Süddeutsche Zeitung

Riester-Rente:Politprofi in Nöten

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Der frühere Finanz-Staatsekretär Jörg Asmussen ist seit Oktober 2020 Cheflobbyist der Versicherungsbranche in Berlin. Nun hat er den Zorn mancher Versicherungsvorstände auf sich gezogen.

Von Herbert Fromme, Köln

Jörg Asmussen, einst SPD-Staatssekretär und Vorstandsmitglied der Europäischen Zentralbank, ist eigentlich ein Politprofi durch und durch, auch wenn er die Partei verlassen hat. Seit Oktober 2020 ist er Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Jetzt zeigt sich: Asmussen muss noch am Finetuning im Umgang mit seinen eher konservativen Mitgliedsunternehmen arbeiten.

Am 11. Mai jährte sich zum 20. Mal der Tag, an dem der Bundestag das Gesetz zur Einführung der Riester-Rente beschlossen hatte. Asmussen nutzte die Gelegenheit, um Veränderungen des Systems anzumahnen. "Im Zuge einer Reform lässt sich auch über ein einfaches, digital vertriebenes und kostengünstiges Standardprodukt reden", sagte er. Damit griff Asmussen Kritikpunkte der Politiker auf, die den Versicherern zu hohe Kosten vorwerfen.

Es dauerte mehr als eine Woche, bis die Vorstände in de

n GDV-Mitgliedsunternehmen begriffen, was ihr Berliner Frontmann da der Politik angeboten hatte. Ein Riester-Standardangebot, das nur digital verkauft wird und deshalb günstig sein kann. Damit hat Asmussen in den Augen einer ganzen Reihe von Versicherungsgesellschaften ein Sakrileg begangen: Er hat den provisionsgetriebenen Vertrieb über Vertreter und Makler in Frage gestellt. Der ist zwar teuer und gerade bei der Riester-Rente kaum zu finanzieren, aber nach Ansicht vieler Versicherer sakrosankt. Vor allem Vertriebschefs sind verärgert über die Ankündigung Asmussens, auch wenn sie nicht namentlich genannt werden wollen. Mit dieser Auffassung vertrete der Hauptgeschäftsführer gewiss nicht alle Mitgliedsunternehmen, sagte ein Vorstand der SZ. Einige Versicherer protestierten beim GDV, ohne den gewünschten Erfolg. Asmussen habe darauf verwiesen, dass er dem GDV-Präsidium gegenüber verantwortlich sei, nicht aber einzelnen Unternehmen, heißt es in der Branche.

Doch am Pfingstmontag bewegte sich der Ex-Staatsekretär. In einer Stellungnahme verlangte er "eine vereinfachte Förderung und abgesenkte Garantien". Und weiter: "Und wir können über ein einfaches, kostengünstiges und auch digital zu vertreibendes Standardprodukt sprechen." Der wesentliche Unterschied zu seinem Ursprungsstatement ist das Wort "auch". Damit sind die Vertreter und Makler als Vertriebsweg zumindest nicht ausgeschlossen. Ob das reicht, um die Kritiker zu besänftigen, wird sich in den kommenden Tagen zeigen.

Doch das dürfte Asmussens kleinstes Problem sein. Viel größer ist die Sorge, dass eine künftige Bundesregierung Riester ganz auslaufen lässt und stattdessen ein staatlich organisiertes System des preisgünstigen Fondssparens einführt - ganz ohne Versicherer. Das Vorbild ist Schweden. In der Union und bei den Grünen hat es viele Freunde.

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