Süddeutsche Zeitung

Datenanalyse:Deutschland, einig Stauland

  • In keiner deutschen Stadt stehen Autofahrer so lange im Stau wie in München.
  • In Stoßzeiten verlor 2017 jeder Münchner Autofahrer 51 Stunden Zeit in Staus. Das sind sieben mehr als in der zweitplatzierten Stadt Hamburg.
  • Steigt man detailliert in die Daten ein, dann zeigt sich: München hat ein tiefgehendes Stauproblem.

Von Thomas Harloff (Text), Sarah Unterhitzenberger und Moritz Zajonz (Grafiken)

In München ist man es gewohnt, Titel zu verteidigen. Vor allem im Fußball, dem FC Bayern sei Dank. Im Eishockey marschiert der EHC seit einigen Jahren vorneweg. Doch abseits des Sports gibt es Ranglisten in unrühmlichen Kategorien, die Bayerns Landeshauptstadt anführt. Die der höchsten Mieten zum Beispiel. Oder der höchsten Grundstückspreise. Nun gibt es eine neue Aufstellung, in der München zum wiederholten Male vorne liegt, und das mit großem Abstand: Hier stehen die Autofahrer so lange im Stau wie in keiner anderen deutschen Stadt.

Zu diesem Ergebnis kommt die Firma Inrix. Der Verkehrsanalyst aus den USA hat nach eigenen Angaben die Daten von weltweit 300 Millionen vernetzten Autos, Smartphones und Navigationsgeräten sowie von Verkehrsbehörden und anderen offiziellen Quellen ausgewertet. Insgesamt hat Inrix 1360 Städte in 38 Ländern analysiert, davon 73 in Deutschland. Dabei ergibt sich hierzulande ein Bild, das sich mit der Tabelle der Fußball-Bundesliga vergleichen lässt: München grüßt - weit enteilt - von der Spitze, während um die Plätze dahinter munter gerangelt wird und sich die Positionen immer wieder verschieben.

Hinweis: Laut Inrix-Definition steht ein Autofahrer dann im Stau, wenn die Geschwindigkeit auf einen Wert unter 65 Prozent des Tempos bei freier Fahrt fällt.

Bemerkenswert ist der riesige Vorsprung auf die Nächstplatzierten. In München stecken Autofahrer in Stoßzeiten durchschnittlich 51 Stunden pro Jahr im Stau - das sind sieben Stunden mehr als in Hamburg, Berlin und Stuttgart auf den Plätzen zwei bis vier. Die Ränge fünf und sechs belegen das Ruhrgebiet und Köln mit je 40 Stunden. Dahinter folgt das im vergangenen Jahr zweitplatzierte Heilbronn, das seine Staustunden von 45 auf 38 reduzieren konnte - ein Minus von 19 Prozent, das größte unter den Top-Ten-Städten.

Im internationalen Vergleich erreicht München Platz 76 von 1360. Im weltweiten Spitzenreiter Los Angeles stehen Autofahrer doppelt so lange im Stau, nämlich 102 Stunden. Dass dies trotzdem kein Grund zur Zufriedenheit ist, zeigt die durchschnittliche Staurate. Sie beschreibt den prozentualen Anteil der im Stau verbrachten von der insgesamt gefahrenen Zeit. Los Angeles hat eine Staurate von zwölf Prozent, die von München beträgt 16 Prozent - Höchstwert in Deutschland. Die Wahrscheinlichkeit, in München im Stau zu stehen, ist also höher als in L.A., was vor allem daran liegt, dass dort insgesamt viel mehr Auto gefahren wird.

Blickt man auf die vergangenen Jahre, dann zeigt sich: Die Situation in München stagniert. 2016 standen die Autofahrer 48,5 Stunden im Stau, im Jahr davor 53 Stunden. Interessant ist dagegen die Situation in Stuttgart und Köln: 2015 lagen die schwäbische und die rheinische Metropole mit 73 beziehungsweise 71 Staustunden auf den ersten Plätzen. Danach entwickelten sich beide Städte positiv. Stuttgart reduzierte die durchschnittliche Stauzeit erst auf 45,8 und nun auf 44 Stunden, Köln gelangte über 45,9 zu 40 Stunden. Negativ ist dagegen die Entwicklung in Hamburg, Berlin und im Ruhrgebiet. Hier gab es jeweils viel mehr Staustunden als im Jahr zuvor.

Deutschland staureichste Straße befindet sich jedoch nicht in München, sondern in Mannheim, das im Städteranking lediglich Platz 18 belegt. Der Zeitverlust auf den knapp elf Kilometern auf der A 6 zwischen der Anschlussstelle Mannheim-Sandhofen und Viernheimer Dreieck betrug 2017 durchschnittlich 69 Stunden und somit fast drei Tage. Zur Wahrheit gehört aber auch: Im vergangenen Jahr wurde auf der Strecke sehr intensiv gebaut, das Ergebnis ist somit verzerrt. Überhaupt sind laut Stauforscher Michael Schreckenberg Baustellen eine der Hauptursachen für den zähen Verkehr auf Deutschlands Straßen: "Die zunehmenden Baumaßnahmen bringen partiell zwar Verbesserungen, verschärfen kurz- bis mittelfristig jedoch die Stauproblematik." Für den Professor der Universität Duisburg-Essen der klassische "Fluch der guten Tat".

