Süddeutsche Zeitung

Wissenschaftsjournalismus:Titelstory: "Der Computer macht sich selbstständig"

Vor 50 Jahren erschien die erste Wissenschaftsseite der SZ. Die Zeiten haben sich geändert, eine Sache bleibt: Der Wert von kritischem Journalismus.

Von Martin Urban

Vor 50 Jahren herrschte Aufbruchsstimmung in den Wissenschaften. Am 9. November 1967 hatten Studenten an der Universität Hamburg mit dem Spruch "Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren" ein Signal zur Veränderung gegeben, für 1969 wurde in den USA die Landung des ersten Menschen auf dem Mond vorbereitet. Und in der Tschechoslowakei begann ein verheißungsvoller "Prager Frühling".

In einer solchen Stimmung waren die Forscher motiviert, mit ihren Erkenntnissen an die Öffentlichkeit zu gehen. Die angesehensten unter ihnen, wie etwa Werner Heisenberg, Carl Friedrich von Weizsäcker und Manfred Eigen kamen in der Süddeutschen Zeitung zu Wort.

Entwickler einer Mondstation prognostizierten Gemüsebeete auf dem Erdtrabanten

Zweifel an der Erkenntnisfähigkeit der Wissenschaftler gab es damals kaum. Man erwartete wie selbstverständlich, dass sie die Zukunft voraussehen könnten. Es entstand sogar der Beruf des "Zukunftsforschers". Der Optimismus war schier grenzenlos. Fehlprognosen taten dem keinen Abbruch. Im Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Garching bei München arbeitete man zum Beispiel an der "Zähmung der Wasserstoffbombe", um das Problem nichtfossiler Energiegewinnung mittels Fusionsreaktor ein für alle Mal zu lösen.

Bis Anfang der 1980er-Jahre wollte man einen solchen kommerziellen Energielieferanten in Betrieb genommen sehen. 1965 prognostizierte in den USA der Entwickler einer Station auf dem Erdtrabanten, es ließe sich "auf dem Mond Gemüse ziehen". 1986 wollte man die ersten Menschen zum Mars schießen und lebend zurückbringen. Alles Fehlprognosen, wenn nicht gar Unsinn. Die Titelgeschichte freilich der ersten Wissenschaftsseite der SZ vom 22.2.1968: "Der Computer macht sich selbstständig" ist heute aktueller denn je, und die Unterzeile von damals, "Das Elektronengehirn der Zukunft verbessert sich selbst", war tendenziell richtig.

Vor 50 Jahren war der Beruf des Wissenschaftsjournalisten noch wenig verbreitet. Das änderte sich erst, als Anfang der 1980er-Jahre die Robert-Bosch-Stiftung angehende Wissenschaftsjournalisten mit Stipendien zu fördern begann. Frauen hatten in der Vor-68er-Zeit noch die Sorge, in diesem Beruf nicht ernst genommen zu werden. Eine der ersten Mitarbeiterinnen der SZ-Wissenschaftsredaktion veröffentlichte ihre Texte unter dem Vornamen Gerd, hieß aber in Wahrheit Gertrud.

Damals wie heute mussten und müssen Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten in den Wissenschaften zu Hause sein, um zu erkennen, welche Fakten nicht nur gerade aktuell, sondern auch wichtig sind, und sie zu deuten. Damals wie heute gab es bereits die Angst vor der Wissenschaft, damals allerdings die Angst vor den möglichen Konsequenzen der Erkenntnisse, während diese heute einfach nur als Fake News bestritten werden können.

Bereits 1970 hatte die Max-Planck-Gesellschaft ein "Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt" gegründet. Leiter war der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker, zweiter Direktor der Philosoph Jürgen Habermas. Das Experiment dauerte eben mal zehn Jahre. Die Angst der Industrie vor den inzwischen bereits studierten "68ern", die zuvor gegen den Muff von 1000 Jahren angegangen waren, wurde so groß, dass die MPG dem Druck nachgab und das Projekt mit dem Weggang seines Gründers beendete. Gegen dessen Willen, wie dieser in der SZ (26.3.1979) sehr deutlich aussprach. Am Ende zweifelte Weizsäcker bereits grundsätzlich an der Fähigkeit der Menschheit, rasch genug politische Entscheidungsmodalitäten so zu ändern, dass der Zwang, die Natur zu zerstören, auf ein erträgliches Maß reduziert wird. Er hatte leider recht.

Vor 50 Jahren zeigte uns der Verhaltensforscher Konrad Lorenz (Nobelpreis 1973) im oberbayerischen Seewiesen im Teich neben seinem Institut ein "schwules" Gänsepaar. Homosexualität, selbst bei Gantern, so lernten wir, ist etwas ganz Natürliches. Jedoch erst 1994 wurde in Deutschland der berüchtigte Paragraph 175 abgeschafft, der das Zusammenleben von homosexuellen Menschen unter Strafe stellte. Und noch heute ist das für die evangelikalen Dummies auch hierzulande "Sünde".

