Süddeutsche Zeitung

Kampfmittelbeseitigung:Bayerns explosives Kriegserbe

  • Allein im Jahr 2015 wurden in Bayern etwa 64 Tonnen Kampfmittel beseitigt und entsorgt, darunter auch 139 Spreng- und Splitterbomben.
  • Insgesamt wurden seit dem Jahr 2000 mehr als 800 Tonnen aus dem bayerischem Boden entfernt.
  • Es gibt zahlreiche Anhaltspunkte, wo Fliegerbomben liegen könnten - doch wohl aus Kostengründen werden sie nicht vorsorglich beseitigt.

An der Passauer Holzheimerstraße laufen Bauarbeiten, alles Routine, als Arbeiter plötzlich auf etwas Ungewöhnliches stoßen. Als sie den rundlichen Gegenstand ausgraben, ist klar: Es ist eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg. Nun muss alles sehr schnell gehen. Sofort wird die Polizei verständigt. Ein vom Innenministerium in München beauftragter Kampfmittelbeseitigungsdienst macht sich bereit. Der Sprengmeister eilt zum Fundort und begutachtet die Bombe: Sie wiegt 225 Kilogramm und ihr Kopfzünder ist durch den Aufprall stark deformiert.

Daraufhin wird ein Evakuierungsradius von 500 Metern festgelegt, was für etwa 2500 Menschen bedeutet: Sie müssen umgehend ihre Wohnung verlassen. Erst am folgenden Tag kommt es zur Entschärfung. 45 Minuten braucht der Sprengmeister - etwas länger als erwartet. Am 25. Oktober um 18.47 Uhr twittert das Polizeipräsidium Niederbayern: "Der Experte teilt uns gerade mit, dass die Bombe eben erfolgreich entschärft wurde und bereits verladen ist! Glückwunsch!"

Aktionen wie diese gehören seit Jahrzehnten zum Alltag in bayerischen Städten. Nur ein paar Tage vor dem Fund in Passau mussten die Sprengmeister in Freilassing und Breitengüßbach ausrücken - auch hier ging es um Fliegerbomben. Besonders dramatisch verlief die Bergung eine 225-Kilo-Bombe in Regensburg im Oktober 2015. Dort mussten nicht nur 5300 Menschen ihre Wohnungen verlassen, sondern es musste auch das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder geräumt werden - eine beispiellose Vorsichtsmaßnahme.

Dass so eine Entschärfung auch mal schief laufen kann, das zeigt das Beispiel einer Fliegerbombe, die im August 2012 in München-Schwabing gefunden wurde. Nach gescheiterten Entschärfungsversuchen sollte sie kontrolliert gesprengt werden. Bei der Explosion entstand eine Hitze von bis zu 1000 Grad. Das zur Dämmung verwandte Stroh fing Feuer, flog herum und verursachte mehrere kleine Brände. Durch die enorme Druckwelle wurden viele umliegenden Gebäude beschädigt. Laut der Bayerischen Versicherungskammer betrug der Gesamtschaden der Sprengung knapp drei Millionen Euro.

Mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist Deutschland noch immer mit der Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit beschäftigt. Ebenso lang dauert die Beseitigung der Kampfmittelaltlasten. Im Erdreich versteckt liegen noch tonnenweise Patronenmunition, Granaten und Bombenblindgänger, die nach Abschuss oder Abwurf nicht oder nur teilweise detonierten. Allein im Jahr 2015 wurden in Bayern etwa 64 Tonnen Kampfmittel beseitigt und entsorgt, darunter auch 139 Spreng- und Splitterbomben. Insgesamt wurden seit dem Jahr 2000 mehr als 800 Tonnen aus dem bayerischem Boden entfernt.

1,2 Millionen Tonnen Bomben fielen auf Deutschland

Bei den Luftangriffen der Alliierten wurden bayerische Städte wie München, Würzburg oder Nürnberg seit 1943 schwer zerstört. Alleine dem Feuersturm in Würzburg fielen kurz vor Kriegsende noch 5000 Menschen und unermessliche Kulturgüter zum Opfer. Die große Zahl der Bombenabwürfe über Bayern lässt sich unter anderem dadurch erklären, dass hier ein Zentrum der Rüstungsindustrie lag, wie Oberstleutnant Harald Potempa erklärt.

Der 53-Jährige lehrt am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam. Er kennt die Zahlen und Fakten: "Während des gesamten Krieges fielen etwa 1,2 Millionen Tonnen Bomben auf Deutschland. Sie zerstörten neben Industrieanlagen und Infrastruktur auch Wohngebiete der Städte, insgesamt mindestens drei Millionen Wohnungen, und töteten circa 370 000 Menschen."

