Süddeutsche Zeitung

Menschen, Tiere und Moral:Weniger Fleisch, mehr Mitgefühl

Menschen sind an den Fleischkonsum angepasst. Und Tiger haben auch kein Mitleid mit ihrer Beute. Wieso habe ich dann Gewissensbisse, wenn ich ein Schnitzel esse? Gerade weil ich ein Mensch bin. Und es ist besser, auf das Mitgefühl zu hören als auf den Gaumen. Ein biologistisches Plädoyer für den Fleischverzicht.

Von Markus C. Schulte von Drach

Ich bin kein Vegetarier. Gelegentlich verzehre ich Fleisch. Und ich rechtfertige es damit, dass die geringe Menge, die ich verbrauche, für den Klimawandel kaum eine Rolle spielt. Ich hoffe, dass das Fleisch, das ich esse, nicht dazu führt, dass andere Menschen hungern müssen. Schließlich werden mehrere Kilogramm pflanzliche Nahrung benötigt, um ein Kilogramm Fleisch zu produzieren - Nahrung, die mehr Menschen satt machen würde als ein totes Tier.

Ich hoffe, dass das Fleisch nicht aus der Massentierhaltung stammt, in der die Tiere leiden. Ich hoffe vielmehr, dass die Schweine, Rinder und Hühner, die für mich sterben mussten, artgerecht gehalten und ohne Schmerzen getötet wurden.

Aber sind diese Hoffnungen berechtigt, oder belüge ich mich selbst, um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen?

Menschen sind Allesfresser

Wieso aber habe ich überhaupt ein schlechtes Gewissen, weil Tiere auf meinem Speiseplan stehen? Schließlich sind wir Menschen biologisch gesehen Allesfresser. Unser Körper ist das Ergebnis einer Evolution, während der sich unsere Vorfahren daran angepasst haben, pflanzliche UND tierische Nahrung verwerten zu können. Wir sind Generalisten. Das hat dem Menschen ermöglicht, völlig verschiedene "ökologische Nischen" - von Grönland über den Dschungel bis hin zur Sahara - zu besiedeln. Die Fähigkeit, Fleisch nutzen können, gehört also ganz klar zum Menschen.

Andererseits - und das ist eben auch ein typisches Merkmal unserer Art - sind wir nicht zwingend auf Fleisch angewiesen. Das leben uns zum Beispiel Vegetarier, Veganer, Fruktarier, manche Buddhisten und Jainas vor. Und insbesondere der Lebensstil von Vegetariern in unserer Gesellschaft ist der Gesundheit vielleicht sogar förderlich. Zumindest gibt es Studien, die darauf hindeuten.

Wenn wir ehrlich sind, können wir kaum leugnen: Fleisch ist für uns heute vor allem ein Luxusartikel, der die Speisekarte derjenigen bereichert, die es sich leisten können. Mit zunehmendem Wohlstand wird mehr Fleisch konsumiert - das zeigen beispielsweise die Entwicklung in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg und die gegenwärtige Zunahme des Fleischverbrauchs in Schwellenländern wie China und Indien. Bei uns kommt Fleisch nicht mehr aus Notwendigkeit auf den Tisch. Wir essen es, weil es uns schmeckt und wir daran gewohnt sind.

Wir mögen also vielleicht von Natur aus Allesfresser sein. Aber damit können wir das Töten von Tieren nicht rechtfertigen.

Mitleidslose Natur

Einen Tiger kümmert es nicht, dass der Hirsch, den er schlägt, Schmerz und Verzweiflung spürt. Die Katze spielt gnadenlos mit der Maus, bevor sie sie tötet. Die Schlupfwespe interessiert sich nicht für das, was die Raupe fühlt, in die sie ihre Eier legt, und die von ihren Larven bei lebendigem Leibe von innen her aufgefressen wird. Die Natur, so sagt es der Evolutionsbiologe Richard Dawkins, "interessiert sich weder auf die eine noch auf die andere Weise für Leid, solange das Überleben der DNA nicht beeinträchtigt wird". Das heißt, nur wenn es für die Ahnen des Tigers von Vorteil gewesen wäre, auf Schmerzen der Beute Rücksicht zu nehmen, hätte sich bei ihnen eine Fähigkeit entwickelt, dies zu tun.

