Süddeutsche Zeitung

Alkoholkonsum:Ein Like fürs Sauf-Foto

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Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung freut sich mit einem Abiturienten über dessen Rausch-Abenteuer. Doch wenn Cannabis kein Brokkoli ist, ist Bier auch kein Apfelsaft.

Glosse von Lea Weinmann

Brokkoli ist ein fantastisches Gemüse. Vitaminreich, gut bekömmlich, der Armin Laschet unter den Kohlgewächsen: ein bisschen langweilig, aber von vielen unterschätzt. Die Drogenbeauftragte des Bundes, Daniela Ludwig (CSU), sagte vor etwa einem Jahr in der Bundespressekonferenz: "Nur weil Alkohol gefährlich ist, unbestritten, ist Cannabis kein Brokkoli." Das ist eine spannende Assoziation. Wenn man es als Versuch wertet, Cannabis mit einem harmlosen Gemüse, das optisch ansatzweise an das in getrockneter Form grünlich-klumpige Rauschmittel erinnert, zu vergleichen, ist es sogar treffend - mit etwas Fantasie.

Darüber hinaus bleibt viel Interpretationsspielraum, den gerade junge Menschen seither versuchen, mal mit bissiger Botanik (Kreuzblütlerartige wie der Kohl gehören immerhin zu einer anderen Pflanzenordnung als Rosenartige wie die Cannabispflanze), mal mit leichter Lebensweisheit (Äpfel sind keine Birnen) zu füllen. Ganz sicher hat auch CSU-Chris, wie er sich auf Twitter nennt, schon von dem Cannabis-Brokkoli-Vergleich gehört. Der JUler aus der Nähe von Augsburg twitterte kürzlich ein Foto, darauf zu sehen: Ein Bollerwagen, beladen unter anderem mit zwei Kästen Bier und einer Palette Dosenbier. Der junge Mann stützt sich lässig gegen den Wagen, mit Sonnenbrille, um seinen Hals einen Trichterschlauch, der dazu dient, große Mengen Bier auf einmal hinunterzustürzen.

Ein Klassiker auf Festivals, WG-Partys oder eben, wie in diesem Fall, um den Schulabschluss zu feiern: "Ready für die letzte Abiturprüfung", hat CSU-Chris zu dem Bild geschrieben. Normales Sauf-Foto eben, nichts Besonderes. Doch dafür gab es ein "Gefällt mir" von Daniela Ludwig. Ein Like für den Trichterschlauch von der Drogenbeauftragten der Bundesregierung. Von der Person, die auf ihrer eigenen Webseite die Zahl der Todesfälle durch Alkoholmissbrauch als Warnung vor der Volksdroge anführt.

Nun könnte man sagen: Wer was in den sozialen Netzwerken herzt oder nicht, das sollte man doch nicht immer alles so bierernst nehmen. Sicherlich hat sie sich einfach gefreut mit dem jungen Parteikollegen, endlich Abi, man erinnert sich noch ans eigene, und wir sind ja alle Menschen. Doch nur weil Twitter gemein sein kann, unbestritten, ist Bier kein Apfelsaft.

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SZ vom 18.06.2021/kafe
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