Süddeutsche Zeitung

Forschung:Nuhr ein Scherz?

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft wirbt zu ihrem 100-jährigen Bestehen für die Wissenschaft - leider auch mit dem Komiker Dieter Nuhr.

Kommentar von Felix Hütten

Ein ordentlicher viraler Hit auf Twitter und anderen sozialen Netzwerken ist oft was Feines, Likes und Shares garantieren Aufmerksamkeit - und die will man schließlich haben, wenn es darum geht, seine Botschaft unter die Leute zu bringen. Das hat sich wohl auch eine der bedeutendsten Organisationen zur Förderung der Wissenschaft, die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gedacht. Sie trommelt derzeit im Internet ordentlich anlässlich ihres 100. Geburtstags, herzlichen Glückwunsch an dieser Stelle. Mit der Kampagne "DFG2020 - Für das Wissen entscheiden" möchte sie "ihre Überzeugung für eine freie und erkenntnisgeleitete Forschung in die Gesellschaft tragen", heißt es.

Derzeit aber tragen viele Menschen ihren Ärger an die DFG heran, mit dem Twitter-Hit hat es jedenfalls nicht so ganz geklappt. Denn: Eines der Gesichter der Kampagne ist der Kabarettist Dieter Nuhr. Er behandelt auf der Bühne gerne mal Themen aus der Wissenschaft, nur, nun ja, vielleicht nicht ganz "erkenntnisgeleitet". So lässt er sich gerne über die Maskenpflicht aus, unterstellt Bundeskanzlerin Angela Merkel, sie sei dem Virologen Christian Drosten verfallen, und insinuiert, dass Aktivistin Greta Thunberg mit ihren Forderungen nach mehr Klimaschutz den Hungertod von Millionen Menschen in Kauf nehme. Das Publikum findet's lustig, haha.

Nicht Greta Thunberg, sondern der Klimawandel bedroht Millionen Menschen

Das alles ist selbstverständlich von Kunst- und Meinungsfreiheit gedeckt. Nur ein Problem gibt es doch: Nuhrs Thesen sind, Moment, kurz nachdenken, ah, genau, ausgerechnet von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ausführlich widerlegt. Nicht Greta Thunberg etwa, sondern der Klimawandel bedroht schon heute die Nahrungsmittelversorgung von Millionen Menschen. Das Problem heißt nicht Bio-Landwirtschaft, sondern Dürre und Artensterben. Und dass die Bundesregierung in einer bislang nie da gewesenen Virus-Pandemie einen Wissenschaftler zurate zieht, der zu den weltweit etabliertesten Sars-Experten zählt, nun ja, was soll man sagen? Hauptsache, die Pointe knallt.

Dass ausgerechnet jemand, der Klima- und Coronaverharmlosern ordentlich Munition liefert, als Botschafter für die DFG den Wert von Spitzenforschung betonen soll, wirkt grotesk. Auf Twitter wird die Organisation im Moment daher auch heftig beschossen, Kritiker posten zahlreiche Videoausschnitte von Nuhrs Bühnenshows, um zu zeigen, wie es um sein Wissenschaftsverständnis tatsächlich steht. In seinem Statement für die DFG sagt Nuhr, Wissen bedeute nicht, dass man sich zu 100 Prozent sicher ist, sondern dass man über genügend Fakten verfügt, um eine begründete Meinung zu haben. Das stimmt. Deshalb hat die DFG den Beitrag nun von ihrer Kampagnenwebsite entfernt. Man nehme, heißt es, die Kritik ernst.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4985617
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.