Süddeutsche Zeitung

Tourismus im Allgäu:Der Kampf um den Grünten

Lesezeit: 7 min

An den Hängen des 1738 Meter hohen Bergs bei Sonthofen soll für 30 Millionen Euro ein Freizeitzentrum entstehen. Befürworter argumentieren mit Arbeitsplätzen, Gegner warnen vor Naturzerstörung.

Von Florian Fuchs und Christian Sebald

Eigentlich sind sie sich alle einig, wenn es um die Zukunft des Tourismus im Allgäu geht. Die Familie Hagenauer, die am Grünten neue Lifte und einen Sommerbetrieb aufbauen will, spricht von Nachhaltigkeit, wenn sie von ihrem Projekt redet. Klaus Holetschek, CSU-Landtagsabgeordneter und Chef der Allgäu GmbH, des zentralen Tourismusverbands, will das Allgäu "nachhaltig entwickeln". Und Thomas Frey, Alpenbeauftragter des Bundes Naturschutz (BN) und Kommunalpolitiker der Grünen, sagt sowieso: "Wir müssen nachhaltig denken."

Damit könnte die Debatte schon beendet sein. Aber so einfach ist es nicht. Nachhaltigkeit ist ein dehnbarer Begriff, den Unternehmer so gerne benutzen wie Naturschützer, nur versteht jeder etwas anderes darunter. Die einen wollen den Berg zubauen, gerne mit Rücksicht auf die Natur. Die anderen wollen den Vorrang für die Natur, gerne mit Rücksicht auf den Tourismus. Deshalb ist im Allgäu die ganz große Debatte entbrannt, am Grünten, in Oberstdorf, rund ums Schloss Neuschwanstein sowieso: Wie viel Tourismus verträgt das Land - und vor allem auch: wie viel Verkehr?

Anja Hagenauer sitzt mit ihrer Mutter Sabine im alten Kassenhaus der Grüntenlifte, die seit zwei Jahren still stehen und Mitte Dezember wieder in Betrieb gehen sollen. Draußen vor der Tür steht ein alter Sessellift, daneben ein Schlepper. Gegen mehr Touristen hätten Tochter und Mutter nichts einzuwenden, die Familie hat die alten Anlagen gekauft und will 30 Millionen Euro investieren.

Sieben dieselbetriebene Lifte sollen durch drei elektrische ersetzt werden. Oben am Grat würde der neue Lift nicht so weit hinauf führen wie der alte, nicht bis zur Schutzzone. Die Unternehmer wollen die Wanderwege ordnen. Von "minimalen Eingriffen" spricht Sabine Hagenauer. Kritik von Vogelschützern hin oder her: Die Vögel, sagt sie, hätten es nach dem Umbau besser. Wo weniger Lifte sind, hängen weniger Seile.

So geht die Argumentation der Hagenauers, so sehen es auch ihre Unterstützer. Als Reaktion auf die Projektgegner hat sich eine Initiative in Rettenberg am Fuß des Grünten gebildet. Sie trifft sich am Abend im Gasthof Adler. Es sind Geschäftsleute da, es sind Bürger da, für sie alle hat das Geschäft mit den Skiliften früher gut funktioniert. Sie würden gerne wieder profitieren, vor allem mit den Hagenauers, die aus der Gegend kommen. Auch der Oberallgäuer Landrat ist da, Anton Klotz, nicht als Diplomat bekannt: "Wir können nicht das Allgäu zusperren und keinen mehr reinlassen. Der Grünten war immer ein Skiberg."

Podiumsdiskussion in Schwangau

Der Streit über neue Skilifte am Grünten, die jüngste Debatte über das Hotel am Forggensee: Immer wieder werden Projekte kontrovers diskutiert. Doch wann ist eine Grenze erreicht - und gibt es die überhaupt? Die Süddeutsche Zeitung lädt zu einer Podiumsdiskussion über das Phänomen des "Overtourismus". An diesem Donnerstag, 28. November, debattieren Professor Alfred Bauer, Tourismusexperte an der Hochschule Kempten, Thomas Frey, Alpenbeauftragter und Regionalreferent Schwaben des Bundes Naturschutz, sowie Augustin Kröll, langjähriger Skiliftchef und Seilbahnunternehmensberater. Moderiert wird die Veranstaltung im Schlossbrauhaus Schwangau (Gipsmühlweg 5) von Katja Auer, der Teamleiterin der SZ-Bayernredaktion. Der Eintritt ist frei, Begin ist um 19.30 Uhr. Eine Anmeldung unter events@sueddeutsche.de wird erbeten. SZ

Diesen Skiberg nutzt auch Max Stark gerne, Sprecher der Initiative "Rettet den Grünten", die das Vorhaben der Hagenauers zum derzeit meistdiskutierten Thema im Allgäu gepuscht hat. Stark ist passionierter Skitourengeher, dafür braucht er keine neuen Lifte. Er und seine Mitstreiter stören sich an der geplanten großen Kabinenbahn und am Ausbau der Grüntenhütte für mehr Gäste und Gastronomie. Da nützt auch der laut Werbung "alpenländliche Baustil" nichts.

