Süddeutsche Zeitung

Audi Q8 im Test:Schön und teuer, aber müde

Allein der Schlüssel kann beim Audi-SUV-Coupé 400 Einstellungen speichern. Allerdings kann der Motor überhaupt nicht überzeugen.

Der Diesel-Betrug wirft lange Schatten über Ingolstadt. Das Kraftfahrtbundesamt hat Audi Einzelabnahmen für jede neue Motorvariante auferlegt. Deshalb ist das neue Flaggschiff der Marke anfangs ausschließlich als Q8 50 TDI lieferbar. Hinter diesem Kürzel verbirgt sich der modifizierte 3,0-Liter-V6-Diesel, der ab sofort 210 kW (286 PS) leistet und mit 600 Nm Drehmoment anschiebt. Zwei weitere Sechszylinder folgen im nächsten Jahr, doch selbst dann fehlen immer noch die S- und RS-Modelle, der Plug-in Hybrid und der konkurrenzlos bullige V8-Diesel. Keine Frage: antriebseitig haben BMW und Mercedes aktuell mehr zu bieten.

Dafür sieht das Coupé-Heck aus allen Perspektiven schnittig aus, der lange Radstand schafft souveräne Proportionen, an den wuchtigen Achteck-Grill hat man uns inzwischen gewöhnt. Große Räder sind allerdings ein Muss, denn nur so kommt der selbstbewusste Auftritt richtig zur Geltung.

Das Interieur ist ein Paradebeispiel für Schöner Wohnen auf Rädern. Die Armaturentafel wirkt wie eine Skulptur aus Glas, Chrom und Leder; der Platz im Fond lässt sich durch die verstellbaren Einzelsitze weiter vergrößern; Werkstoffe und Verarbeitung erfüllen höchste Ansprüche. Nur das neue Bedienkonzept lässt kein schnelles Wohlgefühl aufkommen, denn die Flut der Funktionen lenkt ab und überfordert. Der einzige Ausweg führt über die stark verbesserte, noch lernfähigere Sprachsteuerung.

Der Einstiegspreis des nackten Q8 liegt bei 76 000 Euro. Ein ähnlich ausgestatteter Q7 kostet gut 10 000 Euro weniger, der Abstand zum identisch motorisierten Q5 beträgt sogar rund 20 000 Euro. Das ist viel Geld für etwas mehr Status, Platz und Luxus, zumal der Q8 auch bei der Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 6,3 Sekunden keinen Vorsprung herausfährt. Audi nennt noch keine Verbrauchswerte, der Testwagen hat sich über 1500 stramm gefahrene Kilometer im Schnitt zehn Liter in die Brennräume gekippt - ein guter Wert.

Bei Vollausstattung sind sechsstellige Preise zu befürchten

Dass Audi die Füllmenge des AdBlue-Tanks im Q8 mit 24 Liter gegenüber dem Q7 glatt verdoppelt hat, ist ein weiteres Indiz für den viel zu spät eingeleiteten Umdenkprozess. Auch der serienmäßige Mild-Hybrid mit dem 48-Volt-Bordnetz verbessert die Effizienz. Lange Segelphasen, eine hohe Rekuperationsleistung und die Stopp-Start-Automatik, die schon bei 22 km/h einsetzt, sollen den Verbrauch um 0,7 Liter senken. Nicht reduziert wurde das Gewicht, das auf Q7-Niveau verharrt. Dafür macht der Q8 im Windkanal Punkte gut.

Verstelldämpfer, Achtgang-Automatik und Allradantrieb sind im Preis enthalten, doch Luftfederung, Hinterradlenkung und der aktive Wankausgleich gehen extra. Das ist schade, denn ohne Luftfederung gibt´s keine Höhenverstellung, ohne Hinterradlenkung keine stoische Richtungsstabilität, ohne Wankausgleich keine ruhig gestellte Karosserie. Bei Vollausstattung sind sechsstellige Preise zu befürchten, doch auch diesbezüglich befindet sich Audi in bester Gesellschaft.

Das Getriebe schwankt zwischen träge und hektisch

Das Manko des Q8 ist sein müder Antrieb. Der V6 ist antrittsschwach, mag aber auch nicht hoch drehen. Erst wenn die Turbo-Gedenksekunde verstrichen ist, kommt der Motor mit Vehemenz zur Sache, wobei man über die pseudo-sportliche Begleitmusik im S-Modus durchaus diskutieren kann. Die Schaltstrategien in den beiden Fahrprogrammen schwanken zwischen träge und hektisch, wobei die Gangwechsel auch mal ruppig ausfallen können.

Der Fahrer darf zwischen sieben Profilen wählen, die unter anderem Lenkung, Antrieb und Aufhängung nach Wunsch konfigurieren. Dazu gibt´s auf Wunsch vier Assistenzpakete für Langstrecke, Stadt, Nachtfahrten und Einparken. Als weiterer Superlativ wird der Fahrzeugschlüssel angepriesen, auf dem sich bis zu 400 Lieblingseinstellungen bis hin zur Duftnote des Waschwassers speichern lassen.

Fahren kann er auch, der neue Q8. Ziemlich gut sogar, selbst wenn statt der serienmäßigen 19-Zoll-Räder fette 22-Zöller montiert sind. Klar, der Langsamfahrkomfort ist dann nicht überragend, aber die Grundgeschmeidigkeit des luftgefederten SUV überzeugt, eigenmächtige Aufbaubewegungen sind kein Thema, und das Geräuschniveau ist selbst bei höherem Tempo so niedrig, dass man sich unterhalten kann, ohne die Stimme zu heben.

Bergauf lassen die 600 Newtonmeter in Verbindung mit dem Allradantrieb samt dynamischer Momentenverteilung das hohe Fahrzeuggewicht fast vergessen, doch bergab will jeder Zentner des 2,2 Tonners einzeln um Ecken gewuchtet und verzögert werden. Da schiebt die Schnauze schon mal weg vom Scheitelpunkt, flüchtet sich die Bremse in den ABS-Regelbereich, lässt der Grip langsam nach. Trotzdem hält die Balance, bleibt das Auto leicht beherrschbar, wahrt die Technik einen Respektabstand zum Grenzbereich. Andere Hersteller hätten das Fahrzeugkonzept emotionaler ausgelegt, doch bei Audi liebt man kühle Perfektion und absolute Souveränität. Die Hinterradlenkung verleiht dem Q8 eine gewisse Leichtfüßigkeit in Kurven, verbessert den Geradeauslauf und macht Einparkmanöver auf engem Raum zum Kinderspiel.

Der Q8 verdient einen stärkeren Motor, eine stimmigere Anbindung zum Getriebe, mitteilsamere Fahreigenschaften, ein zugänglicheres Bedienkonzept. Gut ausgestattet ist auch dieser Audi ziemlich teuer, aber es sind eben genau diese teuren Extras, die aus einem Allerweltsauto etwas Besonderes machen. Das gilt für Technik und Optik, die erst im konzertierten Zusammenspiel Akzente setzen. Ob der Preisabstand zum spritzigeren Q5 gerechtfertigt ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Wer das Coupé wählt, sollte warten, bis Audi dem Antriebsstrang die Marotten ausgetrieben hat.

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Quelle:
SZ vom 07.07.2018/harl
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