Süddeutsche Zeitung

Evolution des Menschen:Der lange Abstieg zum aufrechten Gang

Neue Knochenfunde aus Äthiopien deuten nicht nur auf eine bislang unbekannte Vormenschenart hin, die vor 3,4 Millionen Jahren in Afrika lebte. Sie zeigen auch, dass unsere Ahnen sich viel Zeit nahmen, bis sie die Bäume verließen.

Als Stephanie Melillo aus dem ockerfarbenen Sandstein in der Nähe des Mille-Flusses in Äthiopien ein Stück eines menschlichen Mittelfußknochens kratzt, ahnt sie nicht, dass sie ein wichtiges Puzzleteil gefunden hat, mit dem sich die Geschichte der Menschheit besser verstehen lässt.

Es sind winzige Bruchstücke, das längste knapp sieben Zentimeter lang. Nur insgesamt acht menschliche Fußknochen holt die Gruppe um den äthiopischen Forscher Yohannes Haile-Selassie aus dem Boden, zerbrechliche Zeugen einer Zeit, in der sich entschied, wie wir Menschen einst laufen würden.

Alle gefundenen Knochenstücke gehören zu einem einzigen Fuß, berichten die Forscher (Nature, Bd. 483, S. 565, 2012): zum rechten Fuß eines Vormenschen, der vor 3,4 Millionen Jahren in der Nähe des Mille-Flusses gelebt hat.

Die Fußknochen verraten viel über die Entstehung des aufrechten Gangs, den Forscher als ersten wichtigen Schritt in der Evolution hin zum Menschen einstufen. Möglicherweise sind es auch erste Hinweise auf eine noch unbekannte Vormenschen-Art. Diese Wesen konnten sowohl auf dem Boden gehen wie sich geschickt in Bäumen bewegen. Sie sind der erste Beleg dafür, dass es in der menschlichen Entwicklung Phasen gab, in der verschiedene Modelle des aufrechten Gangs miteinander konkurrierten, bis die Evolution sich auf unseren heutigen Gang festlegte.

Die berühmte Lucy, die zeitgleich in der Region lebte und schon so ähnlich ging wie wir heute, war also nicht allein.

Die karge, staubig-heiße Region nordöstlich der Hauptstadt Addis Abeba ist reich an fossilen Schätzen. Zwei der am besten erhaltenen Skelette der frühen Menschheitsgeschichte sind im Afar-Dreieck gefunden worden, neben der 3,2 Millionen Jahre alten Lucy auch die 4,4 Millionen Jahre alte Ardi, beides weibliche Wesen.

Greifen und gehen

Seit die Forscher auch Daten der Raumfähre Challenger auswerten, die 1984 Äthiopien überflog, kommen neue Fundstellen wie die von Worenso-Mille hinzu. Millionen Jahre lang waren die Fossilien von Schichten vulkanischen Gesteins bedeckt und geschützt, jetzt kommen sie aufgrund von Bodenbewegungen und Erosionen an manchen Stellen ans Tageslicht.

Die acht Fußknöchelchen von Woranso-Mille hat das Team um Yohannes Haile-Selassie akribisch vermessen. Der große Zeh ist eher kurz und anders als beim Menschen abgespreizt. Zusammen mit dem zweiten Zeh konnte der Vormensch damit gut greifen und klettern. Gleichzeitig zeigt der Fuß schon Merkmale des aufrechten Gangs, so konnte das Wesen seine Zehen überstrecken und sich daher besser aus dem Stand abdrücken. Der Fuß erinnere trotzdem mehr an den eines Gorillas, sagt Haile-Selassie.

