Süddeutsche Zeitung

Inklusion an Schulen:Lernziel: Blätter sammeln im Hof

  • Im deutschen Schulwesen sind die Veränderungen längst spürbar, die sich daraus ergeben, dass Deutschland 2009 die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen ratifiziert hat.
  • Inklusion ist so etwas wie das Etikett moderner Unterrichtsgestaltung geworden.
  • Vielerorts wird die Maxime, alle Kinder gemeinsam zu beschulen und auch ihren Fähigkeiten entsprechend zu fördern, jedoch nicht erreicht.

Paul nimmt sich selbst nicht so wichtig. Deshalb hat er sich nie beschwert, wenn er raus sollte aus der Klasse, um fern von den anderen Schulkameraden seinen ganz persönlichen Unterricht zu bekommen. Paul kann sich gut anpassen, das ist sein Naturell, und dabei hat er nicht im Blick, dass er einen Anspruch darauf hat, eingebunden zu werden in die Welt der anderen Menschen, die nicht das Downsyndrom haben wie er.

Thomas Langhoff allerdings, Pauls Vater, nimmt seinen Sohn sehr wichtig. Er wollte immer, dass Paul im Sog seiner Altersgenossen ohne Behinderung das Beste aus seinen Fähigkeiten machen kann. Daher kann Langhoff auch nicht so gleichmütig auf Pauls Zeit an einer Stadtteilschule in Hamburg-Eppendorf zurückschauen, wie Paul das tut. Jahrelang hat der Vater erleben müssen, wie sein Sohn einem Inklusionskonzept ausgesetzt war, das mit Teilhabe wenig zu tun hatte. Er nennt diese Erfahrung "durchweg gruselig".

Das deutsche Schulwesen wandelt sich. Längst sind die Veränderungen spürbar, die sich daraus ergeben, dass Deutschland 2009 die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen ratifiziert hat. Inklusion, das Markenwort für den Anspruch, Menschen mit Behinderung genauso am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen wie die ohne Behinderung, ist so etwas wie das Etikett moderner Unterrichtsgestaltung geworden. Die deutschen Lehrer haben Mühe, sich damit anzufreunden, das hat kürzlich eine Forsa-Umfrage ergeben. Demnach meinen immer noch 41 Prozent der Lehrer, dass Kinder mit Behinderung auf eine spezielle Förderschule gehen sollten. Dabei hat sich die Gesellschaft längst dafür entschieden, Förderschulen weitgehend abzuschaffen. Wie in Skandinavien, wo inklusive Schulen Standard sind, soll es die Trennung zwischen Schülern auf Dauer nicht mehr geben.

Eltern von Kindern mit Behinderung sind in dieser Hinsicht weiter als viele Lehrer. Für sie ist Inklusion eine Selbstverständlichkeit, die ihr Familienleben prägt. Inklusion ja oder nein? Diese Debatte führt Thomas Langhoff nicht. Ihn interessiert die nächste Stufe des Prozesses: die Umsetzung. Gelten Menschen mit Behinderung wirklich schon als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft? Und wenn er auf die Schulzeit von Paul in Eppendorf blickt, muss er mit Bedauern feststellen: nein.

Hamburg sieht sich gern als Motor des Fortschritts, auch bei der Inklusion. "Die Akteure in den Behörden, Schulen und anderen Bildungseinrichtungen wissen, dass (. . .) noch viele Baustellen bearbeitet werden müssen, aber im Vergleich zu anderen Bundesländern stattet Hamburg die inklusiven Schulen mit sehr guten Ressourcen aus und ist schon viele Schritte der inhaltlichen Umsetzung gegangen", schreibt Angela Ehlers, Referatsleiterin in der Hamburger Schulbehörde, auf SZ-Anfrage. Sie verweist darauf, dass die Eltern in der Hansestadt viele Möglichkeiten hätten, ihr Kind mit Förderbedarf beschulen zu lassen, weil es in Grundschulen, Stadtteilschulen, Gymnasien, Sonderschulen und Bildungsabteilung der Regionalen Bildungs- und Beratungszentren ein reiches Angebot gebe.

Paradebeispiel für das große Inklusionsmissverständnis

Aber zeigt nicht gerade diese große Auswahl, dass Hamburgs Schulsystem immer noch auf Selektion angelegt ist? Die grüne Bildungspolitikerin Stefanie von Berg findet den rot-grünen Koalitionsvertrag beim Thema Inklusion jedenfalls so wenig beeindruckend, dass sie sich bei der Abstimmung darüber auf dem Grünen-Parteitag enthielt. "Es geht um viel mehr als nur um Ressourcen", sagt sie. Und die Schulzeit des Trisomie-Kindes Paul wirkt wie das Paradebeispiel für das große Inklusionsmissverständnis einer Lehrergeneration, die es bis tief in die Nullerjahre hinein gewohnt war, Schüler nach gleichgeschalteten Kriterien in Leistungsklassen und Schulformate zu unterteilen. Selbst Angela Ehlers, an die sich Vater Langhoff einst mit seiner Kritik wandte, nennt die Art des Unterrichts, den Paul bekam, "zutiefst exklusiv".