Die Pflicht, sich zu informieren

Der Biophysiker Manfred Eigen (Nobelpreis 1967) erklärte 1970, über die Evolutionslehre von Charles Darwin hinausgehend, wie allein nach den Gesetzen der Physik und Chemie aus toter Materie lebende Strukturen entstehen. Alle Gesetze der Biologie seien, so Eigen, auf die Gesetze der Physik zurückzuführen (SZ vom 28.10.1970). Dennoch verbreiten christliche Fundamentalisten, insbesondere in den USA, zunehmend aggressiv eine archaische biblische Schöpfungsgeschichte als "Schöpfungslehre" - und verhindern damit zum Beispiel Maßnahmen gegen den menschengemachten Klimawandel.

Anders als vor einem halben Jahrhundert, machen heute die Erkenntnisse naturwissenschaftlicher Forschung vielen Menschen Angst. Nicht zuletzt den Geisteswissenschaftlern, denen dank neurowissenschaftlicher Beobachtungen der Geist abhandenzukommen droht. Bereits 1979 hatte nämlich der US-Physiologe Benjamin Libet gezeigt, dass zwischen der Nervenaktivität im Gehirn, die einer bestimmten Handbewegung vorausgeht, und dem erst danach zustande kommenden Bewusstwerden ein zeitlicher Abstand liegt. Was heißt das für die Vorstellung eines "freien Willens" des Menschen? Deutsche Gehirnforscher wie vor allem Wolf Singer haben nicht nur weiter gehende eigene bahnbrechende Arbeit dazu geleistet, sondern bemühen sich auch unablässig darum, die Konsequenzen ihrer Arbeit verständlich zu machen.

Wolf Singer sieht es sogar als "moralische Verpflichtung" an, "wissen zu wollen", als "Pflicht, sich zu informieren", wie er im Februar 2017 während eines Vortrags an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität erklärte. Singer verlangt seit Langem: "Wir brauchen kritischen Wissenschaftsjournalismus" (FAZ vom 9.7.2001). Doch heute ist ein Wolf Singer die große Ausnahme. Aus Angst vor möglichen beruflichen Konsequenzen verstecken sich die meisten Forscher hinter ihrer Arbeit. Sie schweigen in der Öffentlichkeit gerne, wenn es über rein fachliche Fragen oder Eigen-PR hinausgeht.

"Postfaktisch" erklärte die Gesellschaft für deutsche Sprache zum Wort des Jahres 2016. Lügen, also nichts anderes als verbaler Betrug, werden im neuen Amerika seit Januar 2017 Alternative Fakten (alternative facts) genannt. An den von besorgten Wissenschaftlern organisierten Märschen für die Wissenschaft gingen im Vorjahr auch in Deutschland viele Wissenschaftler auf die Straße, unter dem Motto: "Frag nach Beweisen". Doch gegen den alltäglichen Aberglauben, der gesellschaftlichen und umweltpolitischen Fortschritt bremst, erhebt sich zu wenig Widerstand.

Absurderweise muss Forschung heute gegen eine Diffamierung als Fake News ankämpfen

Das Jubeljahr 2017, fünfhundert Jahre nach Beginn der Reformation in Deutschland, diente nicht gerade der Erinnerung an die damit auch verbundene Aufklärung. Der Wissenschaftsjournalismus ist heute so wichtig wie vor einem halben Jahrhundert. Damit hat Wolf Singer recht. Denn längst ist der vor 500 Jahren aufgekommene Jubel des Humanisten Ulrich von Hutten: "Die Studien blühen, die Geister erwachen: es ist eine Lust zu leben" verflogen. Und dies, obgleich gerade in den letzten Jahren experimentelle Forschung so fantastische Erkenntnisse gebracht hat wie den Nachweis der vor hundert Jahren von Albert Einstein vorausgesagten Schwerkraftwellen. Absurderweise muss Forschung heute gegen eine Diffamierung ihrer "Studien" als Fake News ankämpfen.

Dabei haben die Forscher unter Schmerzen gelernt, saubere Statistiken anzufertigen und diese richtig zu lesen. Damit wurde auch manche Hoffnung zunichte. Der Krebs zum Beispiel wurde nicht besiegt. Die "parapsychologische" Forschung wurde als unwissenschaftlich identifiziert und weltweit eingestellt. Hochkomplexe Prozesse, wie die Entwicklung des Klimas, lassen sich dagegen seit einem halben Jahrhundert trotz der Fülle zufälliger Ereignisse tendenziell richtig deuten. Fake News sind ein Produkt der Propaganda, um die Wahrheit zu verschleiern. Auch das zu entlarven, ist heute Aufgabe eines kritischen Wissenschaftsjournalismus.

Seine Grenzen wurden im letzten halben Jahrhundert immer genauer erklärbar. Nicht nur ist die Sprache der Wissenschaft, insbesondere die Mathematik, schwer zu verstehen. Das menschliche Gehirn ist auch nicht in der Lage, sich wirklich vorzustellen, was über die von den Sinnesorganen erfassten Bilder hinausgeht. Deshalb kann man zwar von einem Urknall oder einem Multiversum sprechen, oder gar von Wurmlöchern, durch die Information aus schwarzen Löchern kriecht, ja sogar damit rechnen, aber sich kein angemessenes Bild davon machen.

Diese Grenzen erscheinen heute unüberschreitbar.

Der Autor hat die SZ-Wissenschaftsredaktion 1968 gegründet und bis zum Frühjahr 2002 geleitet.

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Quelle:
SZ vom 22.02.2018/fehu
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