Süddeutsche Zeitung

Schule:Digitales Lehrbuch für alles

  • Wissenschaftler der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt haben das erste multimediale Schulbuch entwickelt.
  • Platz bietet es für den Stoff für alle Schularten von der fünften bis zur neunten Klasse und läuft auf Computern, Tablets oder Smartphones.
  • Bis ein solches mBook allerdings flächendeckend in Bayern verbreitet ist, wird wohl noch einige Zeit vergehen.

Von Korbinian Eisenberger und Anna Günther

Falls sich die Idee durchsetzt, könnten schwere Schulranzen eines Tages überflüssig werden: Für das Fach Geschichte haben Wissenschaftler der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt das erste multimediale Schulbuch entwickelt. Ein durchschnittliches Schulbuch umfasst 200 Seiten, das "mBook" hingegen bietet den Stoff für alle Schularten von der fünften bis zur neunten Klasse und läuft auf Computern, Tablets oder Smartphones. Zum Beginn des neuen Schuljahrs kommt es nun auf den Markt.

Auch die Schulbuchverlage haben den Trend Digitalisierung in Schulen erkannt. Derzeit bieten sie aber meist digitale Ausgaben der gedruckten Bücher an, also Buchseiten als elektronische Datei. Das Buch des Eichstätter Instituts für Digitales Lernen funktioniert dagegen multimedial mit einem Browser: Schüler dürfen Text farbig markieren, eigene Notizen anfügen oder Fotos von Tafelbildern einbauen.

So soll mit der Zeit ein individuelles Lernbuch entstehen. Neben Filmen und Tonspuren stehen Texte und Übungsmaterial zum Anklicken. Ein Bilderbuch, das im Stil Wilhelm Buschs gestaltet ist und im mBook vorgelesen wird, zeigt zum Beispiel, wie die Propaganda im Ersten Weltkrieg junge Männer mit einem verklärten Bild der Schützengräben täuschte und gegen den Erbfeind Frankreich Stimmung machte.

Das Institut für Digitales Lernen gehört zum Eichstätter Lehrstuhl für Theorie und Didaktik der Geschichte. Die Inhalte des mBooks folgen dem wissenschaftlichen Konzept der Professorin Waltraud Schreiber. Sie gilt als Expertin des kompetenzorientierten Unterrichts: Selbst erarbeitetes Wissen und Themenschwerpunkte, die mehrere Epochen umfassen, erhalten im mBook Vorrang vor der Chronologie. Auch der Lehrplan Plus, der 2017 an den weiterführenden Schulen in Bayern eingeführt wird, orientiert sich an diesem Konzept.

Die Idee zum mBook stammt von Florian Sochatzy und Marcus Ventzke. "Schulbücher können nicht das, was sie können müssen", sagt Sochatzy, der sich in seiner Doktorarbeit mit den Anforderungen an ein digitales Schulbuch beschäftigte. "Das Daten- und Faktenwissen bringt nichts", sagt der 35-Jährige. Das mBook soll mittels verschiedener Medien Geschichte spannend erzählen. Die Wirtschaftsnot der Zwanzigerjahre wird zum Beispiel in einer Bildergalerie dargestellt. "Das schafft eine textlastige Seite mit briefmarkengroßen Bildern nicht", sagt er.

Genauso wichtig sei der Bezug der Historie zur aktuellen Situation der Jugendlichen. Die Ursachen für die Fluchtbewegungen im Zweiten Weltkrieg und derzeit in Syrien oder Afghanistan gleichen sich: Enteignung, Gewalt und Todesangst. "Für uns heißt das, dass wir das Buch auch immer wieder aktualisieren und umschreiben müssen", sagt Sochatzy. Dabei helfen sieben Festangestellte und ein Dutzend Freie Mitarbeiter, die derzeit auch an einem mBook für das Fach Deutsch arbeiten.

Schulbuch des Jahres: das mBook

2011 begannen Sochatzy und Ventzke mit den ersten Entwürfen, zunächst für ein belgisches Schulbuch. Es war die Gründungszeit des Instituts für Digitales Lernen, einem Zusammenschluss, in dem viel Uni drinsteckt. Sochatzy und Ventzke dozierten damals an der KU Eichstätt und rekrutierten Studenten für ihr Team. Das Institut ist aber eine eigenständige Firma, für die Sochatzy mittlerweile seine Dozentenstelle an der Uni gekündigt hat.

Das mBook wurde auf der Leipziger Buchmesse zum Schulbuch des Jahres gekürt und auf der Frankfurter Buchmesse mit dem eBook-Award ausgezeichnet. Anklang findet das Konzept auch bei bayerischen Geschichtslehrern: Der Aufbau des mBooks ist eher klassisch. Aber dadurch, dass Schüler Filme oder Tondokumente immer wieder anklicken können und nicht auf die einmalige Vorführung im Klassenzimmer angewiesen sind, sei individuelleres Lernen möglich, sagt David Denninger, der Vorsitzende des Bayerischen Geschichtslehrerverbands.

Noch positiver findet er, dass Buben und Mädchen eigene Gedanken ins Buch schreiben können - das ist bei den Leihbüchern der meisten Schulen streng verboten. "Dadurch entwickeln die Schüler einen engeren Bezug zum Stoff, das ist ein Riesenvorteil", sagt Denninger. Den Fokus auf selbständiges Lernen sieht er aber kritisch: "Das Buch erweckt den Anschein, dass die Schüler sich den Stoff mit diesem Material alleine beibringen könnten." Das gehe zu weit.

Bisher ist das mBook noch in keinem Bundesland zugelassen. Das Genehmigungsverfahren dauert in Bayern bis zu fünf Monate, bei digitalen Büchern noch länger. Das Kultusministerium lässt neue Schulbücher von ausgewählten Fachlehrern prüfen.

Geschichtslehrer Denninger bezweifelt, dass sich das mBook rasch durchsetzen wird. Die Infrastruktur vieler Schulen sei nicht bereit für ein multimediales Geschichtsbuch. Solange das Handyverbot gilt und nicht alle Schulen Wlan haben, sei ein browsergestütztes Programm kaum massentauglich. Und sofern eine Schule nicht allen Kindern Tablets stellen kann, macht ein individuelles Lernprogramm für Denninger wenig Sinn. Dass das Programm auf allen Geräten laufen soll, zerstreut seine Zweifel nicht. "Dann hat ein Kind ein schnelles neues Gerät und das andere ein altes, langsames - das ist keine Lernmittelfreiheit", sagt er.

Für multimediales Lernen müssten ein grundsätzlicher Wandel eingeleitet und alle Schulbücher nur noch digital genutzt werden. Zwar gilt die Digitalisierung als Großprojekte im Ministerium, und in der Online-Mediathek Mebis gibt es bereits mehr als 13 000 Materialien für den Unterricht, aber das gedruckte Buch ist in Bayerns Schulen noch immer erste Wahl.

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SZ vom 06.09.2016/vewo
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