier, gemeinsam mit einer Kollegin begleitete er 28 Achtklässler zum Schüleraustausch nach Verdun. Sie besichtigten die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs und machten einen Ausflug nach Paris.

Für Lambert war die Woche entspannter als eine Klassenfahrt, weil er die Schüler nur am Tag beaufsichtigen musste, nachts waren sie bei Gastfamilien. Aber Arbeit war es allemal - und trotzdem übernahm sein Arbeitgeber, der Staat, nur etwa 100 Euro der Übernachtungskosten, auf dem Rest blieb er sitzen. Lambert findet das nicht in Ordnung, aber offene Kritik am Ministerium? Lieber nicht. Walter Lambert ist nicht sein echter Name.

Klassenfahrten und Schulausflüge sind für Lehrer keine privaten Vergnügungen - und doch zahlen viele drauf. Sieben Bundesländer erstatten ihren Pädagogen nicht die vollen Reisekosten, das hat eine Umfrage des Deutschen Philologenverbandes ergeben, der die Interessen der Gymnasiallehrer vertritt. Besonders knauserig sind demnach das Saarland - und eben Rheinland-Pfalz. Dort erhalten die Lehrer pro Übernachtung einen Zuschuss von 25 Euro. Alles, was darüber hinausgeht, müssen sie selbst zahlen. "Sie wissen genau wie ich: Für 25 Euro kriegen Sie kein Hotelzimmer", sagt Lambert. In Verdun teilte er sich mit seiner Kollegin eine Airbnb-Wohnung. Und selbst die 25 Euro gibt es nur, solange der Vorrat reicht. Jede Schule erhält in Rheinland-Pfalz ein Reisebudget. Pro Gymnasium und Jahr liegt es nach Berechnungen des Philologenverbandes bei 640 Euro.

"Wir fordern, dass alle Bundesländer die Reisekosten in voller Höhe übernehmen", sagt die Verbandsvorsitzende Susanne Lin-Klitzing - und empfiehlt als Vorbilder Bayern und Thüringen, wo das bereits geschehe. Als junge Lehrerin in Stuttgart, erzählt sie, wollte sie selbst einmal mit einer Klasse nach England fahren. Man habe sie vor die Wahl gestellt: Entweder sie unterschreibt eine Erklärung, in der sie auf Erstattung der Kosten verzichtet - oder sie fährt nicht mit. Lin-Klitzing blieb zu Hause, 1000 Mark waren dann doch etwas viel für ihr Privatbudget.

Die Verzichtserklärung hat Baden-Württemberg mittlerweile abgeschafft. Das Bundesverwaltungsgericht hatte sie 2018 für unwirksam erklärt - sie verstoße gegen die Fürsorgepflicht des Dienstherrn. Bei Lehrern löste das Urteil aber nicht nur Freude aus, an den Schulen ging die Sorge um, dass Klassenfahrten einfach gestrichen werden. Das Ministerium in Stuttgart verdoppelte daraufhin das Reisebudget. Auch die Kostensätze sollen steigen, sie seien "nicht mehr zeitgemäß". Aktuell beträgt die Pauschale für eine Übernachtung mit Frühstück 18 Euro.

Ein guter Schritt, findet Susanne Lin-Klitzing, aber beim Thema Reisekosten ist aus ihrer Sicht noch viel zu tun. Bis heute gibt es in vielen Bundesländern zum Beispiel kein Schulkonto. Den Lehrern bleibe oft nichts anderes übrig, als das Geld für Klassenfahrten auf ihren privaten Konten einzusammeln - dabei ist das eigentlich illegal.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4778342
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 31.01.2020/jerb
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.