Süddeutsche Zeitung

Sahra Wagenknecht beim SZ-Führungstreffen 2011:"Im Klub der glücklichen Spermien"

Lesezeit: 3 min

Mit Sahra Wagenknecht in eine sozialistische Zukunft: Wie die Galionsfigur der Linken Führungskräften der Wirtschaft ziemlich gekonnt die Stirn bietet. Irgendwie müssen ihr manchmal alle recht gegeben, aber das geht natürlich nicht. Auf gar keinen Fall.

Thorsten Denkler, Berlin

Also gut, diese Sache mit der Erbschaftssteuer. Die finden die Unternehmer beim Führungskräftetreffen der Süddeutschen Zeitung im Berliner Hotel Adlon dann doch nicht so lustig. Sahra Wagenknecht sitzt da oben auf dem Podium. Vizechefin von Partei und Bundestagsfraktion der Linken. Ehemals Vorkämpferin der kommunistischen Plattform in ihrer Partei. Seit einer Woche aber vor allem als neue Partnerin an der Seite von Oskar Lafontaine in den Medien.

Diese Wagenknecht also will ran an die Erbschaftsteuer. In ihrem Buch "Freiheit statt Kapitalismus" ist das nachzulesen. Ab einem Erbe von einer Million Euro greift die Wagenknecht-Steuer. Und zwar in Höhe von 100 Prozent.

Bis dahin war eigentlich alles ganz gut gelaufen für Wagenknecht. Ihre Analyse, dass die Märkte wieder gefesselt werden müssen. Dass es nicht sein kann, dass wenige Menschen immer reicher, immer mehr Menschen immer ärmer werden. Dass der Mittelstand Wohlstandverluste hinnehmen muss. Dass die deutsche Wirtschaft nur auf Kosten geringerer Löhne und Renten wieder ganz laut ihren Exportschlager singen kann. Alles sehen die Unternehmer im Saal ganz ähnlich. Der Satz, der an diesem Abend am häufigsten fällt: "Ich teile ihre Analyse."

Es gibt auch keinen Aufschrei als sie Sätze sagt wie: "Ich möchte eine andere Wirtschaftsordnung, und zwar eine sozialistische." Oder: "Wer heute noch Anhänger des Kapitalismus ist, da weiß ich nicht wie weit die Fähigkeit zur Reflexion entwickelt ist."

Im Gegenteil: Viele nicken, als Wagenknecht sagt, der heutige Kapitalismus biete eben nicht Wohlstand für alle, wie der Gottvater der sozialen Marktwirtschaft, Ludwig Erhard es wollte. Unwidersprochen stellt sie fest: "Die Löhne sollten steigen mit der Produktivität. Jetzt ist es umgekehrt." Und manche schauen erstaunt, als sie den Ordoliberalismus nach Walter Eucken verteidigt, wonach der, der den Gewinn hat, auch haften muss.

Im Unterschied dazu glaubten die modernen Neoliberalen, alle Regeln müssten weg, denn der Markt werde es schon richten. Wagenknecht: "Das hätte Eucken nie unterschrieben."

Nur bleibt offen, warum aus dieser Analyse heraus ausgerechnet der Sprung in den Sozialismus der einzige Weg sein soll. Irgendwie beschleicht einen ohnehin der Verdacht, Wagenknecht will eigentlich nur zurück zu den Wurzeln der sozialen Marktwirtschaft statt in eine sozialistische Zukunft.

Sie will den Kapitalismus überwinden, das sagt sie. Aber sie sagt auch, dazu müsse weder die Marktwirtschaft überwunden noch die Planwirtschaft eingeführt werden.

Also alles in Ordnung? Muss keiner Angst haben, dass alles verstaatlicht wird, sobald die Linke eines - wenn überhaupt dann vermutlich sehr, sehr fernen - Tages mal die absolute Mehrheit in Deutschland erringt?

Im Grunde ja, aber irgendwie dann doch nicht. Die Unternehmen sollen den Beschäftigten übergeben werden. Und Personenunternehmer sollen den Schritt mit ihrem endgültigen Ausscheiden aus dem kapitalistischen Leben gehen. Mit anderen Worten: Unternehmen werden nicht mehr an im Zweifel unfähige Erbprinzen- und Prinzessinnen weitergereicht. Die im Zweifel eh nur alles verkaufen, natürlich an "Private-Equity-Heuschrecken", wie Wagenknecht vermutet. Stattdessen geht das Unternehmen an die Beschäftigten.

Und was ist mit der Lebensleistung der Unternehmer?

Empörung und ein klein wenig Applaus

Wagenknecht sieht da kein Problem. Ohne die Leistung der Beschäftigten bestehe ohnehin kein Unternehmen. Der Erbe aber, dessen Leistung bestehe doch allein daraus, zum "Klub der glücklichen Spermien" gehört zu haben. Das reiche einfach nicht als Befähigungsnachweis.

Da rechnen manche im Saal dann schnell mal nach. Wie lange reicht die Million, die ihnen Wagenknecht zubilligt. Und sind empört.

Die einen werfen ihr Ideologie vor, die anderen sprechen ihr ab, sich in Unternehmen auszukennen. "Es ist etwas anderes über Misthaufen zu schreiben, als ihn mit der Schaufel wegzuschaffen!", sagt ein Sparkassendirektor aus dem Schwäbischen.

"Dann sind wir alle Ideologen", kontert Wagenknecht. Und in der Politik habe die betriebswirtschaftliche Sicht ohnehin zu lange die Debatte bestimmt. Jetzt müsse mal die makroökonomische Brille aufgesetzt werden.

Ein Unternehmer ereifert sich, er höre "mit Erschrecken was Sie hier so ablassen". Und: "Was ihr wollt ist Umverteilung! Wie wäre es mal mit Arbeit!"

Bei Wagenknecht tritt er damit ein offenes Scheunentor ein. Umverteilung? "Ja, ich stehe dazu, dass ich Umverteilung will." Und setzt charmant nach, er dürfe sein Unternehmen ja noch führen. Aber: "Ihr Unternehmen wäre dann eben nicht mehr ihr Privateigentum." Na dann ist ja alles gut.

An einer Stelle bekommt Wagenknecht sogar Applaus. OK, da klatscht nur einer, aber immerhin, das ist ja ein Wirtschaftsymposium hier. Diejenigen, die die Fähigkeiten haben, ein Unternehmen zu führen, sollen auch gut bezahlt werden. Nur "wer die Leistung nicht bringt, der hat keinen Anspruch auf die Erträge des Unternehmens".

Für den einen Beifallspender dürfte es für Wagenknecht auf jeden Fall schon gelohnt haben, hierher zu kommen.

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