Süddeutsche Zeitung

Tradition:Bayerns fast verlorene Weihnachtsbräuche

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Strohmonster, umherziehende Kinder oder eine schwangere Maria für Zuhause: An wenigen Orten in Altbayern haben sich archaische Spektakel gehalten - und viele wollen mitmachen.

Von Sebastian Beck und Matthias Köpf

Dieser Text erschien ursprünglich in der SZ vom 24.12.2018 - weil dieses Jahr sowieso sehr viele Bräuche ausfallen müssen, erinnern wir halt so daran:

Wehe, wer ihnen zu nahe kommt. "Respekt vor den Butten!", herrscht ein Zuschauer den Reporter an, als der den gefühlten Mindestabstand unterschreitet. Dabei ist die Szenerie hier oben so atemberaubend, dass der Betrachter schon mal vergessen kann, wo er sich befindet: Ist das Tibet? Bhutan? Oder doch bloß ein Grasbuckel oberhalb von Bischofswiesen?

Zwei Dutzend Dämonen bilden einen Kreis - die Buttenmandl dick mit Stroh umhüllt, die Gankerl als gehörnte Teufel in Fellgewänder gekleidet. Dazwischen ragt der Heilige Nikolaus mit seinem Bischofsstab heraus. Die Runde kniet sich nieder, betet ein Ave Maria, murmelt ein Vaterunser. Ein paar Spritzer Weihwasser noch, dann rast die "Bass", wie die Gruppen hier genannt werden, den Berg hinab in die Ortschaft. Über all dem thront der verschneite Watzmann mit seinen Kindern in der Dezemberdämmerung. Ein Moment, in dem Oberbayern auf einmal so fremd und fern wie das frühe Mittelalter erscheint.

Ethnologen würden das Ritual auf der Anhöhe vielleicht als Transformation bezeichnen: Aus Buben werden an diesem Nachmittag Männer, aus Menschen werden Dämonen. So war das schon immer und überall auf der Welt. Thomas Eder, der hier in Bischofswiesen nur der Guggei heißt, hat es nicht so mit theoretischen Betrachtungen. Er fasst die Sache lieber so zusammen: "Da kannst dir was drauf einbilden, wenn du da mitmachen darfst."

Insgesamt 25 junge Burschen haben diesmal mitgemacht beim Buttenlauf. Sie wurden alle danach ausgesucht, ob sie das Brauchtum auch würdig vertreten. Piercings und Tätowierungen - das kommt eher schlecht an, selbst unterm Fellgewand. Am Vormittag haben sie sich beim Guggei im Stadel getroffen, erst einmal Würstl gegessen und ein paar Bier gekippt, bis dahin ein ganz normaler Frühschoppen halt, wie der Guggei sagt. Bloß, dass halt nicht geraucht werden darf auf dem Hof.

Dann wird die Sache ernst: Die Alten, denen 30 Kilo Kuhglocken und Strohgewänder zu schwer sind, binden die Jungen in ihre Kostüme ein. Das dauert bis zum Nachmittag. Schließlich fliegt die Flügeltüre des Heustadels auf und die Dämonenschar samt Nikolaus sprengt lärmend den Berg hinauf zum Gebet.

Vielleicht 80 oder 100 Zuschauer säumen ihren Weg. Die Bischofswiesener machen dafür keine Werbung, auch auf dem Hof sind neugierige Blicke unerwünscht. Beim Einbinden im Stadel zuschauen? "Kannst vergessen", heißt es schon vorab. "Wir machen das für uns", sagt der Guggei. Und sie machen es schon immer so - zumindest seit 200 Jahren. Damals wurde der Buttenlauf im Berchtesgadener Land erstmals beschrieben. Er hat sich in der Gegend als archaisches Spektakel erhalten, misstrauisch beäugt von der Kirche, schließlich kommen Strohmonster oder Gankerl weder im Alten noch im Neuen Testament vor.

