Süddeutsche Zeitung

Yuan-Abwertung:Warum China seine Währung billiger macht

  • Chinas Zentralbank senkt überraschend den Kurs der Landeswährung.
  • Hintergrund ist die maue wirtschaftliche Entwicklung, vor allem der Export-Einbruch.
  • Der Schritt dürfte Misstrauen bei Chinas Handelspartnern wecken. Sogar ein Währungskrieg ist vorstellbar.

Analyse von Marcel Grzanna, Shanghai

Die chinesische Zentralbank hat ihre Landeswährung Renminbi (im Westen überwiegend Yuan genannt) am Dienstag drastisch abgewertet. Sie senkte den täglichen Referenzkurs um 1,9 Prozent und löste den größten Kursrutsch seit 1994 aus. Die Bank begründete ihr Vorgehen in einer Stellungnahme als weitere Annäherung an marktwirtschaftliche Mechanismen. Sie habe sich mit dem gesenkten Referenzkurs den Erwartungen der Händler angepasst, hieß es. Die Staatspresse verkaufte den Schritt als weiteren Baustein des finanzpolitischen Reformprogramms.

Doch der Zeitpunkt der Abwertung mitten in einer Phase schwacher chinesischer Exportzahlen wirft Fragen auf. Denn mit der Abwertung des Yuan greift die Zentralbank auch zu einem altbekannten Gegenmittel bei sinkenden Ausfuhren. Im Juli waren die Exporte der chinesischen Wirtschaft überraschend deutlich um mehr als acht Prozent gesunken und lösten neue Sorgen über die Stabilität der nach den USA zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt aus. Mit einer niedrigeren Bewertung der Währung verschafft Peking seinen Exporteuren einen Wettbewerbsvorteil gegenüber der internationalen Konkurrenz. "Wir gehen davon aus, dass die Maßnahme darauf zielt, Druck von den chinesischen Exporten zu nehmen", sagte der Shanghaier Ökonom Guo Lei.

Analysten erkennen hinter der Abwertung ein weiteres Warnsignal für den Zustand der chinesischen Konjunktur. Für das laufende Jahr hat Peking sieben Prozent Wachstum angepeilt, doch die schwachen Wirtschaftsdaten lassen befürchten, dass dieses Ziel verfehlt wird. An der Richtigkeit der Statistiken wird ohnehin gezweifelt, weil ein transparentes System zur Datenermittlung fehlt und die Zahlen aus den Provinzen in der Vergangenheit häufig frisiert wurden, um die Erwartungen der Zentrale zu erfüllen oder gar zu übertreffen. Das Weltwirtschaftsinstitut in Kiel stellte zudem kürzlich in einer Studie fest, dass Chinas Konjunktur schneller abkühlt als die offiziellen Daten zeigen. Selbst, wenn die sieben Prozent erreicht werden sollten, wäre es das schwächste Wachstum seit 25 Jahren.

Peking befindet sich in der Zwickmühle: Einerseits verspricht die Regierung mehr Liberalität von Finanzmärkten und Kapitalströmen. Andererseits sieht sie sich genötigt, die Konjunktur auf Kurs zu halten. Mit der plötzlichen Angleichung an die Erwartungen des Marktes, die die Zentralbank als Begründung vorschob, bewegt sich China zwar in Richtung seiner Zusagen. Doch ob es sich tatsächlich nur um eine "einmalige Angleichung" handelt, bleibt offen. Bislang hat die Zentralbank bei der Festlegung des Referenzkurses häufig gegen die Erwartungen des Marktes gehandelt, um die Schwankungen der Währung im Zaum halten und die Wertentwicklung besser kontrollieren zu können.

Ein Währungskrieg ist vorstellbar

Mit dem jüngsten Schritt dürften die Chinesen neues Misstrauen bei ihren wichtigsten Handelspartnern in den USA, Europa oder Japan wecken. Die politischen Nachwirkungen könnten sich auch über den USA-Besuch von Chinas Staatspräsident Xi Jinping Ende September legen. Die künstliche Abwertung hat in der Vergangenheit zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt schon für viel Konfliktstoff gesorgt, der immer auch die Lösung anderer Probleme behinderte.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) wird die weitere Entwicklung ebenfalls mit großem Interesse verfolgen. China buhlt darum, in den gemeinsamen Währungskorb mit den wichtigsten Währungen aufgenommen zu werden. Es wäre ein entscheidender Schritt für den Renminbi, seinen von der Staatsführung erhofften Status als Reservewährung voranzutreiben. Peking will mit der Internationalisierung des Renminbi die tragende Rolle des US-Dollars herausfordern und die politische Einflussnahme der Amerikaner mithilfe des Dollars reduzieren. Eingriffe in die Kursentwicklung sind wenig geeignet, das Vertrauen zu stärken.

Doch nicht nur die großen Handelspartner der Chinesen spüren in der Benachteiligung ihrer Firmen auf dem Weltmarkt die Konsequenzen der Währungsabwertung. Vor allem andere Entwicklungs- und Schwellenländer könnten sich ermutigt fühlen, ihrerseits die Landeswährung abzuwerten, um die entstandenen Nachteile auszugleichen. Wenn ein solches Szenario an Dynamik gewinnt, droht ein regelrechter Währungskrieg, der in massiven Einbrüchen bei Auslandsinvestitionen enden könnte und nicht nur einzelnen Volkswirtschaften, sondern auch der globalen Konjunktur schaden könnte.

Auch China selbst muss fürchten, dass ausländisches Kapital abfließt, weil die Sorge um die Wirtschaftsleistung die Investoren umtreibt. Offizielle Statistiken zeigen, dass Chinas Währungsreserven in den vergangenen zwölf Monaten von knapp vier Billionen US-Dollar auf 3,7 Billionen gesunken sind.

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