Süddeutsche Zeitung

Radverkehr:Das Fahrrad als Uni-Fach

Vernetzte Räder, bessere Infrastruktur in den Städten und mehr Sicherheit für Radler: An bundesweit sieben Hochschulen sollen sich Forscher speziell mit dem Verkehrsmittel Fahrrad beschäftigen.

Wo in der Zeit des Kalten Krieges einst die Ketten rasselten, da rollen nun die Radler. Südwestlich von Stuttgart wurde eine alte Panzerstraße der US-Armee zu einem der ersten Radschnellwege im Land umgewandelt. Sauber asphaltiert, ausgestattet mit Lichtmasten. Nun können die Radfahrer flott und bequem von der Kreisstadt Böblingen in die Landeshauptstadt rollen. Vor allem Fahrradpendler nutzen die Trasse.

Winfried Hermann, der grüne Verkehrsminister von Baden-Württemberg, würde nach eigenem Bekunden gerne mehr solcher Schnellwege eröffnen; fünf Millionen Euro Fördermittel konnte er beim Bund dafür loseisen. Unter anderem sind nun Radschnellwege zwischen Ludwigsburg und Waiblingen nördlich von Stuttgart geplant, außerdem ein fast 18 Kilometer langer Abschnitt zwischen Lörrach und Schopfheim im Süden des Landes. Das Problem ist nur: All diese Projekte sind lange nicht so weit wie die Trasse im Wald bei Böblingen. So peilen die Planer für die Trasse Ludwigsburg-Waiblingen einen Baubeginn im Jahr 2024 an; immerhin im kommenden Jahr könnte mit dem Bau des geplanten Radschnellwegs von Freiburgs Stadtgrenze aus nach Waldkirch und Emmendingen, der sogenannten Y-Trasse, begonnen werden. Ein Grund für die langen Zeitachsen: Es fehlt an Ingenieuren und Fachleuten für die Planung der Strecken. In zahlreichen Kommunen wurden Radverkehrsbeauftragte eingesetzt, die sich darum kümmern sollen, dass die Radinfrastruktur mit dem vielerorts steigenden Radverkehrsaufkommen mitwächst. Doch zusätzliche Kräfte zu finden, um all die Projekte umzusetzen, sei schwierig, berichtete zuletzt Claudia Bierbaum, die Fahrradbeauftragte des Landkreises Konstanz, in der Verbandszeitschrift fairkeh r des Verkehrsclub Deutschland (VCD).

"Es gibt einfach nicht genügend Fachkräfte." Wenn es nach Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) geht, dann soll sich das in den nächsten Jahren ändern. Denn der Bund stellt bis zur Mitte des Jahrzehnts insgesamt 8,3 Millionen Euro zur Verfügung, um sieben "Stiftungsprofessuren Radverkehr" einzurichten. Die Wissenschaftler sollen sich explizit dem Thema Radverkehr widmen und konkrete Maßnahmen aufzeigen - beispielsweise zur Verkehrssicherheit von Radfahrerinnen und Radfahrern. Es soll aber auch um Fragen gehen, wie das Rad besser mit anderen Verkehrsmitteln verknüpft oder die Infrastruktur rascher ausgebaut werden kann.

Tatsächlich ist zum Beispiel die grobe Konzipierung, die konkrete Planung und der abschließende Bau eines neuen Radwegs keine ganz triviale Angelegenheit. Dahinter stünden oft "Abstimmungswege" mit anderen Stellen in der Verwaltung, beispielsweise der Straßenverkehrsbehörde oder der Polizei, die "oft komplexer sind, als man auf den ersten Blick vermutet", berichtet die Konstanzer Fahrradbeauftragte Claudia Bierbaum. Nicht zu vergessen, dass auch Bürger und Anwohner in die Planung eingebunden werden wollen und politische Entscheidungsträger ihr Plazet geben müssen. "Zusammen mit der Ausschreibungs- und Bauphase kann so ein Radwegeneubau schnell fünf Jahre dauern", sagt Bierbaum. "Nach außen wirkt es dann so, als würde nichts passieren."

Deshalb benötige man mehr Fachkräfte für die Radverkehrsplanung, sagt Stephanie Krone vom Radfahrerverband ADFC. Die neuen Stiftungsprofessuren sollen daher laut Bundesverkehrsminister Scheuer auch dazu dienen, "Fachkräfte auszubilden, die ihr Know-how vor Ort einbringen und in den Kommunen umsetzen". Der Radverkehr müsse als "gleichberechtigtes Verkehrsmittel von Anfang an mitgedacht werden - sei es in der Gesetzgebung, in der Verkehrsplanung oder in der Innovationsforschung", findet der Minister.

