Süddeutsche Zeitung

Audi A1: Erste Ausfahrt:Oberklasse in klein

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Frontalangriff auf den Mini: Mit dem Kleinwagen A1 dehnt Audi seinen Luxusanspruch kräftig nach unten aus - und verzichtet dabei auf jeden Anflug von Retro. Das Vergnügen hat allerdings seinen Preis.

Günther Fischer

Palmen im Hafen von Potsdam: Vielleicht ist das der Grund, warum Audi zur ersten Fahrvorstellung seines neuen Kleinwagens A1 nach Berlin und in die Gegend rund um Potsdam lud. Irgendwie muss die "Lust auf Leben" (Zitat Audi zum A1) ja zelebriert werden.

Die erneute Produktion eines Kleinwagens ist ein mutiger Schritt, denn Audi hatte damit bisher eher wenig Glück. Der Audi 50 von 1974 zum Beispiel "kopierte" die Konzernmutter VW schon ein Jahr später und brachte ihnals ersten Polo auf den Markt. Der Erfolg ist bekannt - und mit dem Audi 50 war schnell Schluss.

Erst 1999 wagten sich die Ingolstädter dann wieder ins Kleinwagensegment - und wie: Der A2 war einer der ersten Wagen mit Vollaluminium-Karosserie (Leichtbau!) und vielfältig eingesetzten Sparmaßnahmen - lange, bevor es Spar- und Umweltschutzprogramme quasi serienmäßig bei den Autoherstellern gab. Das große Manko des A2 waren die doch eher schwächlichen Motoren. Außerdem waren zu wenige Menschen bereit, die teuren Zukunftstechnologien auch mit höheren Preisen zu bezahlen. Nach sechs Jahren war mit dem A2 Schluss. Heute allerdings ist er sehr begehrt: Für Gebrauchte werden gute Preise bezahlt.

Jetzt, 2010, will Audi endlich alles richtig machen. Immerhin ist das Konkurrenzumfeld überschaubar: Alfa Romeos MiTo ist ein typischer italienischer Kleinwagen mit vielen Stärken und einigen Schwächen, Mini und Fiat 500 zelebrieren ansehnliche Retro-Drolligkeit, lediglich Citroëns DS3 legt bis dato einen gelungenen Anti-Retro-Auftritt hin. Das war's dann aber auch schon mit den schicken Kleinen.

Auftritt A1: Der beim A8 noch so großmäulig wirkende Singleframe-Grill wurde zwar maßstabsgerecht verkleinert, wirkt aber dennoch sehr erwachsen und nicht allzu aggressiv. Eine durchgezogene Sicke prägt die Seitenlinie und findet mit der Motorhaubenkante und den LED-Heckleuchten ein jeweils schlüssiges Ende. Das coupéhafte Dach mit dem farblich abgesetzten Bogen (350 Euro Aufpreis) macht den A1 endgültig zum Hingucker, dem all das Kindliche und Knuffige, das Kleinwagen sonst so gerne zu eigen ist, erfreulicherweise völlig fehlt.

Innen geht es anspruchsvoll weiter: Die allgemeine Qualitätsanmutung ist exzellent, die Haptik der Bedienelemente und die Oberflächen machen Laune. Fast möchte man sagen: Audi hat diesmal - im Gegensatz zu 1974 - die hausinterne Konkurrenz mit VW gewonnen und den ohnehin schon hervorragenden Polo in praktisch allen Details noch einmal übertroffen.

A1-Motto: "Lust auf Leben"

Für die "Lust auf Leben" und die Individualisierung sehen im Innenraum verschiedene, teils extravagante Stoff- und Lederkombinationen zu Wahl. Wir empfehlen einen Blick auf die Farbe "Wasabigrün" und die Stoffkombination "Herzklopfen": Ein Schelm, wer da nicht an den grünen VW Scirocco selig und dessen grüngelbes Karomuster bei den Sitzbezügen denkt.

Das Exterieur wiederum lässt sich mit Felgen und lackierten Dachsäulen in - laut Audi - rund 800 unterschiedlichen Varianten konfigurieren. Adaptive Xenon-Scheinwerfe, LED-Rückleuchten, ein schlüsselloses Zugangssystem, elektrisches Panoramadach - das sind Extras, die meist erst ab der Mittelklasse, wenn nicht gar Oberklasse zu bekommen sind. Wer will, kann sogar "MMI Navigation plus" ordern: Das Navigations- und Infotainmentsystem des A8 wurde für den A1 adaptiert (hier mit 6,5 Zoll großem, ausklappbaren Bildschirm). Selbstverständlich steht ein feines Bose-Soundsystem zur Verfügung. All das lässt sich Audi natürlich gut bezahlen.