Die Burschen von Bischofswiesen halten fest an der Tradition, und zwar mit großem Ernst. Anderswo in Altbayern ist das vorweihnachtliche Brauchtum längst auf einen Christkindlmarkt zusammengeschrumpft, bei dem der Sportverein Glühwein verkauft, die Junge Union Glühwein verkauft und der Tennisverein Glühwein verkauft. Wer sich bei Bürgermeistern im Oberland südlich von München oder Trachtenvereinen nach vorweihnachtlichen Bräuchen umhört, der bekommt meist zur Antwort: Gibt's nicht mehr, ausgestorben, macht keiner mehr, die haben aufgehört.

Entlang der Alpen zwischen dem Untersberg und dem Inntal aber scheinen sich noch mehr solcher Bräuche erhalten zu haben als anderswo. Vieles pflegen die Menschen hier tatsächlich nur für sich und nicht für irgendwelche Gäste. So räuchern zum Beispiel in den weit über die Hänge verstreuten Anwesen oberhalb von Marktschellenberg noch viele Familien an Heiligabend, Silvester und in der Nacht vor Dreikönig die Stuben und Ställe aus.

Im nahen Berchtesgaden feuern die Weihnachtsschützen in der Woche vor dem Fest an jedem Nachmittag zum Läuten aller Kirchenglocken von den Anhöhen herab ihre Handböller ab. Vor der Christmette wird eine halbe Stunde lang praktisch durchgeschossen, so wie an Silvester vor und nach Mitternacht. Die Weihnachtsschützen sind allein in Berchtesgaden in mehr als einem Dutzend Vereinen organisiert, insgesamt gibt es etwa 3000 Mitglieder, von denen rund ein Drittel aktiv zum Böller greift. In der nahen Gemeinde Ramsau beschränken sich die Schützen auf den dritten und vierten Advent sowie auf den Heiligen Abend und Silvester, dafür gehen sie hier am dritten Advent noch von Haus zu Haus.

Was, Bedürftige? Ja, gibt es auch hier

Ähnlich halten es in der Gegend auch die Klöcklsinger, wie es sie zum Beispiel auch paar Kilometer weiter westlich am Samerberg im Landkreis Rosenheim gibt. Hier heißen sie Klöpfelsinger. Am späten Nachmittag ziehen die Kinder im Grundschulalter durch Törwang, angeführt vom Seppi, der klingelt und die Bitte um Spenden für Bedürftige vorträgt. "Was, gibt's die überhaupt am Samerberg?", fragt ein Mann die Kinderschar vor seiner Haustür. "Alleinerziehende zum Beispiel!", entgegnet ihm Veronika Sattlberger, eine Pädagogin aus Törwang, die die Kinder begleitet. "Der Pfarrer kennt die Leute schon, die es brauchen." Dann rückt der Mann einen Geldschein heraus.

Der Samerberg ist zwar nicht wirklich weit entfernt vom Gebrause der Welt und der Inntalautobahn. Dennoch zieht sich das Hochtal ein bisschen abgeschieden durch die ersten Erhebungen der Voralpen. Hier gibt es länger und mehr Schnee als unten. Die Einödhöfe liegen verstreut zwischen Wäldern und Wiesenbuckeln. Vielleicht haben sich deshalb noch Bräuche und eine Gemeinschaft gehalten, wie es sie anderswo so kaum mehr gibt.

Im Weiler Roßholzen zum Beispiel versammelt man sich jedes Jahr vor Weihnachten zu einer Roratemesse, die im Volksmund auch Engelamt heißt, und hier ausnahmsweise am Abend um 19 Uhr gefeiert wird. Mesnerin Gertraud Maurer hat die Rokokokirche St. Bartholomäus mit mehr als hundert Kerzen geschmückt. Die Roßholzener nennen sich wie die Maurers selber lieber "Baschtler", nach dem Patron ihrer Kirche, dem Heiligen Bartholomäus. Ein Samerberger wisse dann jedenfalls gleich, wo sie hingehören, sagt Gertraud Maurer. Von der Empore herab stimmen die "Samer Sänger" Adventslieder an. Frauen sitzen links vom Mittelgang und die Männer rechts. Die ersten Reihen belegen die Mitglieder der Freiwillige Feuerwehr in Uniformen. Heute gedenken sie ihrer Toten. Zusammen mit den sieben Ministrantinnen formt sich die Kirchengemeinde zu einem altbayerischen Adventsgemälde.