Menschliche Füße unterscheiden sich deutlich von denen der Affen. Die Zehen zeigen zum Beispiel alle in eine Richtung, die von Affen nicht. Schimpansen und Gorillas können zwar prinzipiell auch auf zwei Beinen laufen, ihr Gewicht lastet aber seitlich auf den Außenseiten der Füße. Menschen haben eine relativ große, stabile Ferse und ein gut entwickeltes Fußgewölbe. Dieses verlagert das Körpergewicht nach innen Richtung Basis des großen Zehs und hilft so dabei, beim Gehen den Körper nach vorne und oben abzustoßen.

Viele dieser modernen Eigenschaften zeigen bereits die Füße von Lucy von der Gattung Australopithecus afarensis. Sie konnte sich schon dauerhaft mit einer Geschwindigkeit von 1,3 Meter pro Sekunde aufrecht am Boden bewegen. Bei dem Wesen, dessen Fußknochen nun aufgetaucht sind, war das noch nicht der Fall. Die Funde erinnern eher an den Fuß von Vormenschen der Gattung Ardipithecus ramidus, zu denen Ardi gehört. Sie waren vorwiegend Baumbewohner.

Dies zeige, dass es vor 3,4 Millionen Jahren mehr als eine Menschenart gab, schreiben die Autoren in Nature. Zudem müsse sich eine Menschenart mit der speziellen Anpassung des Bewegungsapparats von Ardipithecus ramidus hartnäckig gehalten haben, mindestens eine Million Jahre lang.

Offenbar war die Anpassung an eine Welt zwischen Bäumen und Boden lange Zeit von Vorteil. "Menschliche Evolution wird oft als Triumph des aufrechten Gangs dargestellt", schreibt der Humanbiologe Daniel Lieberman von der Universität Harvard. "Aber wer von uns hat nicht schon manchmal bedauert, wie vergleichsweise tollpatschig wir uns in Bäumen fortbewegen?"

Warum überhaupt die Bäume verlassen?

Lange überlegen Forscher schon, warum unsere Vorfahren überhaupt die Bäume verlassen und aufrecht zu gehen gelernt haben. Das Konzept des aufrechten Gangs kostete sie zunächst einmal viel Energie, außerdem waren sie am Boden deutlich langsamer. Mittlerweile vermuten viele Forscher, dass es vor rund sieben bis acht Millionen Jahren, als sich klimabedingt die Regenwälder zurückzogen und erstmals Jahreszeiten entstanden, darum ging, neue Nahrungsquellen zu erschließen.

Nahrung aus flachen Seen und Flüssen habe damals das Angebot ergänzt, dafür musste der Mensch lernen, aufrecht im Wasser zu waten, sagt der Berliner Evolutionsbiologe Carsten Niemitz. Der aufrechte Gang ist demnach in den Uferzonen von Gewässern entstanden, die meiste Zeit lebten die Vormenschen aber noch in den Galeriewäldern nahe dem Ufer.

Auch in Worenso-Mille haben die Forscher die Lebenswelt untersucht, auch hier gab es Flüsse und Galeriewälder und im Hinterland ausgedehnte Graslandschaften und trockenes Waldland. In den wasserreichen Gebieten des Mille-Flusses lebten zahlreiche Fische, Krokodile und Flusspferde, im Hinterland vor allem Antilopen, Gazellen, Gnus und größere Säugetiere wie Elefanten.

Es war offenbar eine Region, die anfangs für beide Arten der aufrechten Fortbewegung Raum ließ. Vielleicht entschied sich der Wettstreit zwischen den beiden Modellen erst, als die Vormenschen lernten, Werkzeuge zu nutzen und damit Fleisch aus Tierkadavern herauszutrennen. Damit waren sie endgültig am Boden angekommen.

Die ersten Werkzeuge tauchten 30 Kilometer von dem Ort entfernt auf, wo Stephanie Melillo nun die Fußknochen gefunden hat. Es sind die Steinwerkzeuge von Gona, 2,6 Millionen Jahre alt. Mit ihnen hatte ein weiteres Kapitel der Menschheitsgeschichte begonnen.

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SZ vom 29.03.2012/mcs
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