Stark will keine Streicheltiere oben in der Gaststätte, er will nicht mehr Parkplätze unten im Tal, er will keine neuen Schneekanonen auf dem Berg. Und er sieht nicht ein, dass das alles mit Steuergeldern gebaut werden soll. Ein Drittel der Investition, also zehn Millionen Euro, will die Familie Hagenauer aus dem Seilbahnförderprogramm finanzieren.

"Es geht gar nicht mehr um das Projekt an sich"

Vor allem aber will Stark "kein Halligalli" am Berg. Damit meint er den von ihm so bezeichneten "Rollglider", den die Familie Hagenauer "Walderlebnisbahn" nennt. So ein Streit um die Deutungshoheit ist ja auch immer ein Kampf um die Begriffe. Die Anlage ist der Kern des Streits um den Grünten: An zwei mehrere Kilometer langen Seilrutschen sausen die Leute teils zwischen den Bäumen hindurch ins Tal.

Anja Hagenauer sagt, der Winterbetrieb alleine rechne sich nicht. "Wir brauchen eine Sommerattraktion, die Leute anzieht." BN-Mann Frey entgegnet: "Das ist nichts anderes als eine Achterbahn mit erheblicher Infrastruktur, und dann sind wir im Freizeitpark." So ein Freizeitzentrum betreiben die Hagenauers bereits in der "Alpsee Bergwelt" bei Immenstadt. Da kommen viele Tagesgäste, da kommen viele Autos. "Das brauchen wir nicht schon wieder", sagt Frey.

Das Problem sei, sagt Anja Hagenauer, dass die Diskussion am Grünten grundsätzlich geworden ist. "Es geht gar nicht mehr um das Projekt an sich." Der Berg eignet sich ja auch gut als Exempel. "Wächter des Allgäus" wird er genannt, wegen seiner exponierten Lage. Und dann hat dort auch noch alles angefangen mit einem der ersten Hotels im Allgäu, dem Grüntenhaus, hinten Richtung Burgberg. Carl Hirnbein, den sie noch heute "Alpkönig" nennen, gründete das Touristenhotel im Jahr 1854. Seinen Gästen bot er Molkekuren und Pferderitte auf den Berg an. Damals gab es keine Proteste. Heute, da gibt Naturschützer Frey den Hagenauers recht, gehe es am Grünten um Grundsätzliches. Aus seiner Sicht um eine "grundsätzliche Fehlentwicklung in den Alpen".

Die große Schlacht am Riedberger Horn ist ja gerade erst geschlagen. Das Riedberger Horn ist die Chiffre für den erbittertsten Streit seit Jahrzehnten zwischen einer Bergbahn und Umweltorganisationen um den Schutz der Berge. Obermaiselstein und Balderschwang wollten mit einer Skischaukel zwei kleine Skigebiete am Riedberger Horn verbinden. Anders als der Konflikt um den Grünten war die Skischaukel ein Tabubruch. Und zwar nicht nur wegen der streng geschützten Birkhühner, die dort leben. Sondern weil sie das erste Projekt war, für das der bayerische Alpenplan geändert wurde.

Er gilt in der Expertenwelt als einzigartiges Instrument für den Erhalt der Bergwelt. Er unterteilt die bayerischen Alpen in die Zonen A, B und C. In Zone C sind Bergbahnen, Schneekanonen und neue Pisten verboten. Für Fachleute ist der Alpenplan der Grund, warum die Bergwelt in Bayern vergleichsweise intakt ist und es hier keine gigantischen Skigebiete und Bergbahnen gibt wie etwa in Tirol.

2017 passten Staatsregierung und CSU den Alpenplan für die Skischaukel an, der Alpenverein, der BN und der Landesbund für Vogelschutz verteidigten ihn mit Zähnen und Klauen. Als der vormalige Heimatminister Markus Söder Ministerpräsident wurde, räumte er die Skischaukel sofort ab. Sogar die Änderung des Alpenplans wurde rückgängig gemacht. Als Entschädigung bekommt die Region ein Naturerlebniszentrum Alpin und ein Förderprogramm für naturnahen Tourismus.

Nun steuern sie um am Riedberger Horn. Unter dem Motto "Berg-Naturerlebnis Grasgehren - Das etwas andere Skigebiet" probieren sie unter Liftchef Tobias Lienemann sanften Wintertourismus aus. Sogar auf viele Schneekanonen haben sie verzichtet, freiwillig. Stattdessen werben sie offensiv für die Beachtung der Schutzzonen für Birkhühner und andere Wildtiere. Und sie locken Winterwanderer, Schneeschuhwanderer und Skitourengeher. "Wir erfinden uns gerade neu", sagt Liftchef Lienemann, "wir wollen ein kleines, feines Skigebiet sein für Gäste, die Entschleunigung und intakte Natur fernab vom Massentourismus haben wollen."

