Süddeutsche Zeitung

VW Up!:Auto mit Ausrufezeichen

Der VW Up! läutet eine neue Ära im Kleinwagenbau ein und bildet den Auftakt zu einer eigenen Modellfamilie. Ein Auto, das wieder ein echter "Volkswagen" werden könnte.

Aller Anfang ist schwer, langwierig und teuer - selbst wenn man Volkswagen heißt und seit 1949 viele Generationen von Kunden mobil gemacht hat. Der Anfang in Sachen Kleinwagen hieß NSF (New Small Family), hatte den Motor im Heck wie der legendäre luftgekühlte Käfer, und galt schon kurz nach seiner Vorstellung im Herbst 2007 als beschlossen.

Doch es dauerte vier volle Jahre, ehe der deutlich unter 10.000 Euro teure Viersitzer nun Mitte September auf der IAA Premiere feiert. Das liegt vor allem daran, dass VW wieder neu lernen musste, wie man ein wirklich preiswertes Auto billig genug herstellt.

Als erstes wurde das Heckantriebs-Layout gekippt - zu teuer, zu schwer zu beherrschen, zu wenig Gleichteile. Doch auch die ursprünglich eigenständige NSF-Frontantriebs-Matrix konnte die Controller nicht überzeugen. Deshalb gaben sich die Herren um Technikvorstand Ulrich Hackenberg einen Ruck und zwangen den Up! ins Korsett des neuen modularen Querbaukastens (MQB), der 2012 im Golf VII debütiert.

Man könnte auch sagen, dass die MQB-Architektur den Anforderungen der neuen Kleinwagengeneration angepasst wurde. Das böse Wort Entfeinerung trifft den Nagel zwar nicht ganz auf den Kopf, aber ohne gewisse Einschränkungen wäre das Lastenheft schlichtweg unbezahlbar gewesen. Die Allianz mit Suzuki wurde zu spät geschlossen, um zumindest auf die Europa-Variante des Up! noch Einfluss nehmen zu können.

Nach dem Audi A5 ist der Up! das zweite Meisterwerk, das unter Walter de'Silva zur Serienreife gelangte. Natürlich entstand auch diese Form im Teamwork, doch der italienische Chefdesigner hat ein Gespür für Proportionen, Markenwerte und Details wie kaum ein Zweiter.

Der Up! wird in Frankfurt als Zwei- und Viertürer gezeigt. Beide Varianten sind 3,54 Meter kurz, 1,64 Meter schmal und 1,48 Meter hoch. Der Radstand misst einheitlich 2,42 Meter - das sind nur fünf Zentimeter weniger als beim 43 Zentimeter längeren Polo. Mit diesem Wert schafft VW beste Voraussetzungen für viel Platz, Komfort und überdurchschnittliche Stabilität. Der Kofferraum schluckt 251 Liter; mit umgelegten Rücksitzen sogar 951 Liter. Das ist Polo-Format.

Durch den Einsatz hochfester Stähle konnte das Gewicht des kleinsten MQB-Derivats auf 930 Kilo gesenkt werden - der zweitürige Polo wiegt fast 140 Kilo mehr. Trotz der enorm kurzen Überhänge soll der Mini alle Crashtests mit Bravour bestanden haben. Front- und Seitenairbags für Fahrer und Beifahrer sind ebenso serienmäßig wie Gurtstraffer und Isofix-Verankerungen.

Modern, aber nicht modisch

Der Up! ist modern aber nicht modisch, zeitgemäß aber nicht zu zeitgeistig, vernünftig, aber nicht langweilig, praktisch, aber nicht freudlos und rein nutzorientiert. Mit identischer Karosseriestruktur wird der Wagen auch als Škoda und Seat angeboten. Die Differenzierung zwischen den Marken besorgen Motorhaube, Heckdeckel, Stoßfänger, Leuchten, Räder und die hinteren Seitenfenster. Auch im Innenraum kommen eigenständige Stilelemente und Ausstattungsdetails zum Einsatz.

Auf gleicher technischer Basis entsteht der für 2015 avisierte VW Bulli, der in die Fußstapfen der "Space Up!"-Studie getreten ist. Trotzdem würden wir einen konventionellen Up!-Minivan ebenso wenig ausschließen wie einen zweisitzigen Stadtwagen, einen kompakten Pick-up oder ein Spaßauto mit offenem Dach.

Innen erinnert der kleine VW in seiner reduzierten Optik, der schlichten schwarzweißen Farbwelt und der intuitiven Bedienung nicht von ungefähr an die Smartphones und Kleincomputer von Apple. Das Kombiinstrument bietet genug Platz für Tacho (groß), Drehzahlmesser (kleiner), Tankuhr (klein) und digitale Multifunktionsanzeige. In der Mitte der Schalttafel sind Radio, Lüftung/Klimaanlage, Sitzheizung, Heckscheibenheizung, Warnblinker und der Taster zum Deaktivieren des Start-Stopp-Systems untergebracht.

