Süddeutsche Zeitung

Nach Brand:In Straubing sitzt der Schock noch immer tief

  • Eines der schlimmsten Großfeuer der vergangenen Jahre in Bayern hat am 25. November das historische Rathaus in Straubing zerstört.
  • Zwar wurde niemand verletzt und die Mitarbeiter haben es geschafft, die Daten der Stadt in Sicherheit zu bringen.
  • Doch der Schock sitzt tief: Es wird Jahre dauern und viele Millionen Euro kosten, das Gebäude wieder aufzubauen.

Von Sebastian Beck

Die vier Adventskerzen auf dem Bürotisch sind noch unberührt und werden es auch bleiben. Ein Feuer im Rathaus, sei es auch noch so klein - Oberbürgermeister Markus Pannermayr wird schon beim Gedanken daran schlecht. "Das kann gerne die Stadtgärtnerei haben", sagt er. Auch nach Besinnung ist ihm im Augenblick nicht zumute, hier oben in seinem provisorischen Kabuff unter dem Dach des Straubinger Rathauses. Oder besser gesagt: In jenem Teil, der davon übrig geblieben ist. Draußen auf der schmalen Treppe hängt immer noch Brandgeruch in der Luft, auch drei Wochen nach dem ganz großen Feuer.

Eine Art Schleuse aus Plastik trennt den zerstörten Teil des Gebäudes ab. Wer hier durchschlüpft, der bekommt einen Eindruck davon, was Flammen und Löschwasser zusammen anrichten können. Feuchter Putz löst sich von Decken und Wänden der Büros, der Parkettboden quillt auf. Durchnässte Kopierer, kaputte Telefone. Die gesamte Einrichtung ist nur noch Sperrmüll. Im südlichen Teil des Rathauses gähnt ein riesiges Loch. Wo der historische Rathaussaal war, stehen nur noch die Außenmauern, und selbst die müssen gestützt werden. Kräne setzen Stahlträger für ein Notdach auf die Ruine. Arbeiter sortieren Trümmer.

Pannermayr zeigt die SMS der Feuerwehrleitstelle, die ihn an jenem schwarzen Freitag, 25. November, um 15.43 Uhr erreichte. Er saß gerade in der Sitzung eines Aufsichtsrats. Zehn Minuten später stand er wie viele andere Bürger vor seinem Rathaus und sah die Flammen aus der Südostecke des Speichers schlagen. Eines der schlimmsten Großfeuer der vergangenen Jahre in Bayern fraß sich durch den Dachstuhl des mittelalterlichen Gebäudes. Ein Schock für die Menschen nicht nur in Straubing, denn ein Rathaus ist mehr als nur ein Haus: Es bildet zusammen mit der Kirche das Herz jeder Stadt.

Schon am Montag danach aber konnte die Straubinger Verwaltung wieder arbeiten. Während vorne gelöscht wurde, hatten hinten Mitarbeiter der Stadt die Festplatten ihrer Computer in Sicherheit gebracht. Alle Daten sind noch da, auch die Server funktionieren. Um das Ausmaß des Schadens zu dokumentieren, werden Experten Wochen brauchen. "Wir haben noch keine Summe auf dem Tisch", sagt Pannermayr. Er wagt noch nicht einmal eine Schätzung. Es gibt aber welche, die sagen: 15 bis 20 Millionen Euro könnte der Wiederaufbau kosten. Die Brandursache lässt sich wohl nicht mehr ermitteln. Handwerker hatten zuvor am Dach gearbeitet. Ihnen war nichts nachzuweisen. Spürhunde schnüffelten vergeblich nach Brandbeschleunigern. Alle Indizien sind zu Asche verbrannt.

"Wir haben es hier mit einem mittelalterlichen Rohbau zu tun", sagt Karl Schnieringer vom Landesamt für Denkmalpflege. "Es ist brutal." Der Mann ist von seiner Behörde nach Straubing abgeordnet worden, um zu dokumentieren, was noch erhalten ist und was das Feuer verschlungen hat. Im einstigen Rathaussaal wischt er Ruß von einer Fensternische. Darunter kommt die in Stein gemeißelte Inschrift eines Tuchmachers zum Vorschein, der sich dort im 16. Jahrhundert verewigt hat. Sie ist noch intakt, andere aber sind in der Hitze ebenso zersprungen wie die bunten Fenstergläser: Ob die Wappenscheiben wirklich mittelalterlich waren, oder aus dem 19. Jahrhundert stammten, wird derzeit untersucht.

Die Verlustliste ist lang und sie reißt Lücken in die Straubinger Geschichte. Erwin Hahn vom Bauordnungsamt zählt sie auf: Der große Lüster, den Bürgermeister Simon Höller den Bürgern um das Jahr 1650 schenkte - zerborsten. Die Dachkonstruktion aus dem Jahr 1827 - verbrannt. Die großen Wandgemälde im Rathaussaal - restlos vernichtet. Der blaue Salon, der für Hochzeiten genutzt wurde - durch Löschwasser ruiniert. Der neue Sitzungssaal - verschwunden samt Dach.

Immerhin, die bekannte Fassade steht noch, auch der mittelalterliche Dachstuhl des Längstraktes ist wenigstens zum Teil verschont worden. Und unter abgeplatzten Putzschichten kommen Wandmalereien hervor, die Schnieringer und seine Kollegen interessieren. Denn sie verraten einiges über die Baugeschichte eines der ältesten Rathäuser Bayerns.

Erstmals erwähnt wurde das Gebäude 1382, danach hinterließ jede Generation ihre Spuren an dem Bau. Den größten Frevel aber begingen die Straubinger Anfang des 19. Jahrhunderts: Damals rissen sie die gotische Giebelwand ab und pflanzten ein scheußliches Walmdach aufs Rathaus. Die Fensterfront hätten sie am liebsten auch modernisiert, doch die Regierung von Niederbayern wies die Bauherrn darauf hin, dass König Ludwig I. die Beseitigung solcher Altertümer an öffentlichen Gebäuden "ungern" sehe. Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Giebel sogar wieder rekonstruiert, und auch das verheerende Feuer hat er überstanden.

Darüber ist nicht nur Pannermayr froh. Denn irgendwann soll das Straubinger Rathaus von außen wieder so ausschauen wie vor dem Brand. Bloß wann das sein wird, das kann der Oberbürgermeister noch nicht beantworten. Anfang kommenden Jahres soll die erste Prognose gewagt werden. Wenigstens drei Jahre lang werden die Straubinger Bürger aber mit der Baustelle mitten in der Altstadt leben müssen. Vor Weihnachten noch wird die Ruine mit einem Pultdach gegen die Witterung geschützt. Dann müssen die Mauern erst einmal trocknen, das dauert. Alleine der Rückbau kann sich noch das gesamte nächste Jahr hinziehen.

Die Staatsregierung hat der Stadt finanzielle Hilfen in Aussicht gestellt. Doch es sieht ganz danach aus, als ob die Versicherung den Schaden zum Großteil bezahlen wird. Und weil Pannermayr halt ein Niederbayer ist, kann er dem Unglück eine positive Seite abgewinnen: Der Zusammenhalt in der Verwaltung und der Stadt sei riesengroß. Er ist sich sicher: "Wir packen das schon."

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SZ vom 19.12.2016/bica
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