"Wenn wir nichts tun, kriegen wir ein Akzeptanzproblem"

Die Naturschutzverbände haben das Riedberger Horn zum Symbolberg dafür gemacht, wie sehr Anspruch und Wirklichkeit der Umweltpolitik von Staatsregierung und CSU auseinanderklaffen. Der Grünten ist auf dem besten Weg, zum Symbolberg zu werden für die Debatte über Overtourismus im Allgäu. Der Begriff ist eigentlich für Städte wie Barcelona oder Venedig erfunden worden. Im Vergleich dazu ist das Allgäu unerschlossenes Gebiet.

Dem CSU-Politiker Holetschek ist die Einordnung so wichtig, dass er ein paar Zahlen per SMS sendet. "Allgäu: 36 Millionen Tagesgäste auf 5000 Quadratkilometer. Venedig: 30 Millionen Tagesgäste auf sieben Quadratkilometern", schreibt er, pro Jahr gerechnet. Aber egal, wie man das Phänomen nennt und ob es woanders noch mehr zugeht: Im Allgäu droht die Stimmung bei den Einheimischen zu kippen. Kaum einer weiß das besser als Stefan Fredlmeier, Tourismuschef in Füssen. 15 000 Einwohner, 1,4 Millionen Übernachtungen im Jahr, 560 000 Gästeankünfte und 2,5 Millionen Tagesbesucher. "Wenn wir nichts tun, kriegen wir ein Akzeptanzproblem", sagt er.

Sie haben das schon gespürt in Füssen. Ein Investor wollte neben das Festspielhaus ein Fünf-Sterne-Hotel bauen. Nach Protesten zog er sich zurück. Man müsse sich mit dem schlechten Bauchgefühl beschäftigen, sagt Fredlmeier, sonst werden die Einheimischen zu schlechten Gastgebern. Es bringe nichts, an den Kopf zu appellieren, etwa mit der Zahl des jährlichen touristischen Bruttoumsatzes in Füssen: 200 Millionen Euro. Der Verkehr, da sind sich die Experten einig, ist das Thema, an dem sich der meiste Ärger entzündet.

In Füssen treffen sich B 16 und B 17, nach Oberstdorf wälzen sich die Blechlawinen die B 19 hinunter. "Wenn wir die Mobilität in den Griff kriegen, ist der größte Druck raus aus der Diskussion", sagt Fredlmeier, der unlängst mit Landräten und Verkehrsminister Hans Reichhart in der Allgäu GmbH zusammensaß. Sie wollen nun ein Mobilitätskonzept für die ganze Region, Ausbau des Schienenverkehrs, Elektrifizierung der Strecken, Ausbau des Nahverkehrs. Jahrelang haben sie das verschlafen, so schnell wird es jetzt nicht gehen.

Den Verkehr in den Griff zu bekommen, heißt auch, die vielen Tagesgäste zu lenken, sie sind es, die vor allem die Straßen verstopfen. Und neben einem Verkehrsplan für die Region braucht es laut Fredlmeier ein Beherbergungskonzept. Für Füssen hat er kein Interesse an weiteren Billig-betten. "Wir brauchen Qualität, nicht Quantität", darin ist er sich mit dem Naturschützer Frey einig. Der BN-Alpenbeauftragte will Hotels und überhaupt Infrastruktur vor allem "im nächsten Stockwerk" verhindern, wie er sagt. Nach seiner Beobachtung wird inzwischen mit Vorliebe in Hochlagen investiert, oben auf dem Berg. Das gelte es zu verhindern, sonst schaue es dort in 30 Jahren aus wie im Tal. "Alles zugebaut."

Was also tun? Der Tourismus ist die Leitökonomie im Allgäu, 60 000 Arbeitsplätze im ländlichen Raum. Politiker Holetschek will alle an einen Tisch setzen, Naturschützer, Touristiker, Unternehmer, Bürger. "Wir müssen schauen, dass wir so oft wie möglich Kompromisse finden, auch wenn das nicht immer klappt." Am Grünten saßen Unternehmer und Projektgegner bereits zusammen, angenähert haben sie sich nicht. Es sieht auch nicht so aus, als würde sich das bald ändern. Die Hagenauers bieten an, statt über die Seilrutsche über eine andere, naturverträglichere Sommerattraktion zu verhandeln. "Bis jetzt hat sich nur keiner mit einer Idee gerührt", sagt Anja Hagenauer. Das sei auch ein Denkfehler, sagt der Sprecher der Gegner, Max Stark: "Mit einem nachhaltigen, naturverträglichen Konzept kann ich keine 30 Millionen Euro reinwirtschaften."

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SZ vom 28.11.2019/syn
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