Süddeutsche Zeitung

Krankenhäuser:Bald sind die Intensivstationen voll

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Es ist eine simple Rechnung. Jeden Tag kommen aktuell etwa 80 Corona-Patienten mehr auf die Intensivstationen. Lange wird es also nicht mehr dauern, bis diese überlastet sind. Und dann?

Von Hanno Charisius

Am Montag waren noch gut 3000 Betten auf Intensivstationen in Deutschland frei. Mehr als 2500 Menschen mussten wegen Covid-19 intensivmedizinisch betreut werden. Im Wochenschnitt werden aktuell etwa 200 Covid-Patientinnen und -Patienten täglich in Intensivstationen aufgenommen, ungefähr 120 werden entlassen. So wuchs Anfang November die Zahl der Intensivpatienten im Schnitt jeden Tag um etwa 80 - mit einer steigenden Tendenz. Grob überschlagen wird es also nur noch etwas mehr als einen Monat dauern, bis flächendeckend die Intensivstationen überfüllt sind.

Der Mathematiker Andreas Schuppert von der RWTH Aachen hat zusammen mit dem Intensivmediziner und Leiter des Intensivregisters Divi, Christian Karagiannidis, berechnet, wie die Auslastung der Intensivstationen in den kommenden Wochen aussehen könnte. Ihre Modellrechnung geht im günstigsten Fall von 3500 Covid-Intensivpatienten aus. Dazu müsste jedoch das Infektionsgeschehen schlagartig gebremst werden. Der R-Wert, der angibt, an wie viele Menschen eine infizierte Person das Virus im Durchschnitt weitergibt, müsste auf einen Wert von eins oder weniger sinken. Seit Anfang Oktober liegt diese Maßzahl für die Infektionsdynamik darüber. Die Wocheninzidenz dürfte nicht über 250 gemeldete Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner steigen. Am zurückliegenden Wochenende hat dieser Wert bereits die 200 erreicht.

Die Modellrechnung von Schuppert und Karagiannidis zeigt, dass insgesamt fast 6000 Intensivbetten nur für Covid-Patienten notwendig wären, wenn der R-Wert erst bei einer Inzidenz von 400 auf eins oder darunter sinkt. Eine starke Grippewelle, die zusätzlich Intensivbehandlungen nötig machen würde, ist in diese Rechnungen noch nicht eingeschlossen.

Hinzu kommt, dass die Belastung der Intensivstationen regional sehr unterschiedlich ausfällt. In mehr als 80 Landkreisen sind nur noch zehn Prozent der Intensivbetten frei. Abgesehen von Bremen, Hamburg und Berlin hat Bayern aktuell die höchste Auslastung. Dort sind im Schnitt lediglich 10,4 Prozent der Intensivbetten frei, berichtet das Intensivregister. Gut 20 Prozent der Intensivbetten werden in Bayern von Corona-Patienten belegt.

Dass die Situation regional sehr verschieden ausfällt, hängt vor allem mit den unterschiedlichen Impfquoten zusammen. Allerdings stehen in der vierten Welle insgesamt auch weniger Intensivbetten zur Verfügung als noch vor einem Jahr. Gut 5000 verfügbare Betten gingen laut Intensivregister innerhalb eines Jahres verloren. Die Betten sind zwar noch da, doch es fehlt an Personal, um Patienten darin angemessen zu betreuen.

Deshalb stoßen viele Kliniken derzeit bereits an ihre Belastungsgrenzen. Obwohl es damals keine Impfungen gab, war die Situation vor zwölf Monaten weit weniger angespannt. Anfang November 2020 konnten noch mehr als 1000 der etwa 1600 Intensivstationen in Deutschland ihren regulären Betrieb aufrechterhalten, mussten also keine Operationen verschieben oder neue Patienten in andere Krankenhäuser umverteilen. Aktuell melden mehr als 600 Kliniken eingeschränkten Betrieb ihrer Intensivstationen, mehr als 300 haben den Betrieb "teilweise eingeschränkt".

Nicht die Zahl der Patienten allein ist ausschlaggebend

Es ist nicht die Zahl der Patienten allein, die zur Überfüllung der Intensivstationen führt. Auch ihr Durchschnittsalter ist gesunken, weil vor allem unter den Jüngeren viele ungeimpft sind. Jüngere sterben zwar seltener an dem Virus als Hochbetagte, doch ringen sie auf der Intensivstation länger mit ihm. Das führt dazu, dass sie wesentlich länger dort liegen müssen. Für das Personal und die Bettenkapazitäten ist die absolute Zahl der Patienten während einer Infektionswelle nicht ausschlaggebend, sondern allein wie viele Patienten aktuell betreut werden müssen. Als Grund für den Personalmangel geben die Kliniken Überlastung an. Viele Pflegekräfte sind nach 18 Monaten Pandemie ausgebrannt und frustriert und haben gekündigt. Dies zeichnete sich bereits im vergangenen Winter ab. Versäumt wurde jedoch, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. So kommt es, dass aus einer durch die Impfungen eigentlich günstigeren Ausgangslage heraus eine Situation entstehen konnte, die bald ähnlich verzweifelt ist wie vor einem Jahr.

Wenn sich an der Lage der Krankenhäuser nichts ändert, kann die totale Überlastung fortan der Normalzustand werden. Das Winterhalbjahr ist auch ohne Corona immer besonders anstrengend für das Pflegepersonal gewesen. Durch Influenza-Viren werden jedes Jahr viele Tausend Krankenhausbehandlungen notwendig. Im vergangenen Jahr blieb dies wegen der Schutzmaßnahmen aus.

Schuppert und Karagiannidis zeigen daher in ihrem Bericht auch Szenarien für die nächsten Jahre auf. Solange keine umfassende Gemeinschaftsimmunität besteht, ist damit zu rechnen, dass es im Winter immer wieder zu heftigen Corona-Ausbrüchen kommt, nahezu parallel zur Influenza-Saison. "Wenn der Anstieg der Inzidenzen von Jahr zu Jahr geringer ausfällt und damit auch die damit verbundene Intensivbelastung, könnte die Corona-Pandemie wie eine Schwingung, die von Saison zu Saison geringer wird, auslaufen", schreiben die beiden. Die Inzidenzen dürften jedoch jeweils nur so hoch steigen, wie dies intensivmedizinisch geleistet werden könne. "Ein Schließen der Impflücke würde auf der anderen Seite alle vorangegangenen Punkte ad hoc lösen und ein weitestgehend normales Leben ermöglichen."

In der ursprünglichen Version des Artikels hieß es, im November seien im Wochenschnitt täglich etwa 200 neue Patientinnen und Patienten auf den Intensivstationen aufgenommen worden. Das ist richtig, doch wurden im Schnitt jeweils auch etwas mehr als hundert Menschen jeden Tag entlassen. Vom 1. November bis 9. November stieg die Zahl der Covid-19-Patienten auf Intensivstationen von 2054 auf 2678. Das entspricht etwa 80 zusätzlichen Patienten pro Tag.

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