Realistischer ist der Wert, den Stuttgarts B 27 auf Platz zwei liefert: Auf den gut fünf Kilometern zwischen Sigmaringer Straße und Neuer Weinsteige verlieren Autofahrer im Schnitt 31 Stunden pro Jahr. Es ist nicht Stuttgarts einzige Staustraße in den Top Ten: Der Abschnitt auf der A 8 zwischen der Anschlussstelle Wendlingen und dem Kreuz Stuttgart belegt mit 29 Staustunden deutschlandweit Platz sechs.

Münchens staureichste Straße belegt deutschlandweit nur Rang zehn

Münchner Autofahrer verlieren die meiste Zeit abends auf dem Mittleren Ring zwischen Georg-Brauchle-Ring und der Auffahrt auf die A 96 in Sendling. Auf den 6,7 Kilometern über die Landshuter Allee, die Donnersbergerbrücke und durch den Trappentreutunnel büßen sie pro Jahr durchschnittlich 27 Stunden ein - Platz zehn in Deutschland. Münchens Status als Spitzenplatz rührt demnach aus einer breiten Streuung der Staus über das Stadtgebiet. Drei weitere Strecken mit Zeitverlusten über 20 Stunden pro Jahr zeigen, dass das Straßennetz insgesamt stark überlastet ist.

Die Inrix-Daten zeigen: Münchner stehen gar nicht so oft im Stau; sie haben zu 84 Prozent freie Fahrt. Doch wenn sie im Stau stehen, dann so richtig. Nirgends sinkt die Durchschnittsgeschwindigkeit in Stoßzeiten so drastisch wie in Münchens Innenstadt, nämlich auf ein Viertel des Tempos bei freier Fahrt. Statt mit 30,26 bewegen sie sich dann nur mit 8,52 km/h vorwärts. Zum Vergleich: Ein Mensch geht mit etwa drei km/h gemütlich spazieren und überquert mit 4,5 bis 5,5 km/h eine Fußgängerampel. Kaum besser wird die Situation, wenn man die großen Ein- und Ausfallstraßen einberechnet. In diesem Fall sinkt die Geschwindigkeit von 64,62 auf 19,76 km/h.

Betrachtet man ganz Deutschland, verbringen Autofahrer zu Stoßzeiten durchschnittlich 30 Stunden im Stau: Platz zwölf im internationalen Ranking, das wie im vergangenen Jahr von Thailand (56), Indonesien (51) und Kolumbien (49) angeführt wird. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland auf Rang vier hinter Russland (41), der Türkei (32) und Großbritannien (31).

Doch nicht nur in den Städten stockt der Verkehr. Wie der ADAC kürzlich mitteilte, gab es auf den Autobahnen einen neuen Staurekord. 2017 summierten sich 723 000 Staus auf eine Gesamtlänge von 1 448 000 Kilometer - und damit auf eine Distanz, die der 36-fachen Länge des Äquators entspricht. Der Zeitverlust stieg gar um neun Prozent auf 457 000 Stunden beziehungsweise 19 041 Tage oder 2720 Wochen oder 52 Jahre. Und das, obwohl der Verkehr nur geringfügig zugenommen hat, laut Bundesanstalt für Straßenwesen um 1,3 Prozent.

Dabei überrascht gar nicht so sehr die regionale Verteilung der Autobahnstaus: Wie in den Vorjahren bilden Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg die Spitze, etwa zwei Drittel aller Staus entfallen auf diese drei Bundesländer. Interessanter ist die zeitliche Verteilung. Die meisten Staus gibt es nicht etwa an den Wochenend-Pendeltagen Sonntag, Montag und Freitag oder am Sonnabend, dem Tag der Urlaubsfahrer und Bettenwechsler, sondern donnerstags. Eine allgemeingültige Ursache gebe es dafür nicht, sagt der ADAC, höchstens Erklärungsansätze: "Freitags gibt es zwar den klassischen Wochenend-Pendelverkehr, dafür sind weniger Berufspendler unterwegs", sagt ein Sprecher. Außerdem werde montags und freitags gerne von zu Hause gearbeitet, der Donnerstag sei in dieser Hinsicht eher unbeliebt.

Sowohl die Stauexperten des ADAC als auch jene von Inrix weisen darauf hin, dass Staus nicht nur die Umwelt schädigen und die Lebensqualität beeinträchtigen, sondern sich auch negativ auf die Wirtschaft auswirken. "Staus kosten die Deutschen über 30 Milliarden Euro pro Jahr und bedrohen damit das Wirtschaftswachstum", sagt Graham Cookson, Chef-Volkswirt bei Inrix. Wir müssten mehr in intelligente Verkehrssysteme investieren, um negative Folgen auf die Wirtschaft zu verhindern. Das heißt aber nicht, dass immer mehr Straßen gebaut werden müssen - diese ziehen nur noch mehr Autos an. "Die Städte müssen sich für alternative Mobilitätslösungen öffnen", ergänzt Michael Schreckenberg. Wie die Daten zeigen, sollten sich die Münchner Stadtplaner diesen Hinweis besonders zu Herzen nehmen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3851592
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/harl/zaj/reek/dd
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.