Süddeutsche Zeitung

Landtagswahl in Bayern:Solide Verlierer

Das Ergebnis der CSU ist historisch schlecht. Allerdings auch gut genug, um Söder im Amt des Ministerpräsidenten zu halten und Seehofer nicht gleich aus dem Parteivorsitz zu katapultieren. Wichtigste Erkenntnis: Wer die Mitte verliert, kann die Verluste nicht rechtsaußen wettmachen.

Die erste interne Attacke auf die CSU-Doppelspitze kommt am Wahlabend, bevor es offizielle Zahlen gibt. Mit breitem Grinsen spaziert Erwin Huber in den immer voller und immer stickiger werdenden Fraktionssaal seiner Partei. Natürlich hat er schon Prognosen gehört und ahnt, auf welcher Basis er gleich lostreten wird. Und Huber tritt gern. Er schaut dabei so freundlich drein, dass man meinen könnte, er wolle eigentlich nur stupsen. Will er aber nicht.

Der ehemalige CSU-Chef steigt gleich in die Analyse der Wahlniederlage ein: "Mit der Bekämpfung der AfD wurde viel zu spät angefangen." Als langjähriger Wahlkämpfer sei er außerdem enttäuscht, dass was in Bayern geleistet wurde, nicht umgesetzt werden konnte. Und: "Wir sind nicht auf der Höhe der Zeit, was das Lebensgefühl angeht." Die CSU sei "zu weit weg von der jungen Generation, zu weit weg vom städtischen Milieu". Sagt der Niederbayer.

Eine Viertelstunde später ist der Saal wirklich rappelvoll, die Hochrechnung kommt. 35,5 Prozent. Für die CSU ist das gewiss kein Grund zur Freude - aber für jede Menge Erleichterung. Die wird noch größer, als sich abzeichnet, dass eine Koalition mit den Freien Wählern ausreichen könnte. Und als die Meldung kommt, dass es die Linke nicht in den Landtag schafft, applaudieren einige sogar. Nur die zehn Prozent für die SPD lösen bei manchen Betroffenheit aus. Zu dem Zeitpunkt sind das alles noch schwankende Werte. Das weiß auch Markus Söder, der Verlierer-Gewinner des Abends.

Der Ministerpräsident betritt das Podium und mit ihm sein Kabinett und einige wahlkampferprobte Jung-Söderisten, die das Bühnenbild komplettieren sollten. So hat Horst Seehofer, damals noch Parteichef und Ministerpräsident in einer Person, das auch am Abend der Bundestagswahl gemacht. Vielleicht glauben die beiden, dass sich die Verantwortung für das schlechte Ergebnis erst schön verteilen und dann leichter abschieben lässt.

Verheerendes Ergebnis, klarer Regierungsauftrag

Seehofer ist bei diesem Auftritt nicht dabei, sagt aber später: "Das Ergebnis ist sicher nicht gut, aber wir verantworten es gemeinsam." Im Laufe des Abends erreicht die CSU noch die 37-Prozent-Marke, der Wert hinter dem Komma schwankt weiter. Gemessen an der CSU-Historie ist das immer noch verheerend, verglichen mit den Schreckensszenarien, die sich manche schon ausgemalt haben, ist das Duo Söder-Seehofer wohl glimpflich davongekommen. Beide betrachten das Ergebnis ganz klar als Regierungsauftrag für die CSU. Praktischerweise stehen die Freien Wähler ebenso willig bereit wie die Grünen - nur dass die Hubert-Aiwanger-Partei der viel bequemere Partner für die CSU wäre.

Bequem darf es sich die Partei nach Meinung von Barbara Stamm aber keinesfalls machen. Die Landtagspräsidentin - auch als Seele der CSU bekannt - ist wütend. Auf die CSU. Was es jetzt für die Partei zu tun gebe? Erstens: Wählervotum akzeptieren, sagt Stamm. Zweitens: Es gibt kein Ausweichen mehr vor einer genauen Analyse. Und drittens? "Ich erlaube mir jetzt etwas zu sagen, was ich bisher nur in internen Sitzungen gesagt habe", setzt Stamm an. Dann teilt sie aus, ohne Namen zu nennen, aber ihre Botschaft ist klar: "Man kann rechts nicht so viel gewinnen, wie man in der Mitte verliert." Und der ständige Streit innerhalb der CSU habe sein Übriges getan, ist Stamm überzeugt, "das stört die Menschen doch".

Erst über Inhalte, dann über personelle Konsequenzen reden

Jetzt hofft sie auf eine ordentliche Aufarbeitung des Wahlergebnisses. Da gelangt man fast automatisch wieder zurück zu Erwin Huber und seiner Forderung nach einer Neuausrichtung. Er sei nach der Landtagswahl 2008 als Parteichef zurückgetreten, um einen personellen Neuanfang zu ermöglichen. Ob man das als Rücktrittsaufforderung verstehen darf? Huber weicht aus: Erst müsse man über inhaltliche Fragen reden, dann über personelle Konsequenzen: "Wir sind eine christliche Partei, da sollte man nicht gleich am ersten Abend die Messer wetzen."

Das machen am Wahlabend nicht einmal jene beiden Männer, denen man das am ehesten zutrauen würde. Söder und Seehofer verhalten sich auffällig unauffällig. Verwundern muss das nicht: Das Ergebnis ist zwar historisch schlecht, aber solide genug, um Seehofer nicht gleich aus dem Amt des Parteivorsitzenden zu katapultieren. Und Söder weiß, wenn er nun anfinge, am anderen zu rütteln, würde er durch das Beben womöglich mitgerissen.

Zumal die Auswahl an potenziellen Seehofer-Nachfolgern derzeit überschaubar ist - und ein kleines Wahl-Nachbeben erst noch beginnen könnte: Am Abend sieht es so aus, als würden die Grünen der CSU in München gleich mehrere Direktmandate abjagen können. Das wäre fast genauso sensationell, wie das CSU-Ergebnis schlecht. Und es würde zeigen, dass einer wie Erwin Huber, von dem sich Söder und Seehofer nur ungern etwas sagen lassen, recht hat. Vielleicht sollten die beiden etwas besser auf den Niederbayern hören? Huber hat seine Karriere mit dieser Legislaturperiode übrigens beendet, er ist nicht mehr zur Wahl angetreten.

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