Süddeutsche Zeitung

Gesundheit:Der Kampf gegen die Superkeime

Berlin will strengere Hygienevorschriften für Krankenhäuser verabschieden. Denn in deutschen Hospitälern grassiert eine Seuche.

Nina von Hardenberg

Der Klinikaufenthalt in Holland beginnt für die kleine Patientin aus Deutschland trostlos. Ärzte und Pfleger haben für sie in den ersten Tagen kein Lächeln übrig. Sie verbergen den Mund bei der Visite hinter einer Schutzmaske. Jede Berührung ist durch das Plastik der Gummihandschuhe gedämpft. Selbst die Eltern müssen sich komplett vermummen, wenn sie die Tochter besuchen wollen. Das Mädchen ist eine Art Aussätzige. "Eine unerträgliche Situation", findet der deutsche Arzt Alex Friedrich, der als Mikrobiologe und Hygieniker am Klinikum Groningen in Holland arbeitet.

Die Isolation sei gerade für Kinder unzumutbar. Und doch weiß er, dass sie nötig ist. Denn jeder, der aus einem deutschen Krankenhaus verlegt wird, ist für die Holländer ein Hygiene-Risiko. Zu viele Deutsche tragen Bakterien in sich, gegen die kaum noch ein Antibiotikum hilft und die man in den Niederlanden so erfolgreich zurückgedrängt hat.

In deutschen Krankenhäusern geht eine Seuche um. Mit den klassischen Ansteckungskrankheiten wie Tuberkulose oder Masern hat sie nichts zu tun, und vielleicht hat man sie deshalb so lange unterschätzt. Die Gefahr lauert hinter an sich harmlosen Hautbakterien mit bunten Namen wie Staphylokokken oder Escherichia coli, die bei vielen Menschen in der Nase oder im Darm vorkommen und nur in Wunden zu Infektionen führen können.

Einfache Wundinfektionen können tödlich sein

Dass diese Bakterien durch falschen Einsatz von Antibiotika Abwehrmechanismen entwickeln würden und somit als antibiotikaresistente Erreger (MRSA, MRE) zum größten Infektionsproblem der modernen Medizin werden würden, wollte lange niemand glauben. Und doch ist es so. Etwa 20 Prozent der Staphylokokken in Deutschland reagieren auf kaum ein Antibiotikum mehr. Einfache Wundinfektionen können so lebensgefährlich werden.

Selbst die Bundesregierung hat inzwischen das Risiko erkannt. Kommende Woche will das Kabinett deshalb ein Gesetz für strengere Hygiene-Regeln an Krankenhäusern auf den Weg bringen. Das Ziel ist klar: Deutschland muss schaffen, was in Holland Realität ist.

Der Mikrobiologe Friedrich arbeitet dort, wo die Welt der Bakterien noch unter Kontrolle ist. Vor wenigen Wochen ist er von Münster an die Universität Groningen in Holland gewechselt und befindet sich damit quasi auf MRSA-freiem Boden. Friedrich leitet das grenzübergreifende Krankenhausprojekt EurSafety Health-net, in dem die Deutschen vom Hygiene-Musterland Holland lernen sollen. In den Niederlanden sind weniger als drei Prozent der Krankenhaus-Keime resistent. Friedrichs Büro ist noch karg eingerichtet, ordentlich und sauber, wie es zu einem Hygiene-Experten passt. Statt Keksen erwartet den Besucher eine Schüssel mit kleinen Desinfektionsmitteln auf dem Tisch.

Hygiene ist so etwas wie Friedrichs Lebensthema. Schon als junger Arzt musste er während seiner Ausbildung in europäischen Nachbarländern und in Bayern mit ansehen, wie sich die resistenten Erreger immer weiter ausbreiteten. Wie Patienten an Blutvergiftungen starben oder wie ihnen Beine amputiert werden mussten, weil die Ärzte die Infektionen nicht in den Griff bekamen.

Von fünf auf 20 Prozent schoss die Zahl der resistenten Keime in den 90er Jahren in Bayern, "weil fast niemand im Kampf dagegen mitzog", sagt Friedrich. Wenn er jetzt über bessere Hygiene spricht, redet er schnell, als müsse er diese verlorenen Jahre wieder einholen. Doch es wird klar: Allein mit ein bisschen mehr Händewaschen lässt sich das Problem nicht lösen. Das aber denken immer noch viele in Deutschland.

Das neue Gesetz soll die Krankenhäuser zwingen, sich an anerkannte Hygienestandards zu halten. Dazu gehört, dass Häuser mit mehr als 400 Betten einen Krankenhaushygieniker einstellen. Er muss Ärzten und Pflegern klarmachen, dass sie selbst die größte Gefahr für die Patienten sind. Denn diese Keime wandern nicht über die Luft und nur selten über Türklinken, sondern vor allem über ihre Hände von Patient zu Patient. Es gibt aber auch strukturelle Probleme, die selbst ein Hygieniker nicht lösen kann. Eines davon ist der Personalmangel.

Drei Patienten betreut eine Pflegekraft auf einer deutschen Intensivstation im Schnitt. Wenn sie sich bei jedem Wechsel zwischen den Patienten die Hände desinfizieren würde, müsste sie sich 60 bis 150 Mal am Tag die Finger einreiben. "30 Sekunden lang mit 70-prozentiger Ethanollösung", präzisiert Friedrich. "Irgendwann tut das aber weh." Am Uniklinikum Münster, Friedrichs altem Arbeitsplatz, hat man nachgezählt: "Mehr als 40 Mal ist unrealistisch", weiß der Hygieniker. Wenn aber Hände nicht öfter desinfiziert werden können, muss es mehr Hände geben, fordert er. In Holland gibt es auf Intensivstationen fast eine Eins-zu-Eins-Betreuung. Das ist einer der Gründe des holländischen Erfolgs.

