Süddeutsche Zeitung

"Radbahn"-Projekt:Radfahren unter der U-Bahnbrücke - quer durch Berlin

  • Eine Berliner Initiative will unter der Hochbahn U1 einen überdachten Radweg anlegen. Viele Bewohner sind von der Idee begeistert.
  • Der Berliner Fahrradverband kritisiert seit Jahren, dass die Stadtpolitik nicht genug für die Radinfrastruktur tut.

Von Korbinian Eisenberger, Berlin

Wer sich in Berlin aufs Fahrrad schwingt, der sollte gut gewappnet sein. Die Hauptstadt hält für Radler allerlei Hindernisse und Gemeinheiten parat, an vielen Stellen ist es wirklich gefährlich. Stadtentwickler Simon Wöhr hatte von den Schlaglöchern, den gefährlichen Abbiegungen und Engstellen irgendwann genug. Weil die Politik bis heute keine Lösung gefunden hat, entwarf der 30-Jährige zusammen mit einem siebenköpfigen Team ein Konzept für einen überdachten Radweg - quer durch Berlin. Seine Vision hat er jetzt der Öffentlichkeit vorgestellt.

Wöhr und seine Crew wollen eine neun Kilometer lange Strecke unter einer Bahnstrecke verlegen, die quer durch die Stadt verläuft. Unterhalb der Hochbahntrasse der U-Bahn-Linie 1 würde sich der Radweg dann von Zentrum West nach Friedrichshain durch mehrere Stadtteile schlängeln. "Viele Berliner haben sich schon gefragt, warum niemand die Flächen unterhalb der U-Bahn nutzt", sagt Wöhr. Zudem seien bereits 80 Prozent der Strecke erschlossen. Eine gute Nachricht für die Berliner, von denen viele radeln. Laut dem Fahrradverband besitzen 721 von tausend Bürgern ein Fahrrad.

Bisher ist es nur ein Konzept

Bisher ist die "Radbahn" jedoch lediglich ein Konzept. Eine seriöse Prognose, was die Erschließung kosten würde, könne er derzeit nicht abgeben, sagt Wöhr, aber Fahrradinfrastruktur dürfe ruhig auch mal was kosten sagt Wöhr. Die Idee scheint zumindest schon jetzt viele Berliner zu überzeugen. Innerhalb von drei Tagen bekam die Radbahn-Facebook-Seite 6000 Likes. Keine schlechte Quote für eine Initiative, die bis vor Kurzem kaum jemand kannte. "Die Idee ist schlicht und einfach großartig", schreibt eine Userin. "Hoffentlich fahren dann mehr Leute Fahrrad", sagt eine andere.

Ähnlich klingen diejenigen, die entlang der Strecke leben. "Die Stadt macht bisher zu wenig für Radfahrer", sagt Helma Steiner, 55, die an der Linie U1 wohnt. Nuri Asif, 36, zählt ebenfalls zu den Befürwortern. "Das würde mir den Weg in die Arbeit extrem erleichtern", sagt er. Antje Müller, 45, ist dagegen skeptisch. "An einigen Stellen kreuzen die Autos", sagt sie. "Ich kann mir das nicht wirklich vorstellen."

Tatsächlich wären stellenweise größere Baumaßnahmen nötig, etwa vor dem Bahnhof Möckernbrücke im Stadtteil Kreuzberg. Zur Überquerung des Landwehrkanals müsste die Fahrradstrecke dort unter die Brücke gehängt werden. An Kreuzungen könnte sie seitlich an den Bahnviadukten vorbeilaufen.

"Klar", sagt Wöhr, der in einer Kommunikationsabteilung für Stadtentwicklungsprojekte arbeitet, "einfach wird es nicht, die Vorstellungen umzusetzen". Der starke Zuspruch mache ihm jedoch Mut. "Man merkt schon jetzt, dass viele Berliner sich von unserer Idee etwas versprechen", sagt Wöhr. Er hofft deswegen, "dass sich der Berliner Senat endlich ernsthaft mit dem Thema Radwege befasst". Spätestens dann, wenn es in den Wahlkampf für die Abgeordnetenhauswahlen im kommenden September geht.

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