Auch heute ist die Gefahr für die Menschen noch nicht ganz gebannt: "Die Quoten blind gegangener Munition im Zweiten Weltkrieg bewegen sich zwischen zehn und zwanzig Prozent, genau weiß das keiner", sagt Jürgen Kuhrdt von der Augsburger Kampfmittelbergungsfirma Geomer. Auch Munition aus dem Ersten Weltkrieg spiele eine größere Rolle, als gemeinhin angenommen, hat der Geograf und Kampfmittelfeuerwerker festgestellt. Er schätzt, dass die Blindgänger auf deutschem Boden die Räumdienste mindestens noch mehr als 100 Jahre beschäftigen werden. Bei 1,2 Millionen Tonnen Bomben gab es rechnerisch zwischen 120 000 und 240 000 Tonnen an Blindgängern.

Bombenfunde sind meist Zufall

In den vergangenen Jahrzehnten wurden Luftbilder freigegeben, die wichtige Anhaltspunkte für die Beseitigung von Blindgängern geben. Die Fotos der amerikanischen und britischen Streitkräfte sind Momentaufnahmen der Kriegsereignisse. Sie zeigen Stellungen, Laufgräben, Bunker, zerstörte Gebäude oder Krater, wo Bomben explodierten. Was sie jedoch nicht offenbaren, sind konkrete Informationen über verlorene, weggeworfene oder vergrabene Munition.

Manfred Popp vom Landesamt für Digitalisierung, Breitband und Vermessung erläutert den Umgang mit den zur Verfügung stehenden Luftbildern. Man dürfe die Bilder wegen eines Vertrages nur zweckgebunden, etwa für die Bombensuche und Altlastenbeseitigung, und nur an Behörden weitergeben. "In Bayern ist die Kampfmittelbeseitigung aber privatrechtlich organisiert", ergänzt Popp.

Die Vorsicht bei der Herausgabe von Luftbildern erklärt sich wohl aus der Sorge, dass Privatleute auf eigene Faust losziehen und gezielt nach Munition suchen könnten. Im unterfränkischen Estenfeld gibt es ein weltweit einzigartiges Unternehmen: die Luftbilddatenbank Dr. Carls GmbH. Die Fachfirma verwaltet und recherchiert Luftbilder aus dem Zweiten Weltkrieg und wertet sie zu Zwecken der Kampfmittel- und Altlastenerkundung aus. Mehr als 500 000 Luftbilder von 1938 bis 1955 sind im eigenen Archiv gelagert, auch bietet die Datenbank einen gezielten Zugriff auf circa zehn Millionen weitere Bilder in amerikanischen und englischen Archiven.

"Die Bilder zeigen uns, wann und wo Bomben gefallen sind. Ist dies der Fall, muss immer mit Blindgängern gerechnet werden", sagt der Inhaber Hans-Georg Carls. Eine große Hilfe bei der Suche sind die Bildinformationen. Sie zeigen wann, wo und mit welcher Nummer ein Flug stattfand, machen Angaben über den Maßstab oder geben Auskunft über das Wetter zum Zeitpunkt des Fluges.

Eine Luftbildauswertung muss immer durch eine Aktenrecherche und durch Sondierungen im Gelände ergänzt werden. Wie aufwendig ein typischer Einsatz abläuft, beschreibt Robert Dürr, der als Truppführer für den Kampfmittelräumdienst Dürr im niederbayerischen Mengkofen arbeitet: "Ein Kampfmittelräumer geht mit einer Sonde die Fläche komplett ab." Dies geschehe mit Detektoren, die Anomalien im Erdmagnetfeld oder im Boden feststellen. In vielen Fällen sei es jedoch nicht möglich, bestimmte Bereiche aufgrund der fortschreitenden Bebauung zu sondieren. "Dann werden die Baggerarbeiten beaufsichtigt", sagt Dürr.

Wenn die unterirdische Gefahr überall lauert, warum geht man nicht flächenhaft vor und sucht mittels dieser Hinweise nach hochexplosiven Altlasten? "Das Hauptprobleme sind die Kosten", wendet Hans-Georg Carls von der Luftbilddatenband ein. Deshalb beschränke man sich heute meist auf die Erkundung von Baustellen aller Art. So vergeht kaum eine Woche ohne Bombenalarm. Zuletzt mussten am Sonntag in Kiel 800 Menschen ihre Wohnungen verlassen, nachdem in einem Schrebergarten eine 250-Kilo-Bombe gefunden worden war.

Davor gab es alleine im November Einsätze in Berlin, Köln, Bremen, Hamburg, Nordhorn. Wieder einmal ging alles gut aus.

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SZ vom 30.11.2016/vewo/mmo
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