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Frauen und Karriere:Warum der Begriff "Powerfrau" überholt ist

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Es klingt verlockend, dabei steckt die Abwertung schon in der Wortkomposition. Oder haben Sie schon mal vom Powermann gehört? Es wird Zeit für Empathie und egofreie Zonen in der Arbeitswelt.

Von Elisabeth Krainer

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Dieser Artikel erschien zuerst in "Plan W", dem Frauen-Wirtschaftsmagazin der SZ. Warum ist der Begriff Powerfrau überholt? Wie legt man am besten Geld fürs Alter zurück? Und weshalb müssen reisende Berufe neu gedacht werden? Antworten darauf und weitere Interviews und Porträts finden Sie in der digitalen Plan W-Ausgabe.

Man nehme einen herkömmlichen Business-Ratgeber, der sich an Führungskräfte richtet. Man suche sich zwischen den Symbolbildern von Löwen und Wolfsrudel ein paar einprägsame Tipps heraus: "Sei stärker als deine stärkste Ausrede" oder "Das Leben beginnt außerhalb der Komfortzone". Dann unterlege man die Ratgeberfloskel mit rosa Hintergrund. Fertig ist die "Powerfrau"! Ein Begriff so sperrig und falsch, dass man dringend die heiße Luft aus ihm rauslassen muss.

In den vergangenen Jahren hat sich ein Instagram-tauglicher Prototyp der Powerfrau entwickelt: Sie hat "es geschafft", sie jammert nicht und steht auf Augenhöhe mit Alpha-Männern. Der einzige Unterschied zwischen ihr und den genannten Kollegen? Sie ist Feministin, oder was auch immer das heißt, denn ihre eigene Laufbahn ist schließlich der gleichberechtigte Traum. Diese "Girlboss"-Attitüde, die 2014 maßgeblich von der Unternehmerin Sophia Amoruso geprägt wurde, ist ein toxischer Mix aus dem American Dream ("Jede und jeder kann alles schaffen") und Wohlfühlfeminismus, der lieber privilegierte Frauen auf ein Podest hebt, als den weniger privilegierten zu helfen. Stattdessen verkauft er sich gut auf T-Shirts.

Denn "Powerfrau" klingt verlockend. Dabei steckt die Abwertung schon in der Wortkomposition: Sie besagt, dass man nur dann Power hat, wenn man Geld verdient und sich verhält wie all die Dudes in Führungsetagen, die zusehen, wie uns der Planet unter den Füßen wegbrennt. Haben Sie schon mal gehört, dass eine Person als Powerfrau bezeichnet wurde, die ausschließlich Care-Arbeit und Mental Load wuppt? Oder dass sich ein Typ Powermann nennt? Warum brauchen lohnarbeitende Frauen diesen Zusatz? Feministisch ist das nicht. Im Patriarchat aber natürlich praktisch, wenn das Kompliment gleich inklusive Beleidigung geliefert wird.

Die Pandemie hat die Karten neu gemischt. Sie hat gezeigt, wie sehr das Alpha-Gehabe von Chefs und Chefinnen vielen Arbeitenden das Leben erschwert. Präsenzpflicht dank Kontrollwahn? Starre Arbeitszeiten, während das Care-System zusammenbricht? Monolog-Meetings ohne Inhalt, die die produktive Arbeitszeit verkürzen? Corona hat den Geduldsfaden derer verdünnt, die dem "Power"-Klischee nicht entsprechen und den Blick für die Eigenschaften geschärft, die nicht bloß einzelne Akteure und Akteurinnen in den Mittelpunkt stellen. Erstaunlich, dass es für diese Erkenntnis eine globale Gesundheitskrise braucht. Aus welchem Grund wurden Egomanie und Selbstüberschätzung jemals als Stärken eingestuft?

Es wäre natürlich vermessen, jede Person mit Führungspotenzial als egomanen Alpha zu bezeichnen. Im besten Fall haben sie großes Potenzial, das Unternehmen nutzen können. Gleichzeitig können sie aber lähmen - mit der Gier nach Macht, überbordender Selbstdarstellung und starrem Hierarchiedenken. Das Magazin Neue Narrative erzählt "Geschichten aus einer neuen, egofreien Arbeitswelt" und schreibt: "Der Mensch ist von Natur aus weder nur egoistisch veranlagt noch per se konkurrenzorientiert. Doch er bewegt sich in Organisationen, in denen der Einsatz von Ellenbogen belohnt wird." Es müsse also dafür gesorgt werden, dass Menschen schief angeschaut würden, wenn sie ihre Ellenbogen ausfahren. Die Wirtschaft braucht Strukturen, die nicht ausschließlich auf Konkurrenz basieren. Viel wichtiger als Ellenbogen: Empathie.

Ein Weg dorthin kann vertikales Lernen sein, eine Methode aus der Entwicklungspsychologie. Dabei geht es um Selbstreflexion und das Einordnen der eigenen Emotionen und Reaktionen. Dadurch können sich neue Allianzen und Netzwerke bilden, die dafür sorgen, dass Unternehmen resilient agieren können. Soft Skills also, ohne die man 2021 wirklich nicht mehr in Führungsetagen sitzen sollte. Der erste Schritt: Sich selbst nicht mehr Powerfrau nennen, weil es andere ausgrenzt. Zweiter Schritt: Patriarchale Business-Ratgeber entsorgen.

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