Süddeutsche Zeitung

Start-Up:"Wuidi" warnt vor Wildunfällen

  • Zusammenstöße von Autofahrern und Tieren sind ein zunehmendes Problem auf Bayerns Straßen. Drei Niederbayern haben die App "Wildwarner" entwickelt, die helfen soll, Wildunfälle zu verhindern.
  • Die preisgekrönte App warnt vor Gefahrenstellen. Jäger markieren dazu Wildwechselstellen, zudem wird die Jahres- und Tageszeit berücksichtigt.
  • Kracht es trotz Warnung, gibt die App eine Anleitung zum korrekten Verhalten - und lotst gegebenenfalls den Jäger zum Unfallort.

Klar, wer als Autofahrer auf der Landstraße unterwegs ist, sollte ständig damit rechnen. Und doch geschieht es dann überraschend: Zu schnell, zu plötzlich huscht ein Schatten über die Straße, Augen leuchten im Scheinwerferlicht, es kracht. Wildunfall. Im Dezember 2014 sprang bei Alfons Weinzierl und Alexander Böckl ein Tier vor das Auto. "Damit fing alles an", sagt Weinzierl heute. Noch auf der Rückfahrt war bei den jungen Niederbayern die Idee für den "Wildwarner" geboren: eine Handy-App, die Autofahrern dabei hilft, Wildunfälle zu vermeiden. Eine App, die deshalb Leben retten kann - das von Mensch und Tier.

Wildunfälle sind ein zunehmendes Problem auf Bayerns Straßen. Die Verkehrsunfallstatistik weist für das Jahr 2012 knapp 55 900 Wildunfälle aus. Vier Jahre später wurden bereits 70 314 Wildunfälle gezählt. Damit lassen sich etwa 17 Prozent aller Verkehrsunfälle im Freistaat auf Zusammenstöße mit Tieren zurückführen. Nach Angaben des bayerischen Innenministeriums sind in drei Viertel aller Fälle Rehe sowie Rot- oder Damwild beteiligt. Die Verkehrsunfallstatistik für 2017 wird derzeit noch ausgewertet. Das Ministerium geht allerdings von einem weiteren Anstieg der Zahlen aus.

Insgesamt neun Menschen starben in den vergangenen drei Jahren bei Wildunfällen. Für die Tiere bedeutet der Aufprall gar in den allermeisten Fällen das Ende. Selbst wenn sie noch davonhumpeln können, sind die inneren Verletzungen in der Regel zu schwer, um überleben zu können. "In Deutschland stirbt mehr Wild durch Verkehrsunfälle als durch Jäger", sagt Weinzierl.

Als es damals bei Alfons Weinzierl und Alexander Böckl krachte, waren sie beide noch Studenten. Im österreichischen Linz besuchten sie Vorlesungen in "Digital Business Management". Nebenher begannen sie, an ihrer "Wildwarner"-App zu arbeiten. Zur Unterstützung holten sie sich den Informatiker Jozo Lagetar dazu. Im Oktober 2016 endete das Studium, und die drei standen vor der Wahl: Sollten sie sich einen festen Job in der Industrie suchen, oder sollten sie weiter am "Wildwarner" arbeiten?

"Wir hängen an unserem Baby", sagt Alfons Weinzierl. Also gründeten sie guten Mutes die Firma "Wuidi" und zogen nach Geiselhöring im Landkreis Straubing-Bogen. Die 7000-Einwohner-Gemeinde ist aus ihrer Sicht dafür geradezu prädestiniert, denn ringsum gibt es nichts als Wald und Feld, so dass es dort häufig zu Wildunfällen kommt. Was die Begegnung von Kraftfahrzeugen und Tieren des Waldes und des Feldes angeht, ist Niederbayern ohnehin Spitzenreiter. 22 Prozent aller Wildunfälle im Freistaat ereignen sich hier.

Alarm an den Gefahrenstellen

Den "Wildwarner" kann man sich am besten als eine Art Vorwarn-System für Wildwechsel vorstellen: Ist die App erst einmal auf das Smartphone geladen, schlägt sie dort Alarm, wo eine Gefahrenstelle lauert. Die Person am Steuer fährt dann hoffentlich noch aufmerksamer, als sie dies ohnehin tun sollte und kann rechtzeitig bremsen, wenn ihr ein Tier vor den Kühler springt. Die Wildwechselstellen wurden und werden auch weiterhin von Jägern auf einer digitalen Landkarte markiert. "Die wissen, wo es in ihrem Revier am häufigsten zu Unfällen kommt", sagt Weinzierl.

Die App nutzt die GPS-Daten des Handys, um den Standort des Autofahrers mit der Karte abzugleichen. Der Warn-Algorithmus berücksichtigt dabei die Jahres- und die Tageszeit. In der Dämmerung und während der Brunft sind Wildtiere besonders aktiv, das Unfallrisiko steigt. Sollte es trotz App zum Unfall kommen, kann zumindest der Revierinhaber - ebenfalls per App - darüber informiert werden, um gegebenenfalls das Tier von seinem Leiden zu erlösen. Für Unfallfahrer bietet der "Wildwarner" überdies eine Anleitung zum korrekten Verhalten nach der Kollision, inklusive Kontakt zur nächsten Polizeiinspektion. "Die meisten Menschen wissen nicht, was man nach einem Wildunfall tun sollte", sagt Weinzierl.

Mit dem "Wildwarner" hat das Wuidi-Trio offenbar einen Nerv getroffen. Als Partner haben die drei Jungunternehmer unter anderem den Bayerischen Jagdverband, den Landesverband Bayerischer Fahrlehrer sowie das Innenministerium gewonnen. Zusätzlich nehmen sie regelmäßig an Gründer-Wettbewerben teil. 2017 wurden sie Erster bei "Generation D", ein paar Wochen später gewannen sie den Deutschen Mobilitätspreis des Bundesverkehrsministeriums. Ab und zu bringen die Wettbewerbe einen Scheck, in jedem Fall aber Aufmerksamkeit. "Wir haben keine großen Möglichkeiten, ins Marketing zu investieren", sagt Weinzierl.

Das Start-up soll in die Gewinnzone

Die neue App ist kostenlos und soll es auch bleiben. Jäger haben die Möglichkeit, ein kostenpflichtiges Abo abzuschließen. Damit schalten sie in der App zusätzliche Funktionen frei. Mit 30 000 Fahrern und 800 Jägern sind die Nutzerzahlen allerdings noch zu niedrig, als dass sich das Geschäftsmodell von alleine tragen würde. Wuidi ist daher auf Förderungen und öffentliche Projekte angewiesen.

Derzeit arbeiten die Gründer mit der Universität Freiburg und der Technischen Hochschule Deggendorf an einer Datenanalyse für alle bundesweit gemeldeten Wildtierunfälle. Weinzierl und seine Partner versuchen jetzt, was für alle Gründer am schwersten ist. Ihr Start-up soll langsam größer werden und in die Gewinnzone wachsen. "Schritt für Schritt", sagt Weinzierl. Als nächstes wollen sie nach Österreich und in die Schweiz expandieren. Schließlich kommt es auch dort regelmäßig zu Wildunfällen.

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SZ vom 12.02.2018/vewo
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