Süddeutsche Zeitung

Pipers Welt:Wie bei der Ölkrise

Klimaneutralität könnte ohne große Einbußen am Lebensstandard möglich sein. Der Übergang verursacht aber hohe gesamtwirtschaftliche Kosten.

Von Nikolaus Piper

Wirtschaftspolitik braucht Zeit, um zu wirken. Was theoretisch simpel klingt, kann in der Praxis weitreichende Konsequenzen haben. Als Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard nach der Währungsreform 1948 überraschend die Preise freigab, verschlechterten sich in Westdeutschland erst einmal fast alle Wirtschaftsdaten. Die Inflation stieg, die Arbeitslosigkeit auch, weshalb der Deutsche Gewerkschaftsbund noch im selben Jahr zum Generalstreik aufrief. Der Weg ins Wirtschaftswunder begann erst nach 1950. Studenten der Volkswirtschaftslehre lernen dieses Zeitproblem in allgemeiner Form unter dem Begriff "J-Kurve" kennen. Lehrbuchbeispiel ist dabei ein Land, das das Defizit in seiner Leistungsbilanz abbauen will. Tut die Regierung das Richtige und wertet die Währung ab, wird das Defizit allein wegen des Wechselkurses erst noch weiter steigen, ehe es sinken kann. Die Handelszahlen des Landes sehen danach in der Grafik wie ein "J" aus.

Das Prinzip der J-Kurve lässt sich auch auf viele andere Bereiche anwenden. Zum Beispiel auf die Klimapolitik. Mittlerweile haben alle im Bundestag vertretenen Parteien, mit Ausnahme der AfD, das Problem erkannt und wollen möglichst schnell mehr für den Schutz des Weltklimas tun. Politiker von Grünen, Union, SPD und FDP machen klar, dass es nicht einfach werden wird, ohne fossile Energieträger auszukommen, sie versprechen jedoch explizit oder implizit, dass Klimapolitik nicht notwendigerweise Verzicht auf Wohlstand bedeuten muss. Klimaschutz sorge "für zukunftsfähige Jobs und damit ein gutes Leben der Menschen", heißt es im Programm der Grünen. Ursula von der Leyen, die Präsidentin der EU-Kommission, sagt: "Wir wollen der nächsten Generation sowohl einen gesunden Planeten hinterlassen als auch gute Arbeitsplätze und Wachstum, das unsere Natur nicht schädigt."

Aber ist das überhaupt möglich - die Wirtschaft eines Industrielandes klimaneutral zu machen und gleichzeitig Wohlstand und Wachstum zu schaffen? Der Abschied von Kohle, Öl und Gas kostet erst einmal viel Geld; Produktionslinien und ganze Fabriken werden obsolet und müssen abgeschrieben werden. In der Autoindustrie verschwinden Jobs, ganz einfach weil Elektromotoren mit weniger Aufwand zu produzieren sind als Verbrennungsmotoren. Zwar ist es plausibel anzunehmen, dass in der dekarbonisierten Wirtschaft neue, gute Arbeitsplätze entstehen und dass es den Menschen dann auch materiell gut gehen wird - vor allem wenn man in Rechnung stellt, wie die Erde aussehen würde, sollte die Menschheit so weitermachen wie bisher. Aber erst einmal wird der Übergang zu einer klimaneutralen Wirtschaft Opfer und Verzicht verlangen. Wäre dies anders, wäre die ganze Welt längst klimaneutral.

Der einflussreiche französische Ökonom Jean Pisani-Ferry hat diese Zusammenhänge zwischen Klimapolitik heute und möglichem Wohlstand morgen genauer untersucht. In einem bemerkenswerten Aufsatz für das amerikanische Peterson Institute for International Economics (PIIE) versucht er zu schätzen, was die Dekarbonisierung der Wirtschaft kostet und wie die Gesellschaft damit umgehen sollte. Pisani-Ferry - er gehörte unter anderem dem Wahlkampfteam des französischen Präsidenten Emmanuel Macron an - beschäftigt sich dabei konkret mit den Wirkungen einer CO₂-Steuer auf die Gesamtwirtschaft. Derartige Abgaben auf die Emission von Kohlendioxid gelten als wirksamstes Instrument der Klimapolitik. Je höher diese Abgabe, desto teurer wird es, Kohle, Öl oder Gas zu verbrennen - gut für das Klima, aber erst einmal eine Last für die Gesamtwirtschaft.

Der Ölpreisschock löste weltweit eine schwere Rezession aus

Pisani-Ferry vergleicht das, was der Wirtschaft durch eine konsequente Klimapolitik bevorsteht, mit der Ölkrise der Jahre 1973 und 1974. Damals hatten die Ölförderländer des Nahen Ostens schlagartig ihre Exporte gedrosselt, wodurch der bis dahin spottbillige Rohstoff binnen Kurzem um 70 Prozent teurer wurde. Das kam, so Pisani-Ferry, einem negativen Angebotsschock von 3,6 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung gleich. Dieser Schock löste weltweit eine schwere Rezession aus. Für die Klimapolitik, um die es heute geht, kommt der Ökonom in einer Modellrechnung zu vergleichbaren Zahlen: Würde eine Tonne CO₂ weltweit mit einer Abgabe von 75 Dollar belegt, wäre die Wirtschaft einem Schock von 2,7 Prozent des heutigen Weltsozialprodukts ausgesetzt. Läge der Preis bei 100 Dollar je Tonne, wären es 4,1 Prozent. Das wäre nicht einmal besonders ehrgeizig. Nach Meinung des Umweltbundesamtes fängt bei 100 Dollar eine echte Lenkungswirkung erst an. Derzeit wird eine Tonne CO₂ im internationalen Durchschnitt mit zehn Dollar belastet, in Deutschland gilt seit Beginn dieses Jahres eine CO₂-Steuer von 25 Euro je Tonne auf Benzin, Diesel, Heizöl und Gas.

Diese Zahlen bedeuten nicht, dass alles demnächst so werden wird wie 1974. Ein wichtiger Unterschied: Damals landeten die Ölmilliarden erst einmal auf Bankkonten von Scheichs und anderen reichen Leuten, und das Geld wurde so erst einmal dem Wirtschaftskreislauf entzogen. Über die Erlöse der CO₂-Abgabe dagegen können die betroffenen Staaten selbst entscheiden und die Mittel etwa für soziale Ausgleichszahlungen oder für Investitionen verwenden. Das ist ein Fortschritt, aber es schafft das Problem nicht aus der Welt. Geld, das jetzt in erneuerbare Energien, in Eisenbahnen und Niedrigenergiehäuser investiert wird, steht für den Konsum nicht mehr zur Verfügung. Es wird auch schwerer werden, nach Corona wieder zu einem ausgeglichenen Haushalt zurückzukehren. Verteilungskonflikte sind daher unvermeidlich. Wer politische Mehrheiten für eine konsequente Klimapolitik erringen will, der muss sich auf diese Konflikte einstellen.

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