Süddeutsche Zeitung

Bayern:Deutschlehrer für ukrainische Kinder gesucht

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Erst waren es Willkommensklassen, nun müssen etwa 35 000 geflüchtete Schülerinnen und Schüler in den bayerischen Schulunterricht integriert werden. Dafür schafft das Kultusministerium 1620 neue Lehrerstellen. Doch woher soll das Personal kommen?

Von Viktoria Spinrad

25 000 Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine sitzen bereits in bayerischen Klassenzimmern, im neuen Schuljahr rechnet das Kultusministerium mit insgesamt 35 000 - das entspricht einem Abiturjahrgang. Ein Kraftakt für das ohnehin angestrengte Schulsystem, gerade angesichts von Lehrermangel und politischen Richtungsstreitigkeiten. Sollen die Kinder und Jugendlichen vor allem Deutsch lernen - oder den Anschluss an die Heimat bewahren? Wie viele sitzen nach den Sommerferien tatsächlich in den Klassenzimmern? Und wer bleibt überhaupt noch da, sollte der Krieg zu Ende gehen?

Die nun vorgelegte Lösung ist eine Gratwanderung, um den verschiedenen Bedürfnissen entgegenzukommen, wenn nach drei Monaten im Land die Schulpflicht für die geflüchteten Kinder greift. Das Konzept sieht eine direkte Einbindung in normale Klassen für Grundschüler und sogenannte Brückenklassen an den weiterführenden Schulen vor. In denen sollen die ukrainischen Schülerinnen und Schüler vor allem schnell Deutsch lernen. Um das zu ermöglichen, schafft das Kultusministerium 1620 neue Stellen - ein Aufwuchs um 1,7 Prozent. "Wir wollen Perspektiven geben und Halt bieten", sagte Kultusminister Michael Piazolo (FW) bei der Vorstellung des Konzepts am Montag.

Der Fernunterricht aus der Heimat soll bleiben

Konkret sollen Grundschüler reguläre Klassen besuchen und ihr Deutsch hauptsächlich nebenher lernen. "Sprachbad" nennen Bildungsexperten das. Zusätzlich sollen sie, soweit nötig und möglich, nebenher Deutschunterricht bekommen. Komplizierter wird es für die Stundenplan-Bastler an den weiterführenden Schulen. Aus den bisher 1120 Willkommensgruppen, in denen ukrainische Schüler verschiedener Altersgruppen bisher wie im Klassenverbund zusammensaßen, werden Brückenklassen. Sie sollen die jungen Menschen fit für die Teilnahme am normalen Unterricht machen.

Zehn Stunden in der Woche sollen die Fünft- bis Neuntklässler von Mitte September an Deutsch lernen, neun Stunden lang Mathematik und Englisch. Um den Kontakt mit den Mitschülern zu fördern, sollen sie mindestens vier Schulstunden am regulären Unterricht teilnehmen. So soll den Schülern Zeit bleiben, weiterhin an ihrem ukrainischen Fernunterricht aus der Heimat teilzunehmen, sofern dieser noch besteht. Es ist ein Zugeständnis an Forderungen, es mit der Integration nicht zu übertreiben und die Tür zurück in die Heimat offenzuhalten.

Offen ist, wer die Tausenden Schüler nach dem Sommer unterrichten soll. Bereits die Willkommensklassen waren für viele Schulen ein Kraftakt, sodass im Verlauf einer Woche nicht selten drei verschiedene Lehrer vor den ukrainischen Schülern standen. Verkompliziert wird die Causa dadurch, dass mehr als die Hälfte der bayerischen Lehrerinnen und Lehrer in Teilzeit arbeitet und sich der Staat in der Vergangenheit nicht immer als attraktiver Arbeitgeber für Drittkräfte profiliert hat. Gerade der nun gesuchte Bereich "Deutsch als Fremdsprache" (DaZ) gilt als vielerorts erschöpft, zumal er als unterbezahlt gilt.

Piazolo will Pensionisten zurückholen

Dass es schwierig wird, die neuen 1620 Stellen adäquat zu besetzen, daraus machte auch Piazolo keinen Hehl. Er sprach am Montag von einer "großen Herausforderung" und einer "enormen solidarischen Kraftanstrengung". Abermals appellierte er an die Lehrer, ihr Pensum aufzustocken und an Pensionisten, sich in den Dienst zu stellen - vor allem die mit DaZ-Hintergrund. "Alle, die das unterrichten können, stellen wir sehr, sehr gerne ein", sagte er.

Derweil wächst bei Lehrerverbänden die Sorge vor einer weiteren Überlastung des angespannten Systems. Das Konzept für das neue Schuljahr sei ja "wunderbar", sagte Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (BLLV). In der Praxis spürten die Pädagogen aber, dass sie weit über ihre Grenzen gehen müssten.

Ähnlich kritische Töne kamen am Montagnachmittag von der SPD-Fraktion im Landtag. "Konzepte sind schön", ließen die bildungspolitischen Sprecherinnen Simone Strohmayr und Margit Wild zu den Plänen verlauten. "Aber noch schöner ist es, wenn man sie auch mit Leben erfüllen kann." Gleichzeitig mahnten sie vor einer Zweiklassengesellschaft an den bayerischen Schulen. Allen geflüchteten Schülern stünde beispielsweise Englischunterricht zu. Brückenklassen sollten die Deutschklassen deshalb ganz ersetzen, so die Forderung.

Unklar ist derweil, was aus den mehr als 1000 ukrainischen Lehrerinnen wird, die für die Willkommensklassen rekrutiert wurden. Diese sollen nach Möglichkeit weiter beschäftigt werden, heißt es aus dem Ministerium. Es dürften vor allem die sein, die Deutsch unterrichten können. Derweil wirbt das Kultusministerium auf seiner zweisprachigen Themenseite weiter um Willkommenskräfte. Die Unsicherheiten bei der Planung landen am Ende bei Pädagogen wie ihnen: Wer eine der geplanten 1620 Stellen ergattert, wird zunächst für ein Jahr eingestellt - vorausgesetzt, der Haushaltsausschuss stimmt den Plänen zu.

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