Süddeutsche Zeitung

Neue Mieter:Ruhestörung am geselligsten Ort Nürnbergs

Am Tiergärtnertorplatz verbringen viele Nürnberger laue Sommerabende. Es könnte so schön sein - wäre da nicht ein Zugezogener, der sich ständig beschwert.

Peter Würz versteht die ganze Aufregung nicht. Seit 50 Jahren wohnt er am Tiergärtnertorplatz und dass man dort lärmtechnisch keine Einsiedelei erwarten darf, war ihm immer klar. Touristen halten die Piazza unterhalb der Kaiserburg oft fälschlicherweise für den Dürer-Platz, weil der da seine Werkstatt hatte und das gleichnamige Museum dort zu finden ist. Egal, der geselligste Ort Nürnbergs, womöglich gar Frankens, ist es allemal. An der Stadtmauer verbringt man laue Sommernächte, klassischerweise auf dem Kopfsteinpflaster hockend, erwärmt sich an der Fachwerkkulisse und belustigt sich über die Stadttrottel, die in der Bergkurve vor dem Platz unter Beweis stellen müssen, dass sie unter der Kühlerhaube mehr haben als im Kopf.

Es könnte also schön sein, und wenn es nach Peter Würz geht, dann ist es auch schön. Die Gaspedalschwachmaten nerven, klar, aber auf dem Platz gehe es "erstaunlich zivilisiert" zu, sagt er. Früher haben sie mitunter Bierflaschen übers Pflaster rollen lassen, aber so einen Unsinn nimmt er vor seiner Haustür schon seit Jahren nicht mehr wahr. Durchs offene Fenster höre man nachts so ein Grundgrummeln, wie man es eben hört, wenn sich Menschen unterhalten. Aber sonst?

Fragt man bei der Polizei nach, so ist diese Ansicht offenbar konsensfähig. Das Tiergärtnertor? Kein polizeilicher Einsatzschwerpunkt, keine signifikant erhöhten Aggressionsdelikte, erklärt Polizeisprecherin Elke Schönwald. Und lange Zeit auch nahezu keine Beschwerden wegen Lärmbelästigung. Wobei der Akzent da wohl auf "lange Zeit" liegen dürfte.

Es gibt dort aber neue Mieter, eine aus Oberbayern zugezogene Familie. Sie wurden beim Einzug deutlich darauf hingewiesen, dass sich das Tiergärtnertor nicht als Freiluftschweigekloster Frankens einen Namen gemacht hat, sagt sinngemäß Karl-Heinz Enderle, der die historische Wohnung im Mai für die Altstadtfreunde an die Neubürger vermietet hat. Genutzt aber hat der Hinweis wenig. In den heißen Nächten dieses Sommers hagelte es Beschwerden bei der Polizei: Ruhestörung. Eine Petitesse? Das glaubten sie auch in Fürth, als sich ein Neubürger erstmals über den Lärm in der Gustavstraße, der Kneipenstraße schlechthin, aufregte.

Vor acht Jahren war das, man fand das albern; und schlitterte in eine juristische Streitsache, die das Stadtleben seither wie keine zweite beherrscht. Vor zwei Tagen erst lud OB Thomas Jung eigens zur Pressekonferenz, um einen Meilenstein zu verkünden: Erstmals seit Jahren werde der Grafflmarkt in der Gustavstraße ohne Gerichtsverfahren stattfinden. Das Ende des Dauerzanks bedeutet das aber noch nicht. Weitere Verfahren sind anhängig.

Droht dergleichen auch in Nürnberg? Schwer zu sagen, dafür sind die Nächte inzwischen zu kühl. Dass einer der Zugezogenen jemand sein könnte, dem es im nächsten Hochsommer ums Grundsätzliche geht, muss aber befürchten, wer die Handzettel liest, die jüngst am Tiergärtnertor im Umlauf waren. Diese richteten sich gegen einen angeblichen "Hetzartikel" in den Nürnberger Nachrichten, die das Thema aufgegriffen hatten. Man liebe historische Häuser, deshalb sei man in die Altstadt gezogen. Der Tiergärtnertorplatz aber sei "mittlerweile zum Ballermann verkommen". Und dann sehr grundsätzlich: Die "Stadtregierung" verleugne nicht nur "ihre fast 1000-jährige Vergangenheit", sie sehe auch zu, wie in der Stadt "vieles regelrecht verkommt". Oh.

Das klingt nicht nach Sanftmut und Konsenslust. Wie die Polizei mit den Beschwerden umging? Man habe sich die Lage nach den nächtlichen Anrufen angeschaut, sagt Polizeisprecherin Schönwald. Auf dem Platz saßen Menschen, die sich unterhielten. Einen Anlass, den Platz zu räumen, habe es nicht gegeben. Immerhin dürfe man sich dort bis Mitternacht aufhalten. Ob sich der neue Anwohner damit auf Dauer zufrieden gibt? Wer sich auf dem Platz umtut, hört viele Skeptiker. Prozesshansel hätten "leider schon vieles totgeklagt", sagt einer.

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SZ vom 13.09.2019/fema
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