Süddeutsche Zeitung

US-Autoindustrie:Heute Pick-ups, morgen Elektroautos

Auf der Detroit Motor Show präsentieren sich General Motors, Fiat-Chrysler und Ford altmodisch. Doch im Hintergrund planen die Konzerne einige E-Mobile, die auch für Europa interessant sind.

Von Georg Kacher

Da war sie wieder, die Lichtgestalt im schwarzen Pullover über der ausgebeulten Cordhose. "Nein, FCA (Fiat-Chrysler) wird nicht zerschlagen," antwortete Sergio Marchionne auf die Frage, welche Marken er wann an wen verkaufen möchte. "Wir sind im Plan - und wir sind komplett." Der Italo-Kanadier hat in nur 13 Jahren die Bruchbude Fiat in eine Goldmine verwandelt, die Great Wall als möglichem Investor fast 40 Milliarden Euro wert gewesen wäre.

Doch der schöne Schein könnte täuschen, denn wer in den aktuellen Projektlisten von FCA blättert, stolpert immer öfter über die Vermerke cancelled (gestrichen) und extended (verschoben). Der Grund: Dem aufgehübschten Weltkonzern fehlen die liquiden Mittel, um sein Portfolio anständig zu pflegen. Deshalb hat Marchionne fast das gesamte verfügbare Kapital in nur zwei neue Modelle investiert, den jetzt leichteren und moderneren Jeep Wrangler der vierten Generation und die erstaunlich anspruchsvolle fünfte Generation des RAM 1500. Mit diesen beiden Marken fährt FCA rund 70 Prozent seiner Gewinne ein - da kommt eine Frischzellenkur für die Bestseller gerade recht.

General Motors wollte es anders machen: Die Ankündigung, Opel für den Elektro-Boom neu erfinden zu wollen, war keine Finte der PR-Abteilung. Im Gegenteil: GM hatte geplant, die Marke mit dem Blitz von Anfang an in sein Stromer-Programm einzubinden, dessen erste wirklich neue Baureihe Ende 2018 in Serie geht. Zunächst ist diese GEM-Palette (global emerging markets) zwar ausschließlich für China bestimmt, doch von 2020 an wäre auch Europa bedient worden. "Das Format der Fahrzeuge entspricht dem Corsa, der Preis liegt noch unter dem Adam", verrät der stellvertretende Chef-Elektriker.

Besser noch: Die Billigware mit dem Ladekabel im Kofferraum ist skalierbar ausgelegt und hätte als VW-I.D.-Rivale zum Dumping-Tarif im zweiten Schritt auch das Astra-Segment aufmischen können. Mit fünf verschiedenen Karosserieformen - Limousine, Schrägheck, einem Kombi nur für Indien, Crossover und Minivan - ist die GEM-Familie erstaunlich breit aufgestellt. Produziert wird vorläufig nur im Reich der Mitte.

Ford rüstet zunächst in Europa auf

Ford bedient zwar fast den gesamten Weltmarkt, den Löwenanteil der Gewinne macht das Unternehmen jedoch in Nordamerika, denn nur hier ist die Nachfrage nach fetten SUV und noch fetteren Trucks fast ungebrochen. Anderswo schmelzen dagegen die Gewinne oder wachsen die Verluste. Obwohl dieser Trend die Nachfahren von Henry Ford mittelfristig Kopf und Kragen kosten könnte, wird zunächst weiter in der alten Auto-Welt aufgerüstet. Zwischen EcoSport und Kuga ersetzt Ende 2019 ein Fiesta Crossover den glücklosen B-Max. Ein Jahr später beglückt der komplett neue Bronco die Träger von Karohemden und Cowboystiefeln. Ebenfalls 2020 rollt die nächste Generation des Marktführers F-150 vom Band - wieder mit Alu-Karosserie und erstmals sogar als Plug-in-Hybrid. Auch die zweite Auflage des Edge (2021) wird teilelektrisiert. Gleiches gilt für den Mustang und den aktuellen Mondeo, dessen Laufzeit dafür um zwei Jahre bis 2022 verlängert werden soll.