So voller "Elend" ist die Natur, schrieb Charles Darwin 1860, dass er an der Existenz eines wohlmeinenden Schöpfers zweifelte. Und wer sich nicht auf religiöse oder ideologische Quellen verlassen möchte, der sucht in der Natur tatsächlich vergeblich nach so etwas wie einer allgemein gültigen natürlichen Ethik oder Moral oder gar einem "Naturrecht". Vor diesem Hintergrund ist es erst einmal schwierig zu rechtfertigen, dass man jemandem, dem es nach Fleisch gelüstet, verbieten will, was jedem Raubtier zugestanden wird.

Unterschiedliche Rechte für verschiedene Arten?

Manche Menschen allerdings vertreten den Standpunkt, dass jedem Lebewesen grundsätzlich ein Recht auf Leben, und zwar auf ein möglichst leidensfreies Leben, zugesprochen werden muss. Genauso wie Menschen es für sich selbst auch in Anspruch nehmen. Und dem lässt sich grundsätzlich nicht widersprechen. Welches Recht haben Menschen, über die Rechte von Tieren überhaupt zu urteilen?

Auf philosophischer Ebene versuchen Tierethiker wie der Australier Peter Singer sich zwar an einer Abstufung: Sie unterscheiden mehr oder weniger gravierende Eingriffe und orientieren sich dabei an Eigenschaften wie der Fähigkeit, Schmerzen zu empfinden und daran, ob ein Lebewesen über ein Selbstbewusstsein verfügt. Letztlich bleibt es aber doch dabei, dass sich jeder Mensch auf den Standpunkt zurückziehen kann: Was der Tiger und die Schlupfwespe dürfen, darf ich auch.

Die Bedeutung des Mitgefühls

Die Angelegenheit lässt sich jedoch auch aus einem anderen, einem tiefer gehenden Blickwinkel betrachten. Einem Blickwinkel, über den sich auch die Frage beantwortet lässt, wieso wir überhaupt auf die Idee kommen, über Rechte von Tieren nachzudenken.

Tatsache ist, dass ganz viele Menschen es als grausam empfinden, wie mit Tieren umgegangen wird oder dass sie überhaupt geschlachtet werden. Und viele Menschen haben Mitleid mit dem gerissenen Hirsch und sogar der Raupe, in der die Larven einer Schlupfwespe parasitieren. Das gilt für Fleischesser genauso wie für Vegetarier. In vielen Ländern gibt es deshalb ja auch Tierschutzgesetze und Vorschriften für den Umgang mit Tieren in der Landwirtschaft.

Menschlich und unmenschlich

Mitgefühl und Mitleid sind offensichtlich etwas zutiefst Menschliches. Nur wenige Tiere wie Affen, Delphine, Hunde, Elefanten und Ratten zeigen Hinweise darauf, dass auch sie in der Lage sind, bis zu einem gewissen Grad nachzuvollziehen, wie es einem anderen Lebewesen gehen mag - und dass sie darauf reagieren. Bei solchen Tieren sind zugleich auch die ersten Ansätze von Moral zu beobachten, wie das etwa die Arbeiten des niederländischen Primatenforschers Frans de Waal zeigen. So helfen sich manche Tiere gegenseitig, und zeigen sogar einen Sinn für Ungerechtigkeit und Fairness.

Aber bei keinem Tier ist diese Fähigkeit, mitzufühlen so stark ausgeprägt wie beim Menschen. Das Verständnis dafür, dass nicht nur wir selbst leiden, sondern andere ebenfalls, und dass wir zu einem gewissen Grad sogar mitleiden, führt zu dem Bedürfnis, das fremde und damit auch das eigene Leid zu lindern. Genau betrachtet ist Hilfsbereitschaft nicht selbstlos, sondern hat auch positive Effekte für den Helfer selbst: Verhaltensforscher gehen davon aus, dass hier ein sogenannter reziproker Altruismus wirkt. Menschen neigen dazu, dem Motto "Wie du mir, so ich dir" zu folgen: Gutes wird mit Gutem vergolten und Schlechtes mit Schlechtem.