Start-Stopp-Automatik serienmäßig für alle Varianten

Zum Marktstart werden zwei TSFI-Benzinmotoren mit 63 kW / 86 PS und 90 kW / 122 PS sowie zwei Diesel mit 66 kW / 90 PS (kommt etwas später) und 77 kW / 105 PS angeboten. Alle Motoren sind turboaufgeladen und mit Fünfganggetriebe gekoppelt, gegen Aufpreis gibt es je nach Version ein Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe, das mit dem stärkeren Benziner hervorragend harmoniert.

Zur Förderung der Agilität haben alle A1-Modelle serienmäßig eine elektronische Quersperre an der Vorderachse, die das Einlenkverhalten mit gezieltem Abbremsen spürbar unterstützt und verbessert. Auch die präzise und vor allem in Verbindung mit dem Siebenganggetriebe ungewohnt sanft arbeitende Start-Stopp-Automatik ist serienmäßig mit dabei.

Hoher Zuspruch, viele Vorbestellungen

Wir fuhren den kleinen Benziner (ab 15.800 Euro) und den stärkeren Diesel. Der 86-PS starke 1,2-l-TSFI-Motor ist ausreichend kräftig, sofern man keine sportlichen Ambitionen hegt. Zudem will er munter geschaltet werden. Für die meisten Alltagsaufgaben wird er reichen. Zudem verspricht Audi einen Normverbrauch von 5,1 Litern, was bei moderater Fahrweise tatsächlich im Bereich des Möglichen liegt.

Der 105 PS starke Diesel entwickelt da schon einen stürmischeren Vorwärtsdrang, bleibt dabei aber stets vernünftig leise. Selbst bei Tempo 200 hielt sich der Geräuschpegel erstaunlich im Rahmen. Ein schneller Blick zwischendurch auf den Bordcomputer lässt richtig Freude aufkommen: Audi verspricht beim großen Diesel einen Durchschnittsverbrauch von 3,9 Liter, aber auch mit den bei uns angezeigten 4,7 Liter kann man prima leben.

Natürlich bedient sich Audi auch im Konzernbaukasten: So basiert das Fahrwerk des A1 auf dem des Polo. Das Basismodell gibt sich sehr komfortabel, Bodenwellen oder Kopfsteinpflaster absorbiert es prima. Ab der Ambition-Ausstattung ist das Sportfahrwerk Serie - mit ihm best der A1 deutlich agiler um die Ecke, allerdings ist es auch spürbar härter. Bei beiden Modellen hätten wir uns aber über eine etwas direkter abgestimmte elektrhydraulische Servolenkung gefreut, die gerne auch mehr Fahrbahnkontakt vermitteln dürfte.

Eines steht fest: Die Neugier auf den A1 ist groß. "Mehr als 100.000 Menschen haben sich auf unserer eigens erstellten A1-Website registriert und freiwillig Namen und Adressen hinterlassen", staunt Vorstandchef Rupert Stadler noch immer über den hohen Zuspruch. "Wir hatten auch noch nie für ein Audi-Modell derart viele Vorbestellungen", so Stadler weiter. "Rund 10.000 Fahrzeuge sind jetzt bereits bestellt." Und das, obwohl der A1 erst im September auf den Markt kommt. Audi erhofft sich viele Neukunden bei den unter 30-Jährigen und erwartet einen Frauenanteil von 50 Prozent - der Mini wird es Zukunft wohl um einiges schwerer haben.

Eines steht fest: Audi hat einen Kleinwagen auf die Straße gestellt, der keine konzeptionellen Ausreden braucht und die selbstgestellten Premiumansprüche der Ingolstädter tatsächlich einlöst (gegen Geld, natürlich). Uns bleibt das leise Erstaunen, wie sinnfällig das Downsizing von Luxus funktionieren kann.

Ab September werden die ersten Modelle ausgeliefert - wir sind schon heute gespannt, wie die "Eroberungsrate" ausfällt.

Audi A1 1.6 TDI: 77 kW / 105 PS; max. Drehmoment 250 Nm bei 1500-2500 U/min; 0-100 km/h: 10,5 sec.; Vmax 190 km/h; Testverbrauch 4,7 l (Werksangabe: 3,9 l); Euro 5, CO2: 103 g/km; Preis: ab 18.800 Euro (Ausstattungsvariante Attraction)

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