Paul hat die Eppendorfer Schule im vergangenen Sommer verlassen, er ist 19 und lässt sich mittlerweile zum Kita-Mitarbeiter ausbilden. Der Druck ist weg. Langhoff ist Dozent und Fernsehjournalist, ein beharrlicher Mensch, der ungern Krawall macht, aber Konflikte durchaus annehmen kann. Schon zu dessen Schulzeiten hat er darum gekämpft, dass Paul einen Unterricht bekommt, mit dem er etwas anfangen kann - vergeblich. Die bittere Bilanz dieses Kampfes richtete er im Juli 2014 schriftlich an Ingrid Körner, die Senatskoordinatorin für Gleichstellung. Eine erklärende Antwort bekam er nicht, weshalb er das Schreiben im Januar noch mal versandte.

Er beklagt darin unter anderem, dass Paul "dauerhaften Einzelunterricht" bekam. Dass er mit Unterrichtsmaterial habe arbeiten müssen, das er nicht habe verstehen können. Dass das Lehrerteam auch von der Schulbehörde verfügte Fortbildungen nicht wahrgenommen habe. Inklusion in der Schule bedeutet, dass Lehrer und Pädagogen alle Schüler, die hoch- wie die weniger begabten, im Klassenverbund nach ihren Anforderungsprofilen ansprechen. An Pauls Schule sah Inklusion im Grunde so aus, dass er mit den anderen das Schulhaus betreten durfte und dann in die Einzelbetreuung geschickt wurde. "Alles arbeitet, er geht auf den Schulhof und sammelt mit zwei Erwachsenen Blätter", sagt Langhoff, "da darfst du dich nicht wundern, dass die Schüler mit Behinderung nachher nichts können." Laut der Forsa-Umfrage hat die Mehrheit der Lehrer gar keine sonderpädagogischen Kenntnisse. Und wer schon inklusive Klassen unterrichtet, bekam meist kaum Zeit, sich richtig darauf vorzubereiten.

Langhoff hat während Pauls Schulkarriere auch tolle Lehrer kennengelernt. Trotzdem ist der Inklusionsfrust bei ihm und anderen Eltern groß. Cornelia Hampel, Mutter des Downsyndrom-Jungen Timo, hat an einer staatlichen Stadtteilschule Erfahrungen mit Mobbing und überforderten Lehrerteams gemacht, weshalb sie ihren Sohn nach zwei Jahren auf eine private Schule schickte. "Und wir haben es noch gut getroffen", sagt Hampel und spricht damit auch für Langhoff. "Ich kenne Leute, die so entsetzt von der Inklusion waren, dass sie ihre Kinder zurück an die Förderschule geschickt haben."

Angela Ehlers von der Schulbehörde sagt: "Hamburg arbeitet daran." Eine Fortbildungsoffensive für Lehrer sei in Arbeit, die Ressourcen würden aufgestockt. Aber bis das Konzept Inklusion das gesamte Schulsystem durchdringt, wird es noch eine Weile brauchen. "Das ist eine Mehr-Generationen-Aufgabe", sagt die Grüne Stefanie von Berg. Gerade für die Kinder mit geistiger Behinderung müssen noch ein paar Barrieren im Kopf fallen, ehe alle Schulen einen kreativen Umgang mit Schülern unterschiedlichster Lernprofile pflegen. Für Thomas Langhoff und seinen Sohn Paul kommt jedenfalls jede Verbesserung zu spät. "Ich bin überzeugt, dass Paul besser sprechen würde und ein freieres Leben führen könnte, wenn er mit anderen Kindern in Dreier- oder Vierergruppen hätte lernen können", sagt der Vater. Vorbei. Frustrierend. Immerhin, Paul selbst ist bestimmt nicht nachtragend.

Was Eltern sagen

Konkrete Erfahrungen mit Inklusion verringert bei Eltern die Skepsis, zeigte jüngst eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. 58 Prozent der Befragten ohne Inklusionserfahrung meinen, das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Handicap gehe auf Kosten des fachlichen Lernens; unter Müttern und Vätern, deren Kinder bereits Schulen besuchen, an denen auch Behinderte lernen, sagen das 44 Prozent. Alle Befragten machen Unterschiede bei der Art der Beeinträchtigung: Während Inklusion mit körperlich Behinderten von 90 Prozent begrüßt wird, sind es im Fall von verhaltensauffälligen Kinder weniger als die Hälfte der Befragten. Eine inklusive Schule mit geistig Behinderten finden nur 36 Prozent gut. Das letzte Bild der obigen Bildergalerie zeigt Henri aus Baden-Württemberg, der das Down-Syndrom hat. Mit dem Kampf für einen Platz am Gymnasium oder an der Realschule hatte wurde er zur Symbolfigur für Inklusion. Seine Mutter Kirsten Ehrhardt hat ein Buch über diesen Kampf geschrieben - Henri. Ein kleiner Junge verändert die Welt. Sie kann die Ängste anderer Eltern verstehen, sagt aber: "Oft habe ich das Gefühl, dass die Skepsis nur heißt: ,Wir wollen das nicht.' Es mag auch Angst vor dem Verlust von Privilegien, Angst vor dem Unbekannten sein." Der Bundeselternrat fordert, neben Lehrern die ganze Schulgemeinschaft für Inklusion fit zu machen - durch eine Art "Elternunterricht". johann osel

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SZ vom 27.07.2015/mkoh
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