Das wirkt sich auf die gesamte Gesellschaft aus: Wohltaten werden eher belohnt, Selbstsucht eher sanktioniert. Ausgehend von dieser sogenannten "Tit-for-Tat"-Strategie des einzelnen Individuums entwickelt sich eine Gesellschaft, aus der die meisten mehr Vorteile ziehen können und sich wohler und sicherer fühlen als in einer Gruppe von Egoisten oder Psychopathen (also Menschen ohne Empathie). Und das Vermögen, sich in andere hineinzuversetzen, hilft Verständnis für sie entwickeln, Angst und Ablehnung abzubauen und so Konflikte zu vermeiden oder zu beenden

Empathie ist variabel

Die Fähigkeit zur Empathie hat sich während der Entwicklungsgeschichte also als Selektionsvorteil erwiesen. Doch sie kann sich individuell verschieden stark entwickeln. Ganz von selbst wird aus einem neugeborenen Kind jedenfalls kein Wesen voller Mitgefühl für Menschen und Tiere. In vielen Kulturen und unterschiedlichen Religionen wird dem Nachwuchs deshalb beigebracht, Menschen - zumindest jene in der eigenen Gruppe - zu achten. Das spiegelt sich zum Beispiel im Judentum und Christentum im Gebot der Nächstenliebe wider.

Wie weit die gegenseitige Unterstützung in einer Gesellschaft und von Menschen weltweit tatsächlich geht, hängt jedoch von den Umständen ab - zum Beispiel davon, durch welche Interessen Individuen und Gruppen jeweils motiviert sind. So lässt sich bei gewaltsamen Konflikten das Mitgefühl für Angehörige einer gegnerischen Gruppe dämpfen. Sie werden als Aggressoren verteufelt und entmenschlicht. Diese Strategie prägt die Kriegspropaganda bis in die Gegenwart.

Die Ausprägung unserer Empathie ist also variabel, sie lässt sich fördern und bremsen. Und das gilt auch für unser Mitgefühl für Tiere. So wird in vielen Kulturen gelehrt, Tiere nicht grausam zu behandeln: Quäle nie ein Tier, es spürt den Schmerz wie wir, heißt es sinngemäß. Das fördert die Empathie. Und wie notwendig solche Lehren sind, zeigt zum Beispiel die Entwicklung in Europa: So wurden unsere Mit-Lebewesen dort bis in die Neuzeit hinein als Sachen betrachtet, von manchen Wissenschaftlern sogar als seelenlose Automaten (René Descartes), die man getrost bei lebendigem Leibe sezieren durfte. Mit diesen Vorstellungen begannen erst Philosophen wie Voltaire und Denis Diderot in Frankreich, Jeremy Bentham in Großbritannien und später in Deutschland Arthur Schopenhauer aufzuräumen.

Wir brauchen Empathie - Fleisch brauchen wir nicht

Nach allem was wir inzwischen wissen, können wir davon ausgehen: Von Empathie kann eine Gesellschaft, in der sich alle ein möglichst sicheres und gutes Leben wünschen, gar nicht genug haben. Es gilt deshalb, sie zu fördern. Auf Fleisch dagegen können wir getrost verzichten.

Zwar kann man nicht sagen, dass alle Fleischkonsumenten unsensible Tierquäler sind oder weniger Empathie aufweisen als etwa Vegetarier. Von denen verzichten viele schließlich aus gesundheitlichen Gründen auf Fleisch.

Aber eine Entscheidung, aus Mitgefühl bewusst auf Fleischkonsum zu verzichten, könnte vielleicht das Mitgefühl in unserer Gesellschaft insgesamt stärken. Vielleicht, so meine Hoffnung, führt ein Mehr an Mitgefühl und Respekt vor Tieren zu einer ingesamt größeren Bereischaft, sich auch in andere Menschen zu versetzen. Und wir können unseren Kindern Mitgefühl mit Tieren beibringen, wenn wir es ihnen vorleben - eben indem wir darauf verzichten, so grausam zu sein, Tiere ohne Not zu töten, nur zur Bereicherung des Speiseplans. Ein solches Vorbild kann jeder sein - mit oder ohne Kinder.

