Süddeutsche Zeitung

Autopilot im Tesla Model S:Einfach mal loslassen

Falls demnächst neben Ihnen ein Autofahrer freihändig vorbeirast, sitzt er wohl in einem Tesla. Der Autopilot des Model S funktioniert erstaunlich gut - bis ich die Autobahn verlasse.

Von Felix Reek

Zweimal ziehe ich den kleinen Hebel links neben dem Lenkrad. Ein blaues Lenkrad leuchtet am oberen Rand des Tachos auf. Das Tesla Model S fährt nun auf Autopilot. Er beschleunigt und bremst, hält Abstand zu anderen Autos. Und er lenkt selbstständig. Ja genau, ganz von alleine. Ich lege die Hände auf die Oberschenkel und schaue zu, wie das Steuer kleine Korrekturen ausführt.

Ich kann nicht behaupten, dass ich mich sonderlich wohl dabei fühle. Ein paar Minuten später sieht das schon anders aus. Vor mir schert ein LKW ein, der Tesla bremst sanft. Eine langgezogene Kurve folgt, die Limousine schmiegt sich elegant hinein. Ich fühle mich, als wäre ich nie anders Auto gefahren.

Während andere Hersteller zögerlich auf abgesperrten Strecken erste autonome Funktionen testen und für vorhandene ähnliche Systeme lieber Begriffe wie "Stauassistent" verwenden, hat Tesla mit dem letzten Update seinen Autopiloten direkt auf die Straße gebracht. Mitte Oktober stellte Tesla-Chef Elon Musk das System in den USA vor, in der letzten Woche folgte die Freigabe für Europa und den Rest der Welt.

Beim Menschen hapert es

Per mobilem Software-Update landet es automatisch in jenen Model S, deren Besitzer zuvor die entsprechende Sonderausstattung einbauen ließen. Die bekommen so einen Vorgeschmack auf das autonome Fahren. Dass Tesla dabei auf dem richtigen Weg ist, zeigt das Testfahrzeug. Selbst der Spurwechsel ist ohne Lenken möglich. Einfach blinken, das Lenkrad kurz berühren - und das Model S wechselt die Fahrbahn.

Nur beim Menschen hinter dem Steuer gibt es noch Schwächen. Obwohl Musk ausdrücklich erklärt hatte, dass es sich bei der Software, die den Autopiloten beinhaltet, um eine Betaversion handelt, und die Hände jederzeit am Lenkrad bleiben müssen, machten Kunden des Unternehmens genau das, was Menschen immer tun, wenn ihnen etwas explizit verboten wird: das genaue Gegenteil. Videos auf YouTube zeigen, wie Model-S-Besitzer freihändig über Highways, Landstraßen und durch Innenstädte fahren.

Die Ergebnisse sind vorhersehbar. Unter dem martialischen Titel "Tesla Autopilot tried to kill me!" zeigt ein Besitzer, wie er gerade noch ins Steuer greifen kann, bevor sein Model S in den Gegenverkehr lenkt. Andere Videos berichten in wackligen Bildern, wie Ausfahrten nicht richtig erkannt oder Geldbußen wegen Geschwindigkeitsübertretungen fällig wurden.

Die Flotte operiert als Netzwerk

Das ist nicht weiter verwunderlich. Der Autopilot des Model S ist eher als Sicherheitssystem zu verstehen. "Es ist eine Unterstützungsfunktion für lange Strecken, um das Autofahren angenehmer und sicherer zu machen. Wie ein Autopilot beim Flugzeug", erklärt Tesla-Sprecherin Kathrin Schira. Und der ist noch in der Lernphase.

Zwölf Ultraschallsensoren am Fahrzeugboden, eine Kamera im Rückspiegel und ein 360-Grad-Radarsystem an der Front sammeln permanent Daten. Die sendet das Auto an das Unternehmen, das die neuen Informationen über Straßenbeschaffenheit, Baustellen, fehlende Fahrbahnmarkierungen und ähnliche Dinge prüft und im nächsten Update allen anderen Kunden zur Verfügung stellt. Bereits kurz nach Veröffentlichung des Autopiloten berichteten Model-S-Besitzer im Kundenforum, dass ihr Fahrzeug auf einmal Abfahrten korrekt erkannte, die es zuvor ignoriert hatte. Tesla gibt an, auf diese Weise Informationen von einer Million Meilen täglich zu sammeln. Lernt ein Auto etwas, profitieren alle anderen davon.

Weigert sich der Fahrer, wird das Auto rabiater

Trotzdem hat das System noch Schwächen. "Wenn eine Baustelle kommt und die Markierung sich ändert, kann das Auto das zur Zeit noch nicht erkennen", sagt Kathrin Schira. Bei meinem Versuch, den Autopiloten auch abseits der Autobahn zu nutzen, steuert der Tesla dementsprechend einmal auf einen Kreisel zu, ohne angemessen abzubremsen und zu lenken, ein anderes Mal auf die Mitte der Fahrbahn, nachdem die Mittelspur aussetzt. Um das zu verhindern, "warnt Sie das Model S aber auch, dass Sie die Hände wieder ans Steuer legen müssen", so Schira. Weigert sich der Fahrer, wird das Auto rabiater. Es schaltet die Warnblinkanlage ein, bremst langsam ab und fährt rechts ran.

Zumindest in der Theorie. Um zu testen, was passiert, wenn ich das Auto alleine fahren lasse, stelle ich ich erneut den Autopiloten ein und lege die Hände neben das Lenkrad. Minutenlang passiert nichts. Ich schließe die Augen für einige Sekunden, um ein Einschlafen zu simulieren - wieder nichts. Kein sehr angenehmes Gefühl. Erst beim dritten Mal bremst der Tesla im belebten Verkehr zwischen zwei Autobahnausfahrten ab. Bevor er rechts ran fährt, greife ich ein. Tesla erklärt diesen Umstand damit, dass der Autopilot eben nicht als autonomes Fahren zu verstehen sei, sondern nur als Entlastung. So lange nichts Ungewöhnliches auf der Straße passiert, fährt das Auto einfach weiter.

Warum das Model S aber keine Warnhinweise gibt, wenn sich der Fahrer über Minuten nicht regt, erklärt das nicht. Die größte Gefahrenquelle im Verkehr, das zeigen die YouTube-Videos der freihändig fahrenden Tesla-Besitzer eindrucksvoll, ist eben doch der Mensch. Das hat mittlerweile auch Elon Musk erkannt. Nach Ansicht der Videos erklärte er, dass sein Unternehmen demnächst einige "Einschränkungen" einrichten werde, wann der Autopilot aktiviert werden kann und wann nicht. Damit "die Leute keine verrückten Dinge mehr damit anstellen".

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