Jede Klinik kann viel tun

Ein anderer ist - so paradox das klingt - die geringe Zahl an Krankenhäusern. Deutschland hat laut Zahlen der OECD pro tausend Einwohner etwa doppelt so viele Krankenhausbetten wie Holland. Die Deutschen sind nicht kränker, aber sie gehen öfter zum Arzt. Was für die Patienten ein guter Service sein kann, ist aus Sicht des Hygienikers vor allem ein Risiko. Denn im Krankenhaus ist die Gefahr der Ansteckung besonders hoch.

Das sind die Fakten. Friedrich kennt sie alle auswendig. 137 Vorträge hat er im vergangenen Jahr gehalten, weil er immer noch daran glaubt, dass Ärzte und Patienten ihr Verhalten ändern, wenn sie die Zusammenhänge verstehen. Und wenn sich die Zahl der Kliniken auch nicht einfach reduzieren lässt, so kann doch jeder Arzt und jede Klinik viel tun.

Um das zu belegen, führt Friedrich den Gast in ein Isolationszimmer des Klinikums. Insgesamt 130 gibt es davon in Groningen mit seinen knapp 1400 Betten. In deutschen Krankenhäusern sind sie bislang eher die Ausnahme. Die kleinen Zimmer lassen sich nur durch eine Schleuse betreten. Zwischen zwei Türen liegen frische Kittel, Plastikhandschuhe und Mundschutz bereit.

Patienten aus deutschen Krankenhäusern sehen vom Klinikum in den ersten zwei Tagen oft nur diese Zimmer, bis ein Test gezeigt hat, dass sie keimfrei sind. So lässt sich das Risiko kontrollieren. Auch die Deutschen kennen ihre Risikopatienten. So tragen etwa Bewohner von Altersheimen besonders oft resistente Keime auf der Haut. Doch vorsorgliche Isolation ist längst nicht überall üblich.

"Jetzt übertreiben Sie nicht, da passiert schon nichts", solche Sätze hat Friedrich immer wieder gehört, wenn er in Deutschland die Kollegen aufforderte, ihre Patienten vorsorglich auf MRSA zu testen. Eine Einstellung, die er für unverantwortlich hält. Denn bei einer Operation besteht für MRSA-Träger ein 25 Prozent höheres Komplikationsrisiko.

Die Krankenhäuser wollen das oft nicht so genau wissen, glaubt Friedrich. Denn wer hinschaut, findet auch mehr Keime. Deren Behandlung kostet die Klinik aber bis zu 3000 Euro - Geld das die Krankenkassen nur zum Teil refinanzieren. Dass eine Operation, bei der es zu einer MRSA-Infektion kommt, ein Haus bis zu 20.000 Euro mehr kostet, wird dabei oft nicht bedacht. "Die Patienten müssen deshalb den Test selbst fordern", sagt Friedrich.

"Search and destroy" - Suche und zerstöre, nennen die Hygieniker die systematische Ausmerzung von gefährlichen Keimen, wie sie in Holland praktiziert wird, etwas martialisch. Dazu gehören nicht nur die Screenings, sondern auch gezielte Laboruntersuchungen.

Im Erdgeschoss des Klinikums Groningen spuckt eine Röhre im Sekundentakt Krankheitserreger aus. Hier endet eine Art Rohrpost, in die Ärzte aus dem ganzen Haus Plastikdosen mit Proben aus Wunden, Urin oder Blut stecken und ins Labor schicken. An langen Tischen sitzen Assistenten und analysieren die darin enthaltenen Bakterien. Sie lassen sie erst auf bunten Nährlösungen wachsen und geben dann verschiedene Antibiotika dazu. Wirkt ein Mittel, so sterben die Bakterien rund um die Tablette ab.

Hygieneproblem behindert grenzüberschreitende Zusammenarbeit

Die Ärzte bekommen Rückmeldung und können so das exakt richtige Antibiotikum geben. Das aber trägt wesentlich dazu bei, dass weniger Resistenzen entstehen. Auch an großen deutschen Kliniken sind die Labortests üblich. Vor allem niedergelassene Ärzte greifen dagegen vielfach zu schnell zu einem Breitbandantibiotikum, statt das exakt richtige Medikament ermitteln zu lassen.

Patienten aus dem Weser-Emsland kommen gerne nach Groningen. Es ist für sie das nächste Unikrankenhaus. Das Klinikum Oldenburg etwa schickt Kinder mit angeborenen Herzfehlern, weil sie diese selbst nicht operieren können. Umgekehrt sind deutsche Kliniken aber auch für Holländer attraktiv, weil es da anders als in ihrer Heimat auch für geplante Eingriffe keine Wartezeiten gibt. Doch das Hygiene-Problem behindert die grenzüberschreitende Zusammenarbeit.

Die Isolation ist für die holländischen Kliniken teuer, für die Deutschen ist sie ein abschreckender Empfang. Im Grenzgebiet haben die Deutschen darum jetzt selbst angefangen, Patienten stärker auf Keime zu testen. Kliniken, die Risikopatienten untersuchen und noch weitere Hygieneregeln einhalten, können ein Siegel erwerben. Ihre Patienten müssen dann auch in Holland nicht mehr in Isolationshaft. Es ist ein erster kleiner Erfolg.

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Quelle:
SZ vom 12.03.2011/mob
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