Engelämter wie in Roßholzen wurden früher in jeder katholischen Pfarrgemeinde um sechs Uhr morgens gefeiert, als Vorbereitung auf die Geburt Jesu Christi. Nachdem sie mangels Beteiligung fast verschwunden waren, bieten sie zahlreiche Gemeinden wieder an - genauso wie das Frauentragen.

Am Samerberg haben sich in diesem Advent wieder viele Familien an dem Brauch beteiligt, bei dem eine Marienfigur von Haus zu Haus gebracht wird, um dort jeweils einen Tag oder auch nur Abend lang einen Anlass zur Andacht zu geben, zu Gebeten oder Hausmusik. Dass die sonst sehr traditionsbewussten Samerberger bei diesem Brauch nicht vollkommen sattelfest sind, zeigt sich schon daran, dass eine Familie der nächsten zusammen mit der Marienfigur auch Begleitheftchen weiterreicht, in denen Dekorations- und Gebetsvorschläge verzeichnet sind.

Bei Veronika Sattlberger, die mit den Kindern durch den Ort zog, sollte die Figur dann am Heiligen Abend ankommen nach der Kindermette. Die Maria im Haus verleihe dem weihnachtlichen Ritual noch mehr Kraft, sagt sie: Es gehe ihr um die Geste, die schwangere Maria zu beherbergen.

Viele wollen Maria daheim in der Stube haben - die schwangere

Der Wunsch, die Maria daheim in der Stube zu haben, sei so groß, dass sie zwei Runden durch die Gemeinde drehen könnte, sagt Diakon Günter Schmitzberger. Doch bis vor acht Jahren hatte es diesen Brauch, der eher aus dem Niederbayerischen bekannt ist, hier oben gar nicht gegeben. Schmitzberger selbst hat ihn importiert, zwei Jahre nachdem er als Diakon hierher gekommen war. Er habe lange nach der Figur einer schwangeren Maria gesucht, sagt er - eine Darstellungsform, die von der Kirche früher nicht geschätzt wurde. Gefunden habe er sie durch Zufall in Südtirol, wo er einem alten Bauern von der vergeblichen Suche erzählt habe. Im Keller lag dann eine passende Figur, als habe sie auf ihn gewartet.

Inzwischen ist die schwangere Maria eine Samerbergerin geworden, und sie beweist, dass das Ritual als solches einen sinnstiftenden Wert hat - wie das Klöpfeln, das Räuchern oder die Roratemesse: Dadurch werden Advent und Weihnachten mit dem Kontrast von Licht und Dunkelheit zu einer mystischen Erfahrung, die alle in Bann zieht - nicht nur die überzeugten Katholiken.

Die Rituale sind freilich nicht fest gefügt, sogar bei den Buttenmandln, so ernst sie es in Bischofswiesen damit auch nehmen. In manchen der gut drei Dutzend Bassn geht es zwar auch streng nach den Weisungen des jeweiligen Buttenmandl-Meisters, aber insgesamt nicht gar so genau zu. Ob im jeweiligen Ort Strohbuttnmandl wie in Bischofswiesen oder anders gewandete Fellbuttnmandl ihr Unwesen treiben, richtet sich nach lokaler Überlieferung. Insgesamt geht bei dieser Tradition der Trend in Richtung Horror: Immer grusliger gestalten die Schnitzer die Tiermasken und die Fratzen. Auch manche einheimischen Auftraggeber schrecken schon länger nicht mehr davor zurück, ihren Masken batteriebetriebene Leuchtdioden in die Augen montieren zu lassen.

In Bischofswiesen folgen sie aber strikt der Tradition. Dazu gehört auch, dass niemals 13 Strohmandl mitlaufen dürfen. Bloß nicht! Die Zahl 14 ist fast genauso schlecht, denn sollte sich einer bei dem Treiben verletzen, sind nur noch 13 übrig. Und dann, so sagt man, mische sich der Teufel unter die Burschen. Das sei ein Aberglaube, sagt der Guggei. Aber drauf ankommen lassen will er es auch nicht.

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SZ vom 24.12.2018/ebri
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