Kant als Zeuge

Diese Hoffnung ist nicht naiv oder romantisch. Sie speist sich aus rein soziobiologischen, manche würden sagen: biologistischen Argumenten. Auch Immanuel Kant, der große Philosoph der Aufklärung, empfahl 1797 in seiner "Metaphysik der Sitten" die "Enthaltung von gewaltsamer und zugleich grausamer Behandlung der Tiere". Denn durch Tierquälerei würde das "Mitgefühl an ihrem Leiden im Menschen abgestumpft". Und so könnte eine "der Moralität, im Verhältnisse zu anderen Menschen, sehr diensame natürliche Anlage geschwächt und nach und nach ausgetilgt" werden.

Kant befürchtete also, dass Menschen, die nicht davon abgehalten werden, Tiere grausam zu behandeln, ihr Mitgefühl nach und nach auch gegenüber ihren Mitmenschen verlieren.

Dann ist es genauso gerechtfertigt, anzunehmen: Mit der Förderung des Mitgefühls für Tiere könnte diese "Moralität" gestärkt werden.

Je mehr ich über das Thema nachdenke, und umso mehr mir die Bedeutung der Empathie klar wird, umso mehr quält mich mein Gewissen und das Gefühl, verantwortungslos zu handeln, wenn ich ohne Not Tiere verzehre. Ich werde jedenfalls in Zukunft noch weit konsequenter auf Fleisch verzichten.

Ach ja, übrigens: Die Tatsache, dass auch auf jedem Acker Insekten und Kleinsäuger sterben, weil wir pflanzliche Nahrung brauchen, rechtfertigt den Vorwurf nicht, Vegetarier oder Veganer seien auch Mörder. Menschen müssen essen, das ist eine Notwendigkeit. Wenn sich dabei der Tod von Tieren nicht vermeiden lässt, dann ist das kein Mord. Wer aus Mitgefühl auf Fleisch verzichtet, bedauert wohl auch den Tod von leidensfähigen Tieren.

Außerdem sind Fleischprodukte, aber auch Milch und Eier das Ergebnis einer Umwandlung von pflanzlichem in tierisches Material. Dabei gehen große Mengen von Kalorien verloren. Für eine tierische Kalorie werden - je nach Tierart und Berechnungsform - vier bis 21 pflanzliche Kalorien benötigt. Das bedeutet: Um die Menschen mit der gleichen Energie zu versorgen, wird für Fleisch, Milch und Eier mehr Anbaufläche gebraucht als wenn dort Pflanzen direkt für den menschlichen Verbrauch angebaut würden. Natürlich gibt es globale Verteilungsprobleme. Und manche Weiden taugen nicht zum Acker, so dass dort nur über Tiere Nahrung produziert werden kann. Trotzdem verstärkt die gigantische Produktion von Fleisch, Milch und Eiern sicher das globale Hunger- und Trinkwasserproblem - insbesondere angesichts der wachsenden Weltbevölkerung -, und belastet die Umwelt.

So erklärte 2009 Olivier de Schutter, Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen zum Recht auf Nahrung: "Wenn wir den Fleischkonsum in den reichen Ländern reduzieren, ihn weltweit bis 2050 auf einem Pro-Kopf-Verbrauch auf dem Niveau von 2000 festschreiben - also auf jährliche 37,4 kg/Kopf - dann könnten ungefähr 400 Millionen Tonnen Getreide für die menschliche Ernährung freisetzt werden. Das ist genug um 1,2 Milliarden Menschen mit ausreichend Kalorien zu versorgen".

Die Konsequenz daraus muss sein, Änderungen in der Landwirtschaft zu fordern. Aber nicht, wie es in manchen Internetforen geschieht, Vegetariern Esoterik vorzuwerfen und schlicht das Verzehren von Weidetieren zu empfehlen.

Ähnliches wie für Schlachtvieh gilt auch für Tiere in Versuchslabors. Wenn wir sie verbrauchen, um menschliches Leiden zu verringern, dann kann das gerechtfertigt sein. Nur sollten wir auch hier die Notwendigkeit des "Konsums" mitfühlend abwägen und Tierversuche nur dort zulassen, wo sie unbedingt sein müssen.

(Nach dem Verfassen des Textes hat der Autor beschlossen, in Zukunft auf Fleischkonsum völlig zu verzichten.)

(In einer ersten Fassung des Textes war Olivier De Schutter mit der Zahl von 400 Millionen Kilogramm Getreide zitiert worden. Es muss allerdings Tonnen heißen.)

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