Maps & more heißt der gemeinsam mit Navigon entwickelte tragbare Kleincomputer, der sich mit einem Griff herausnehmen und als Mobiltelefon, MP3-Player oder Basisrechner verwenden lässt. Dieses persönliche Infotainmentgerät (PID) kann zu Hause programmiert, mit Daten oder Musik geladen und individuell konfiguriert werden.

Im Auto klinkt sich der diebstahlsichere PID automatisch ins Netzwerk des Up! ein und funktioniert im Prinzip wie ein deutlich teurerer Touchscreen-Festeinbau. Mit Hilfe spezieller Apps kann Maps & more zum Beispiel beim Einparken helfen, zu einer besonders spritsparenden Fahrweise erziehen oder bei Aufleuchten der Reservelampe automatisch die nächste Tankstelle ansteuern.

Eine weitere Spezialität des Up! sind verschiedene Boxen, die für bestimmte Einsatzzwecke maßgeschneidert sind und auch im Zubehörhandel angeboten werden. Die Kid Box bietet beispielsweise Platz für das Pausenbrot und den Lieblings-Teddy, die City Box hält Parkmünzen und eine Parkscheibe für den nächsten Stadtausflug bereit, die Brakel Box ist bestens vorbereitet für die große Reise.

Der einzige Kleinwagen mit Crash-Sensor

Der Up! ist genetisch weder mit dem Lupo noch mit dem Fox oder dem aktuellen Polo verwandt. Sein MQB-Unterbau eröffnet stattdessen technisches Neuland. Außerdem sitzt man höher, entspannter, bequemer und mit besserer Übersicht als in konventionellen Kleinwagen.

Die schlank bauende McPherson-Vorderachse ist ebenso eine Neukonstruktion wie die platzsparende Verbundener-Hinterachse. Je nach Modell, Motorisierung und Geldbeutel werden 14-, 15- oder 16-Zoll-Räder montiert. Serienmäßig an Bord sind ABS, AR, ESP und die anfangs in Frage gestellte elektrische Servolenkung.

Das Einstiegsmodell heißt Take up!, besitzt eine klappbare Rückbank, Vordersitze mit Einstiegshilfe, Colorscheiben, Tagfahrlicht und Heckwischer. Eine Stufe darüber rangiert der Move up! mit höhenverstellbarem Fahrersitz, Zentralverriegelung, elektrischen Fensterhebern, Drehzahlmesser und geteilter Rückbank. Eine Klimaanlage ohne Aufpreis bietet freilich erst der High up!, der dann mit Leichtmetallfelgen, CD-Radio, Sitzheizung und elektrisch verstellbaren Spiegeln bereits ziemlich komplett ausgestattet ist.

Zum Start kann der Up! mit zwei verschiedenen 1,0-Liter-Dreizylinder-Benzinmotoren bestellt werden. Die 60-PS-Version beschleunigt den Wagen in weniger als 15 Sekunden von null auf 100 km/h, sie ist 160 km/h schnell und verbraucht im Schnitt 4,2 l/100 km. Die 75-PS-Ausführung schafft den Spurt in gut 13 Sekunden, läuft mehr als 170 km/h Spitze und konsumiert trotzdem nur 4,3 l/100 km.

Im Frühsommer 2012 folgt ein 68 PS starker Erdgas-Up!, der mit 89 g/km CO2 sogar noch sauberer und sparsamer ist. Für 2013 gilt der Elektro-Up! mit stufenloser Eingangautomatik als gesetzt. Eine Dieselmotorisierung ist dagegen nicht geplant. Alle Modelle außer dem e-Up! übertragen die Kraft über ein Fünfganggetriebe an die Vorderachse. Wer nicht selbst schalten will, kann gegen Aufpreis das automatisierte SQ100-Räderwerk ordern und den Kupplungsfuß in Rente schicken.

Obwohl VW in diesem Segment jeden Cent zweimal umdrehen muss, besitzt der Up! als bislang einziger Kleinwagen auf Wunsch einen lasergesteuerten Early-Crash-Sensor, der bei Gefahr im Tempobereich bis 30 km/h selbsttätig eine Notbremsaktion auslöst. Dieses Assistenzsystem kann nicht nur die Folgen eines Unfalls mildern, sondern unter Umständen den Aufprall komplett vermeiden. Einen derartigen Lebensretter sucht man in Polo und Golf bislang vergeblich.

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Quelle:
SZ vom 22.08.2011/gf
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