Süddeutsche Zeitung

Artenvielfalt:Der Wald als Menschenwerk

Einzelne Forstexperten kritisieren die Ausweisung neuer Naturwälder massiv. Sie halten die Pläne nicht nur für falsch - sie finden sie sogar schädlich für den Erhalt der Mischwälder.

Von Christian Sebald

Die Entscheidung von Forstministerin Michaela Kaniber (CSU), in Bayern vier neue Naturwälder mit insgesamt fast 5000 Hektar Fläche auszuweisen, ist in der Forstszene sehr umstritten. Zwar äußern nur wenige Förster offen Kritik an der Entscheidung, allein schon deshalb, weil die allermeisten in der staatlichen Forstverwaltung oder dem Staatsunternehmen Bayerische Staatsforsten BaySF arbeiten, der Freistaat also ihr Dienstherr ist. Aber intern sind der Ärger und der Widerstand groß, berichten Insider. Der Forstwissenschaftler Erwin Engeßer zählt zu den wenigen, die Kanibers Entscheidung offen entgegentreten. Er nennt Naturwälder "die primitivste Form von Naturschutz im Mischwald". Sie führten "zum schleichenden Verlust der Mischbaumarten und der daran hängenden Artenvielfalt".

Engeßer ist ein bekannter Mann in der bayerischen Forstszene. Der 63-Jährige war die meiste Zeit seines Berufslebens für die urtümlichen Laubmischwälder am Zusammenfluss von Donau und Altmühl zuständig - erst als Vize-Chef des Forstamts in Kelheim und später als Chef des BaySF-Betriebs in Kelheim. Zuletzt war Engeßer, der sich selbst als Naturschützer begreift und Mitglied im Bund Naturschutz sowie im Landesbund für Vogelschutz ist, Vize-Chef des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Regensburg. Unter Forstleuten ist es Konsens, dass Engeßer und seine Förster die Buchen-Mischwälder in der Region sorgfältig gepflegt und bewirtschaftet haben, sodass sie als Naturjuwel erhalten geblieben sind.

In ihnen trifft man nicht nur viele seltene Specht- und Fledermausarten an, sondern zum Beispiel auch den gelb-schwarzen Feuersalamander. Außerdem gedeihen dort viele seltene Baumarten, die giftige Eibe genauso wie die Elsbeere oder der Spitzahorn. Um diesen Naturreichtum zu schützen und weiterzuentwickeln, sollen nun 1090 Hektar Wald rund um die Weltenburger Enge als Naturwald ausgewiesen werden. Das Nationale Naturmonument soll Bestandteil des Naturwalds werden. In dem Schutzgebiet wird keine Forstwirtschaft mehr stattfinden. Stattdessen gilt der Nationalpark-Grundsatz: "Natur Natur sein lassen." Der Wald soll sich ohne Eingriffe selbst entwickeln.

Genau das ist es aber, womit sich Engeßer nicht abfinden will. Deshalb klagt er gegen das Nationale Naturmonument und lehnt auch den neuen Naturwald kategorisch ab. "Der Buchenurwald, den Naturschützer immer vor Augen haben, wenn sie von Naturwald reden, ist reine Fiktion", sagt er. "Den hat es rund um die Weltenburger Enge nie gegeben." Nach seinen Worten sind die Wälder dort Menschenwerk. "Das ist ein Mischwald, der durch die Jahrhunderte und eine besondere Form der Waldwirtschaft dort entstanden ist - indem die Menschen zum Beispiel besonderes Augenmerk auf die Eiche, die Esche, die Kirsche und andere Baumarten gelegt haben." Wenn man so einen Mischwald sich selbst überlässt, dann haben aus Engeßers Sicht all die besonderen Baumarten keine Chance mehr: "Über kurz oder lang werden sie von der extrem wuchskräftigen Buche verdrängt. Damit ist es dann auch vorbei mit der übrigen Artenvielfalt."

So wie Engeßer sehen das viele Forstleute. Ulrich Mergner, der Leiter des BaySF-Forstbetriebs Ebrach im fränkischen Steigerwald, argumentiert seit Jahren ganz ähnlich. In der Region, die für ihre alten Buchenwälder berühmt ist, tobt seit Jahren ein heftiger Streit um einen Nationalpark. Mergner, der sich ebenfalls explizit als Naturschützer versteht, kämpft mit den gleichen Argumenten wie Engeßer gegen das Ansinnen der Umweltorganisationen. Die Staatsregierung steht fest an der Seite der Nationalpark-Gegner und will keinen Nationalpark ausweisen. Allerdings hat Kaniber nun entschieden, dass auch im Steigerwald ein Naturwald eingerichtet wird - im Böhlgrund, den bisher Mergner und sein BaySF-Betrieb bewirtschaften. Der Verfassungsgerichtshof übrigens hat noch nicht über Engeßers Popularklage gegen das Nationale Naturmonument entschieden. Bayerns oberste Richter haben zunächst eine Stellungnahme angefordert. Die Frist dafür läuft bis 15. Juni.

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SZ vom 05.06.2020/vewo
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