8,3 Millionen Euro

stellt das Bundesverkehrsministerium für das Programm "Stiftungsprofessuren Radverkehr" zur Verfügung. Mit dem Geld werden Professuren zu Radthemen aus den Fachrichtungen Ökonomie, Verkehrsplanung, Politikwissenschaft, Psychologie, Rechtswissenschaften sowie Technik und Digitalisierung gefördert. Bis zum Sommer 2019 konnten sich interessierte Hochschulen bewerben - den Zuschlag erhielten schließlich Hochschulen in Kassel, Wuppertal, Karlsruhe, Wiesbaden, Wolfenbüttel, Wildau und Frankfurt/Main.

In den vergangenen zehn Jahren habe sich die Wissenschaft dem Thema Radverkehr verstärkt zugewendet, sagt Martin Lanzendorf, Professor für Mobilitätsforschung an der Goethe-Universität Frankfurt, der sich auch im wissenschaftlichen Beirat des VCD engagiert. Vor allem Forscher aus dem englischsprachigen Raum, aus den Niederlanden und Skandinavien hätten dem Verkehrsträger Fahrrad mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Mit den Stiftungsprofessuren sorge der Bund nun dafür, dass das Thema auch an deutschen Hochschulen verankert werde.

Mittlerweile ist klar, an welchen Hochschulen Radverkehr künftig als Uni-Fach unterrichtet werden soll. Bundesweit hatten sich 33 Hochschulen um die Fördermittel beworben, angedacht ist eine Förderung für die Dauer von bis zu fünf Jahren mit einem jährlichen Höchstbetrag bis zu 400 000 Euro. Sieben Bildungsstätten wurden schließlich ausgewählt, die meisten davon sind Fachhochschulen, alle sind in staatlicher Trägerschaft. Und alle richten nun neue Masterstudiengänge ein - mit unterschiedlichen Schwerpunkten.

So bietet die Bergische Universität in Wuppertal ein Spezialisierungsstudium für angehende Bau- und Verkehrsingenieure an, der Masterstudiengang "Mobilitätsmanagement" an der Ostfalia Hochschule in Wolfenbüttel hingegen steht grundsätzlich Bachelor-Absolventen aus allen Fachrichtungen offen. An der Technischen Hochschule Wildau soll die Vernetzung des Radverkehrs mit anderen Verkehrsmitteln im Vordergrund stehen, zudem sollen gleich an mehreren Hochschulen die neuartigen Elektro-Tretroller sowie Forschungsfragen rund ums Zufußgehen eingebunden werden. In Kassel möchte man einen Fahrradsimulator anschaffen, um unterschiedliche Verkehrssituationen unter Laborbedingungen systematisch untersuchen zu können. An vielen Unis sind zudem Kooperationen mit Verbänden und Partnern aus der (Rad-)Industrie geplant.

VCD-Beirat Lanzendorf kritisiert allerdings, dass die Studiengänge sehr stark ingenieurwissenschaftlich ausgerichtet sind. Auch ADFC-Sprecherin Krone würde sich wünschen, dass man ergänzend dazu einen "sozialwissenschaftlichen Fokus" fördern würde. Der könnte sich dem "Zusammenspiel von Infrastruktur, Politik, Kultur und Verkehrsmittelwahl" widmen. Um den Radverkehr zu fördern, müsse man nicht nur neue Radwege bauen, ergänzt Lanzendorf. Vielmehr müsse man auch analysieren, wer das Rad nutzt und wie man Menschen dazu motivieren kann, öfter mal aufs Rad zu steigen - etwa durch eine entsprechende Kommunikation.

Die Stadt München hatte dazu vor einigen Jahren einen Versuch gewagt. Sie schickte einen als "Verkehrsjoker" verkleideten Schauspieler auf die Straßen und Plätze, um für mehr Rücksicht unter den Verkehrsteilnehmern zu werben. Und für den Umstieg aufs Rad. In Fachkreisen wurde das Experiment aufmerksam beobachtet, doch Boulevardmedien und konservative Politiker im Stadtrat schossen sich rasch auf den "Radlkasper" ein und kritisierten das Ganze als Geldverschwendung - nach wenigen Radsaisons wurde das Projekt eingestellt. Mit einer entsprechenden Ausrichtung, glaubt Krone, könnte man auch hierzulande an "die neuere internationale Forschung zu Transformationsprozessen im Verkehrssektor anschließen".

Wann sich interessierte Studierende für die neuen Masterstudiengänge einschreiben können, ist offen. Aktuell laufen die Auswahlverfahren, um die Lehrstühle und die wissenschaftlichen Assistenzstellen an den sieben Unis zu besetzen. Laut einer Übersicht aus Scheuers Ministerium könnten die ersten Masterstudiengänge in Kassel, Karlsruhe und im brandenburgischen Wildau im Sommersemester 2021 starten.

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Quelle:
SZ vom 16.05.2020
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