Süddeutsche Zeitung

Menschheitsgeschichte:Konnten Neandertaler sprechen?

Eine Analyse des Gehörs zeigt, dass die Frühmenschen zumindest die physiologischen Voraussetzungen dafür hatten.

Von Peter Strigl

Schon lange vermuten Wissenschaftler, dass Neandertaler eine komplexe Sprache besessen haben. Darauf deuten neben kulturellen Artefakten das Zungenbein und das "Sprachgen" FOXP2 hin, das auch im Erbgut moderner Menschen zu finden ist.

Nun haben Wissenschaftler ein weiteres Puzzlestück geliefert, das die Sprachfähigkeit belegen soll. Eine internationale Studie rekonstruierte die Gehörgänge von fünf Neandertalern anhand virtueller 3-D-Technik. Dann testeten die Forscher die Hörfähigkeit des Modells mit einer Audio-Software. Das Ergebnis: Die Neandertaler hörten die Welt relativ ähnlich wie wir.

Entscheidend für Sprache ist unter anderem der Frequenzbereich, in dem das Gehör besonders sensibel ist. Nur so können feine Unterschiede wahrgenommen werden, die komplexe mündliche Kommunikation ermöglichen. Auch in puncto Bandbreite zeigte sich das Neandertaler-Ohr dem von Homo sapiens ähnlich. "Das ist wirklich der Schlüssel", sagt Studienleiterin Mercedes Conde-Valverde von der spanischen Universität Alcalá. Daraus ließe sich folgern, dass Neandertaler ein ähnlich effizientes Kommunikationssystem hatten wie moderne Menschen.

Eine entscheidende Rolle könnten dabei Konsonanten gespielt haben. Der Bereich, in dem die Neandertaler besonders genau gehört haben, erstreckt sich unter anderem auf die den Buchstaben entsprechenden Laute "t", "k", "f" und "s". Zwar gibt es auch Konsonanten mit anderen Frequenzen, die genannten sind aber besonders häufig in einem Großteil menschlicher Sprachen. Die Studienautoren argumentieren, dass erst Konsonanten unsere Lautäußerungen so anreichern können, dass sie sich von denen anderer Primaten unterscheiden.

Die Autoren folgern, dass die kulturellen Errungenschaften der Neandertaler mit ihrer Fähigkeit zu sprechen zusammenhängen. Katerina Harvati, Professorin für Paläoanthropologie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, wendet jedoch ein, dass die kulturellen Zeugnisse des Neandertalers deutlich bescheidener ausfallen als beim Homo sapiens: "Die Seltenheit symbolischer Objekte von Neandertalern spricht gegen eine menschenähnliche Sprache." Ihrer Ansicht nach haben unsere Verwandten zwar gesprochen, aber wahrscheinlich nicht so ausgeklügelt wie wir.

Das Aufkommen von Sprache in der Geschichte des Menschen und seiner Vorfahren ist äußerst schwer zu erforschen. Deswegen stützt sich die vorliegende Studie auf die "Hardware" - die Physiologie. Lange wurde die These vertreten, dass Sprache exklusiv dem Homo sapiens zukommt. Das will die Studie nun endgültig widerlegt haben.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5221585
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/nguy
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.