Analysten rechnen nicht damit, dass Chrysler und Dodge langfristig überleben. Es fehlen ganz einfach die Mittel, um die seit 2010 gebauten großen Limousinen und Coupés zu ersetzen. Weil gleichzeitig der Grand Caravan Minivan und der Dodge Dart auf Fiat-Basis ersatzlos auslaufen, der geplante Crossover für Chrysler und Dodge gestrichen wurde und fast alle weiteren Neuentwicklungen eingefroren wurden, ist das Überleben der beiden Kernmarken bei reduziertem Angebot nur bis 2022 gesichert.

GM bringt eine komplett neue Elektro-Architektur

Das Europa-Geschäft, das Jeep inzwischen ganz allein tragen muss, dürfte davon kaum betroffen sein. An den Kernmodellen Wrangler (neu), Renegade, Compass, Cherokee (das Facelift stand auf der Messe in Detroit) und Grand Cherokee soll ohnehin nicht gerüttelt werden. Weder der kleine Scrambler Pick-up auf Wrangler-Basis noch der für 2020 avisierte Wagoneer oder der gegen Range Rover positionierte Grand Wagoneer sind für die alte Welt von besonderer Bedeutung. Obwohl die XXL-Jeeps richtig Münze machen sollen, wurde die für 2020 vorgesehene Markteinführung um ein bis zwei Jahre verschoben.

GM bringt 2021 mit der Batterieplattform BEV 2.0 eine komplett neue Architektur. Bis 2023 soll die Stromer-Flotte um 20 Fahrzeuge wachsen. Von 2026 an will der US- Marktführer jährlich eine Million Nullemission-Fahrzeuge fertigen. Dazu gehören auch zwei Brennstoffzellen-Modelle, die in Zusammenarbeit mit Honda auf die Räder gestellt werden. Die Systemführerschaft für Luxuswagen und SUV liegt bei Cadillac, den großen Rest darf Chevrolet abdecken.

Das Ford Model E soll 2020 auf den Markt kommen

In China wollen die Amerikaner vor allem bei der Produktion mit SAIC kooperieren. Das Batterie-Knowhow kommt ebenfalls verstärkt aus Asien. Im Rahmen der export-orientierten EME 1.0 Strategie (electric mobility for everyone) kooperiert GM von 2021 an mit LG Chem aus Korea und mit CATL aus China. Im ersten Schritt soll der Kobalt-Anteil halbiert werden, im zweiten Schritt will man 2023 mit der Kleinserienproduktion von Feststoffzellen beginnen. Das dafür geschaffene Produktportfolio besteht aus zwei Elektro-Kernmodellen (SUV klein, SUV groß) und neun Unterkategorien. Besonders interessant sind ein Carsharing-Fahrzeug, ein autonomer Stadtlieferwagen und die ungewöhnlich flach bauende Oberklasse-Matrix.

Ford will von Mitte 2020 an mit drei neuen Stromern auf den Markt kommen. Die geplante Bezeichnung "Model E" ist eine Hommage an das legendäre Model T und ein Ärgernis für Elon Musk. Der Tesla-Chef wollte sein Elektro-Pick-up ebenfalls Model E nennen. Der Bedarf für den Weltmarkt kommt aus dem mexikanischen Cuautitlán. Den Anfang macht ein Crossover, etwas später folgen SUV und Schrägheck. Die Abmessungen des Model E entsprechen Focus und Kuga, doch das E-Design ist weitgehend eigenständig. Eine wichtige konstruktive Innovation betrifft den leicht zugänglichen und voll skalierbaren Batterietrog als integralem Bestandteil der Karosseriestruktur.

Der aus deutscher Sicht interessanteste elektrifizierte Ford ist der neue Ranger Pick-up. Wie das kommt? Weil sich VW mit den Amerikanern zusammentun könnte und man neben der Billigversion für Gewerbetreibende auch Potenzial für ein höherpreisiges Lifestyle-Derivat ausgemacht haben will.

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Quelle:
SZ vom 20.01.2018/harl
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