Süddeutsche Zeitung

Computer-Revolution hinterm Steuer:Autos im Spielzeugland

Große Displays ersetzen den herkömmlichen Tacho, Smartphones kommunizieren mit dem Fahrzeug: Die CES hat gezeigt, dass Autos heute mehr sein müssen als ein reine Fortbewegungsmittel. Die Grenzen zwischen Spielekonsole und Automobil verschwimmen.

Technik, die das Leben verändert - nichts Geringeres wollten die 3200 Aussteller auf der weltweiten Leitmesse für Unterhaltungselektronik zeigen. "Die CES in Las Vegas ist der größte Treffpunkt und Marktplatz für Innovationen auf diesem Planeten", tönte ihr Geschäftsführer Gary Shapiro. Und Brian Krzanich, Chef des Chipherstellers Intel, verkündet nicht minder selbstbewusst, dass eine neue Generation vernetzter Elektronikgeräte unsere Art zu leben, arbeiten und spielen grundlegend wandeln werde.

Computer sind über unzählige Generationen von PCs, Tablets und Smartphones immer handlicher geworden, während ihre Leistung rasant gestiegen ist. Mittlerweile liefert ein fingernagelgroßer Chip die Rechenleistung eines Pentium-PC. Der Mini-Prozessor lässt sich mit ebenso kleinen Sensoren und Monitoren bestücken und mit dem Internet verknüpfen. 2017 sollen laut Yahoo-Chefin Marissa Mayer 3,8 Milliarden Geräte im Datennetz hängen. Die Elektrozwerge können das reale Erleben mit zahllosen Informationen und Attraktionen der virtuellen Welt anreichern.

Riesige Innovationspotenziale zwischen Kommunikation und Mobilität

Dass dieses digitale Upgrade der Wirklichkeit keine bloße Spielerei, sondern ein wesentlicher Zukunftstrend ist, hat sich in der Autobranche längst rumgesprochen. "Gerade an den Schnittstellen von Kommunikation und Mobilität schlummern riesige Innovationspotenziale. Die wollen wir heben", betonte Daimler-Boss Dieter Zetsche bereits 2012 in Las Vegas. Audi-Chef Rupert Stadler propagierte in seiner CES-Eröffnungsrede 2014 folgerichtig neue Mensch-Maschine-Schnittstellen: "Auf der CES sehen wir das klare Bekenntnis der Elektronikindustrie zum Nutzererlebnis. Bei Audi konzentrieren wir uns ebenfalls auf dieses Thema."

Welche Folgen das hat, demonstrierte Stadler anhand eines virtuellen Cockpits, das noch in diesem Jahr in Serie gehen wird. Mit plastisch wirkenden Grafiken und detailgenauen, schnell wechselnden Effekten lässt der neue Audi TT die Grenzen zwischen Sportwagen und Spielekonsole verschwimmen. Konsequent stellt das Anzeige- und Bedienkonzept den Fahrer/Spieler in den Mittelpunkt. Hinter dem Lenkrad präsentiert ein voll digitales Kombiinstrument alle Informationen direkt in dessen Blickfeld. Ein zusätzlicher zentraler MMI-Monitor über der Mittelkonsole ist aus dieser Perspektive nicht mehr notwendig. Der Beifahrer wird so auf eine Zuschauerrolle verwiesen.

TFT-Monitor statt Tacho

Dafür kann sich der Fahrer an der Brillanz eines hoch auflösenden 12,3 Zoll großen TFT-Monitors und der Rechenleistung eines Integra-II-Grafikprozessors erfreuen. In der klassischen Ansicht stehen Tacho und Drehzahlmesser im Vordergrund. In einem zweiten Anzeigemodus schrumpfen die animierten Rundinstrumente dagegen auf Golfballgröße. Nahezu die gesamte Monitorfläche steht dann für Funktionen wie die Navigationskarte zur Verfügung.

Wie in einer strahlend bunten, virtuellen Spielzeuglandschaft werden zahllose Karteninformationen dreidimensional inszeniert. Audi hebt den neuartigen "Joy of Use" auch beim Scrollen und Zoomen in Listen und Karten hervor. Die Menüstruktur und Sprachfunktionen dieses rollenden Computerspiels orientieren sich an aktuellen Smartphones.

Digitaler Lifestyle in Infotainment-Systemen

"Gamification", also die spielerische Inszenierung der Technik, soll sie für den Fahrer noch besser erlebbar machen. Auch bei BMW und Mercedes hält dieser digitale Lifestyle in den Infotainment-Systemen Einzug. Während sich bei Daimler eine Smartwatch von Pebble mit dem Auto verknüpfen kann, stellten die Münchner in Las Vegas eine BMW-i3-App für das Samsung Galaxy Gear vor. Die clevere Uhr mit dem großen Bildschirm zeigt unter anderem den Ladezustand des Elektrofahrzeugs am Handgelenk an und ermöglicht ferngesteuerte Einstellungen der Klimaanlage.

Wie es mit den Telematik- und Infotainmentsystemen in Zukunft weitergehen könnte, demonstrierte Mercedes mit der "Predictive User Experience": Aus den Gewohnheiten und Vorlieben der Fahrer und Mitfahrer werden immer präzisere Profile destilliert. In vorauseilendem Gehorsam soll das Fahrzeug dann individuelle Wünsche erkennen und proaktiv die nächsten Bedienschritte vorschlagen.

Intuitive Verständigung zwischen Fahrer und Fahrzeug

"Unsere Entwicklungsteams für die Predictive User Experience setzen sich fast zu gleichen Teilen aus IT-Ingenieuren und Designern für die Bedienoberflächen zusammen", verrät Johann Jungwirth, "dadurch kombinieren wir Logic und Flow, also rationale und emotionale Intelligenz", so der Leiter des jüngst erweiterten Mercedes-Forschungs- und Entwicklungszentrums im kalifornischen Sunnyvale. Rund um das automatisierte Fahren werde die intuitive Verständigung zwischen Fahrer und Fahrzeug immer wichtiger, so Jungwirth.

Gleichzeitig lerne der Fahrer, sich mit traumwandlerischer Sicherheit in den virtuell erweiterten Welten zu bewegen: "Die Technik verändert uns. Wir sind nicht unabhängig davon, sondern Teil des Ekosystems der elektronischen Geräte", ist Alexander Mankowski überzeugt. Daimlers Zukunftsforscher war nicht der einzige in Las Vegas, der in den kommenden Jahren einen radikalen Wandel im Verhältnis von Mensch und Maschine erwartet.

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SZ vom 11.01.2014/reek
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