Süddeutsche Zeitung

Neuvorstellung Bugatti Chiron:100 Liter in acht Minuten

Der Tacho des 1500-PS-Sportwagens Bugatti Chiron reicht bis 500 km/h. Fast fünf Jahre hat allein die Entwicklung einer passenden Gummimischung für die Reifen gedauert.

Es gibt Autos, die werfen Fragen auf, nach dem Sinn oder nach der sozialen Akzeptanz. Der Bugatti Chiron zum Beispiel: 1500 PS, 420 km/h Höchstgeschwindigkeit, 2,4 Millionen Euro das Stück, netto, versteht sich. 19 Prozent Mehrwertsteuer plus ein paar Extras lassen für deutsche Kunden die Drei-Millionen-Euro-Marke in greifbare Nähe rücken.

Den potenziellen Käufern dürfte selbst diese Summe nur ein mildes Lächeln entlocken. Ganz zu schweigen von den 250 000 Euro allein für die "Kaufabsichtserklärung", wie Bugatti-Chef Wolfgang Dürheimer die Anzahlung auf den Chiron nennt. Das hübsche Sümmchen hilft, auf eine Liste zu kommen, mehr aber auch nicht. Etwa 160 Männer und keine Frau sollen die Viertelmillion bereits überwiesen haben.

Bugatti fertigt nur 50 Exemplare pro Jahr

Die ersten Fahrzeuge werden im Herbst ausgeliefert. Wer jetzt einen Chiron bestellt, muss sich länger als zwei Jahre gedulden. "Wir fertigen nur etwa 50 Exemplare pro Jahr", sagt Produktionsleiter Christophe Piochon. Mehr lässt die kleine und piekfeine Manufaktur in Molsheim nicht zu. Das Atelier, wie es hier heißt, liegt in unmittelbarer Nähe des historischen Chateaus. Es wurde einst von Ettore Bugatti benutzt, um Autos zu präsentieren und sie an prominente Kunden zu veräußern.

500 Chiron wollen Dürheimer und seine Mannschaft auflegen - innerhalb der nächsten zehn Jahre. Nur fünf bis sechs Mechaniker schrauben an einem Auto. Zwei Monate dauert der Zusammenbau. Solche Ankündigungen rufen natürlich Spekulanten auf den Plan. Daher verkauft Bugatti den Chiron vorwiegend an Menschen, bei denen schon der Vorgänger Veyron in der Garage parkt. Von ihm wurden 450 Stück gebaut. Zu hören ist, dass sich einige Leute noch schnell einen Gebrauchten zugelegt haben, um so auf die ominöse Liste zu kommen. Not macht erfinderisch.

Ein rollender Superlativ, in jeder Hinsicht

Das könnte man auch von den Entwicklern behaupten. Technisch gesehen ist der Chiron ein rollender Superlativ, in jeder Hinsicht. Für die Ingenieure bedeutete dies Physik in anderen Dimensionen. Schließlich soll das Auto auch bei einem Tempo von mehr als 400 km/h nicht die Bodenhaftung verlieren, soll der gigantische Sechzehnzylinder ausreichend Frischluft einatmen und die Bremsen diese Wahnsinnsenergie wieder abbauen können, ohne zu verglühen. Fatal wäre es zudem, würden die Räder auch nur die kleinste Unwucht aufweisen. Der Reifenhersteller Michelin, der den Chiron exklusiv mit seinen Pneus (285/30-20 vorn, 325/25-21 hinten) bestückt, hat fast fünf Jahre damit zugebracht, die passende Gummimischung zu entwickeln.

Ein wahres Stressprogramm durchlebt auch der Motor. Dessen Kühlwasserdurchsatz beträgt bei Vollgasfahrt 800 Liter je Minute. "Würde diese Menge aus einem Feuerwehrschlauch kommen, eine Badewanne wäre nach elf Sekunden gefüllt", sagt Entwicklungsleiter Willi Netuschil. Leer dagegen wäre der Tank. "Bei Maximaltempo sind die 100 Liter Inhalt nach acht Minuten weg", formuliert Netuschil die ungewöhnliche Verbrauchsangabe. Wer jetzt den Taschenrechner bemüht, sollte auf rund 190 l/100 km kommen. Die CO₂-Abgabe ersparen wir uns lieber. Bugatti dürfte den Chiron auf einen NEFZ-Normverbrauch um die 20 Liter zertifizieren. Der Vorgänger Veyron lag bei 23,1 Liter. So gesehen ist es ein Glück, dass die allermeisten Chiron in klimatisierten Garagen verschwinden und kaum einmal auf der Straße zu sehen sein werden.

Der Tacho reicht bis 500 km/h

Den Chiron-Eigner, so die Vermutung, dürfte mehr als der Verbrauch die Tatsache interessieren, dass der Acht-Liter-Motor schon bei 2000 Umdrehungen 1600 Newtonmeter ins Doppelkupplungsgetriebe schickt, und dass die 16 Zylinder mit ihren vier Turboladern bei 4000/min schon 900 PS abgeben, um schließlich bei 6700/min den Maximalwert von 1500 PS zu erreichen. Zwei Sekunden und ein Wimpernschlag vergehen, bis der Bugatti aus dem Stand die 100-km/h-Marke passiert. Kein Serienauto der Welt schaffte das bislang. Nach rund sechs Sekunden sind 200 km/h erreicht, nach weniger als 14 Sekunden schließlich die 300-km/h-Marke.

Optisch hat der 4,54 Meter lange und über zwei Meter breite Chiron deutlich gegenüber dem Veyron gewonnen. Das Design der Karbon-Karosserie stammt aus der Hand von Achim Anscheidt, von dem sein Chef Dürheimer behauptet, würde man ihn anschneiden, es käme blaues Blut aus seinen Adern, so intensiv hätte er die Marke verinnerlicht. Innen hat Anscheidt dem Chiron eine kühl-sportliche Atmosphäre gegeben, mit edelsten Materialien und feinster Handarbeitsqualität. "Alles, was Sie berühren, ist echt", sagt der Designchef, "nie würden wir galvanisierten Kunststoff als Metall verkaufen." Und auch kein digitales Cockpit. Sonst würde man im Stand ja gar nicht sehen, was einzigartig ist im Automobilbau - ein Tacho bis 500 km/h.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2899898
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 12.03.2016/harl
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.