Süddeutsche Zeitung

Nachhaltigkeit:"Es gibt kein Zurück mehr"

Firmen, die bestehen wollen, müssen umweltfreundlicher wirtschaften. Roland-Berger-Chef Stefan Schaible sagt, viele seien schon sehr aktiv. Bis auf einen Bereich.

Von Caspar Busse

Eines der großen Themen, wenn Unternehmen derzeit die Dienste von Beratungsgesellschaften in Anspruch nehmen, ist nachhaltiges Wirtschaften. Im Mittelpunkt stehen dabei eine ganze Reihe zentraler Fragen: Wie ist die Ausgangslage? Welche Maßnahmen und Prinzipien gibt es und welche kann ich umsetzen? Wie schnell geht das? Und wie kann dann die Einhaltung überwacht werden? "Schnelles Handeln ist geboten", heißt es dazu in einer Studie der Münchner Beratungsfirma Roland Berger. Denn der Druck auf die Unternehmen steige. Konsumenten, Investoren und der Gesetzgeber drängten auf klimafreundliche Lösungen. Der Schutz der Umwelt sei nicht nur das Gebot der Stunde, sondern könne auch für einen deutlichen Wettbewerbsvorteil sorgen, so die Analyse der Berater.

"Es gibt kein Zurück mehr. Am Ende wird der gewinnen, der sich am schnellsten auf die neue Welt einstellt", sagt Stefan Schaible, der Chef von Roland Berger. Europa und Deutschland müssten die Wende hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft möglichst schnell schaffen. "Das ist dann", so ist er überzeugt, "eine große Chance für die deutsche und europäische Wettbewerbsfähigkeit." Etwa der Maschinenbau, die Energiewirtschaft oder die Autoindustrie könnten so ihre führende Rolle behaupten.

Auf der anderen Seite gebe es enorme Risiken, wenn der Zwang zu Veränderungen ignoriert werde. Denn dann wären plötzlich weitaus drastischere Maßnahmen denkbar, verbunden mit einem doppelten Risiko für Unternehmen. So könnte auf der einen Seite der Zugang zu Versicherungen und Finanzierungen eingeschränkt werden - etwa indem Banken Unternehmen, die nicht nachhaltig wirtschaften, Kredite verweigern. Zum anderen könnten die bisherigen Geschäftsmodelle nicht mehr tragfähig sein, zum Beispiel wenn die Kunden in absehbarer Zeit keine Autos mit Verbrennungsmotoren mehr kaufen oder vor Ware in Plastikverpackungen zurückschrecken. In der Folge könnten die Umsätze schrumpfen, gleichzeitig höhere Kosten für die CO₂-Emissionen die Margen drücken: "Ein doppelter Ergebnisdruck also", so das Fazit.

Sollte der Emissionspreis für Kohle beispielsweise von aktuell 25 auf 100 Euro steigen, was sinnvoll sei, seien in vielen Branchen ohne Gegenmaßnahmen bis zu 50 Prozent der Unternehmensgewinne bedroht. Es gebe also "ernste Risiken für die Margen". Die Unternehmen sollten deshalb Dekarbonisierung, also die Abkehr von fossilen Energien hin zu einer klimaneutralen Produktion, nicht als Kostenfaktor sehen, sondern als Investition in die Zukunft. "Unternehmen, die jetzt handeln, können sich im neu verstandenen Wettbewerb einen klaren Vorsprung sichern", so das Fazit.

Doch einfach ist eine schnelle Umstellung nicht. "Die Industriebereiche, die hohe Energie- und Transportkosten haben, stehen vor einer besonders großen Herausforderung", stellt Schaible fest. Auch die Schwerindustrie, etwa die Stahlerzeugung, habe noch einen weiten Weg. Das große Hüttenwerk von Thyssenkrupp in Duisburg ist heute für 2,5 Prozent aller CO₂-Emissionen in Deutschland verantwortlich. All diese Bereiche müssen einen besonders hohen CO₂-Ausstoß kompensieren oder reduzieren. "Den größten unmittelbaren Druck haben die Branchen mit einem Endkonsumenten-Geschäft", so Schaible weiter. Denn immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher verlangten nach umweltfreundlichen und nachhaltigen Produkten. Immer mehr seien bereit, für grüne Produkte einen Mehrpreis zu akzeptieren oder einen Aufschlag zum Emissionsausgleich zu bezahlen. Auch die Investoren, private und institutionelle, wollen nachhaltige Anlagenmöglichkeiten und gehen davon aus, dass sozial verantwortliche und nachhaltige Unternehmen besser abschneiden als die Konkurrenz.

Viele Unternehmen haben das begriffen. "Der Druck aus der Wirtschaft selbst zu mehr Nachhaltigkeit und schnellen Veränderungen ist erstaunlich hoch, höher als ich erwartet hatte", sagt Schaible. Die Pandemie wirke zusätzlich wie ein "Turbo für die Entwicklung". Denn plötzlich sei klar, wie schnell und radikal Veränderungen möglich sind. Der Druck der Politik werde zunehmen, wie die EU-Kommission gerade mit ihrem "Fit for 55"-Programm gezeigt habe. Demnach soll der Ausstoß von schädlichen Treibhausgasen in der EU bis 2030 um 55 Prozent gegenüber 1990 gesenkt werden, unter anderem sollen von 2035 an nur noch emissionsfreie Autos zugelassen werden dürfen, ein faktisches Aus also für herkömmliche Antriebe. Schaible betont: "Wichtig ist, dass die richtigen, dann aber verlässlichen Anreize gesetzt und vor allem bürokratische Hemmnisse schnell abgebaut werden." Und er fügt an: "Wir brauchen radikale Veränderungen."

Der öffentliche Sektor ist viel zu langsam, dabei könnte er Vorbild sein

Ein besonderes Defizit sieht Schaible ausgerechnet in der staatlichen Verwaltung, denn es bestehe "großer Nachholbedarf" im öffentlichen Sektor in Deutschland. "Die Transformationsgeschwindigkeit der öffentlichen Verwaltung muss massiv erhöht werden", sagt Schaible. Roland Berger sei hier in der Beratung besonders aktiv. Es gebe Schätzungen, nach denen alleine vier Prozent der CO₂-Emissionen in Deutschland eingespart werden könnten, wenn die öffentliche Hand, dort, wo sie es beeinflussen könne, schnell Maßnahmen umsetzen würde, so Schaible. Doch bislang sei oft nicht einmal genau analysiert worden, welche CO₂-Emissionen im öffentlichen Bereich überhaupt anfallen. "Es würde gerade dem öffentlichen Sektor gut zu Gesicht stehen, im Bereich Nachhaltigkeit eine führende Rolle einzunehmen", mahnt Schaible an.

Die Berater selbst wollen jedenfalls mit gutem Beispiel vorangehen. Das Ziel von Roland Berger heißt, bis 2028 Netto-Null-Emissionen zu erreichen, also mehr Kohlendioxid aus der Atmosphäre zu entziehen als in sie auszustoßen. So wurde bereits die Firmenwagenrichtlinie überarbeitet, der Bezug von erneuerbaren Energien ausgebaut, Videoarbeit gefördert und die Reiseaktivitäten reduziert, die Bahn soll dem Flugzeug vorgezogen werden. Gerade von jüngeren Kollege gebe es dafür viel Applaus, sagt Schaible, andere müssten manchmal auch überzeugt werden.

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